10:49 19 September 2018
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    Wahlplakat der Linkspartie (Archiv)

    Neue Studie: Russlanddeutsche wählen eher Linkspartei als AfD

    Politik
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    Armin Siebert
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    Laut einer neuen Studie wählten die Russlanddeutschen bei der letzten Bundestagswahl eher die Linke als die AfD. Die CDU/CSU verliert, bleibt aber stärkste Kraft, während die Grünen am wenigsten beliebt sind. Wladimir Putin bewerten Russlanddeutsche positiver als Angela Merkel. Und sie befürworten mehrheitlich den Beitritt der Krim zu Russland.

    Damit hätte wohl niemand gerechnet. Nicht einmal die Linkspartei selbst. Nicht ein Journalist oder Politiker hatte im Bundestagswahlkampf vermutet, dass die Russlanddeutschen im Jahre 2017 eher mit den Linken sympathisieren als mit der AfD.

    Forscher der Universitäten Köln und Duisburg-Essen haben die erste ausführliche Studie zum Wahlverhalten von Deutschtürken und Russlanddeutschen bei der letzten Bundestagswahl vorgelegt. Die „Immigrant German Election Study“ belegt nun, dass in Deutschland lebende wahlberechtigte Russlanddeutsche am 24. September 2017 neben der Union aus CDU und CSU am ehesten die Partei Die Linke wählten. Die AfD war in der Gunst der deutschstämmigen Auswanderer aus den postsowjetischen Republiken drittstärkste Kraft.

    Die Linke zweitstärkste Kraft bei Russlanddeutschen

    Die Studie kommt zum Ergebnis, dass 21 Prozent der Russlanddeutschen und damit mehr als doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt die Linkspartei gewählt haben. Andrej Hunko, Bundestagsabgeordneter der Linken, sieht dafür zwei Gründe:

    „Das ist einmal die soziale Dimension. Da haben wir viel deutlichere Angebote und auch Vorstellungen, was man da machen kann, haben das im Wahlkampf auch thematisiert. Und das zweite ist unsere Positionierung zum Konflikt Ukrainekrise, Donbass, Krim und Sanktionen. Da haben wir sehr deutlich gesagt, dass wir die Sanktionspolitik ablehnen, dass wir die einseitige Schuldzuweisung an Russland ablehnen. Das letztere tut auch die AfD, muss man sagen. Beide Parteien haben überproportional abgeschnitten, aber die Linke deutlicher, und das freut mich.“

    CDU hat eingebüßt bei Russlanddeutschen

    Traditionell gelten Russlanddeutsche als CDU-Wähler. Die Erklärung hierfür ist neben einer eher wertekonservativen Einstellung vieler Russlanddeutscher möglicherweise auch eine gewisse Dankbarkeit gegenüber Helmut Kohl, der sich nach der Wende für die Einwanderung der Russlanddeutschen in die BRD einsetzte.

    Während bei der Bundestagswahl 2013 noch 36 Prozent der Russlanddeutschen für die Union stimmten, waren laut der Studie 2017 nur noch 27 Prozent für die CDU/CSU. Damit liegt die Union noch immer auf Platz Eins bei den Russlanddeutschen, hat aber stark an Wählerstimmen eingebüßt.

    Grüne am antirussischsten

    Mit Abstand die wenigsten Russlanddeutschen wählen die Grünen – gerade mal acht Prozent.

    Hunko von den Linken hat auch dafür eine Erklärung:

    „Die Grünen sind im Bundestag diejenige Partei, die in der ganzen Konfliktsituation am antirussischsten auftritt, in allen Phasen der Ukraine-Krise. Die Grünen waren die ersten, die das G8-Format auf G7 reduzieren wollten. Sie sind jetzt diejenigen, die sich am deutlichsten für die Rücknahme des eigentlich schon entschiedenen Projektes Nord Stream 2 ausgesprochen haben. Das überrascht eigentlich nicht.“

    SPD und FDP kamen bei russischstämmigen Deutschen auf jeweils 12 Prozent.

    Tabelle 6: Berichtete Zweitstimmanteile nach Gruppen
    © Foto : Goerres, Spies und Mayer 2018.
    Tabelle 6: Berichtete Zweitstimmanteile nach Gruppen

    Die Wahlbeteiligung lag bei den Russlanddeutschen mit etwa 58 Prozent niedriger als bei Deutschen ohne Migrationshintergrund (76,2 % bei der Bundestagswahl).

    Russlanddeutsche und AfD – von den Medien aufgebauscht

    15 Prozent der wahlberechtigten Russlanddeutschen haben bei der Bundestagswahl mit ihrer Zweitstimme für die AfD gestimmt. Dieser Wert liegt nur leicht über dem offiziellen Wahlergebnis der Newcomer im Bundestag (12,6 Prozent).

    „Das konterkariert das Bild, das in den Medien hier immer aufgebaut wurde. So einfach ist es halt nicht“, so Hunko.

    Während des Wahlkampfs zur Bundestagswahl wurde in zahlreichen Medien spekuliert, dass viele Russlanddeutschen die AfD wählen würden. Auch Sputnik hat sich an der Diskussion beteiligt.

    Feindbild Russland

    Hunko sieht in der Medienkampagne gegen die Russlanddeutschen auch das Pflegen eines Feindbildes:

    „Es gibt dieses Bild, das im Westen und nicht nur in Deutschland systematisch aufgebaut wird, wo alles, was als bedrohlich empfunden wird, irgendwie mit Russland amalgamiert wird. Ich denke da auch an die ganzen Cyberdebatten, die Wahl von Trump in den USA, den Brexit, auch in Spanien in der Katalonienkrise wurde das praktisch den Russen zugeschoben – und jetzt bei der Bundestagswahl. Das ist Teil eines Feindbildaufbaus, den wir doch sehr deutlich ablehnen.“

    Putin positiver als Merkel

    In der Studie wurde nicht nur das Wahlverhalten der Russlanddeutschen abgefragt. Ein Aspekt widmete sich ihrer Einstellung zum russischen Präsidenten. Wladimir Putin wurde in der Umfrage auf einer Skala von —5 bis +5 im Schnitt positiv beurteilt (1,4). Damit lag Putins durchschnittliche Bewertung über der von Angela Merkel (1,1).

    Die meisten sind für den Beitritt der Krim zu Russland

    Eine weitere Frage in den Interviews zur Studie widmete sich der Bewertung der Eingliederung der Krim in die Russische Föderation.

    Knapp 60 Prozent der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion unterstützen das Vorgehen Russlands im Krim-Konflikt, knapp 40 Prozent lehnen es ab. Dabei unterschieden sich die Zustimmungsanteile nach Herkunftsland. Während etwa 70 Prozent der Eingewanderten aus Russland den Anschluss der Krim unterstützen, ist das Verhältnis bei Russlanddeutschen ukrainischer Herkunft nahezu umgekehrt – hier unterstützen nur 30 Prozent das Vorgehen Russlands.

    Tabelle 13: Einstellung zum Krim-Konflikt
    © Foto : Quelle: Goerres, Spies und Mayer 2018.
    Tabelle 13: Einstellung zum Krim-Konflikt

    Russlanddeutsche bilden mit circa 2,5 Millionen Menschen nach den Deutschtürken die größte Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland.

    Für die „Immigrant German Election Study“ wurden knapp 500 Deutsche mit sowjetischem oder postsowjetischem Hintergrund („Russlanddeutsche“) sowie knapp 500 türkischstämmige Deutsche („Deutschtürken“) zufällig ausgewählt und persönlich bei sich zuhause von geschulten Sozialwissenschaftlern rund siebzig Minuten zur Bundestagswahl befragt.

    Das Interview mit Andrej Hunko zum Nachhören:

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    Tags:
    Wahlen, AfD, Bundestag, CDU/CSU, Die LINKE-Partei, Angela Merkel, Wladimir Putin, Krim, Ukraine, Russland, Deutschland