20:51 17 August 2018
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    Die ehemalige AfD-Chefin Frauke Petry in Berlin (Archiv)

    „Den Tag fand ich immer schon furchtbar“ – Frauke Petry EXKLUSIV zum Frauentag

    © AFP 2018 / Tobias Schwarz
    Politik
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    Paul Linke
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    Bei Frauke Petry stößt der Internationale Frauentag auf wenig Begeisterung. Die ehemalige AfD-Chefin hält die MeToo-Debatte für „völlig überzogen“ und die „Gender Pay Gap“ für nicht existent. Doch Gleichberechtigung findet sie trotzdem wichtig. Sputnik hat anlässlich des Frauentages mit ihr gesprochen.

    Frau Petry, wie wichtig ist für Sie der 8. März als internationaler Frauentag und das Thema Gleichberechtigung?

    Letzteres schon, aber den Tag fand ich immer schon furchtbar. Zu DDR-Zeiten wurden an dem einen Tag Frauen gefeiert, denen sonst im täglichen Leben wenig geholfen wurde, wo sie klar die sehr viel größere Belastung als Männer hatten mit Kindern und Beruf und alledem, was in der DDR anstrengend und aufwendig war, wie das Einkaufen und Schlangestehen.

    Und im Grunde hat sich die Behandlung dieses Tages auch im vereinigten Deutschland nicht geändert. Man feiert sicherlich Gleichberechtigung, zurecht. Man macht daraus aber viel zu häufig Gleichmacherei. Gleichstellung ist eben gerade nicht Gleichberechtigung. Und man fängt auch an, völlig unnötige Baustellen aufzumachen, wie eine gegenderte Nationalhymne oder eine angebliche Frauenquote in der Bundesregierung oder viele andere Dinge, die mit dem normalen und realen Leben wenig zu tun haben.

    100 Jahre Frauenwahlrecht wird dieses Jahr begangen. Wie steht es denn 100 Jahre später um die Gleichberechtigung der Frauen in unserer Gesellschaft?

    Da wir nicht davon ausgehen, dass Männer und Frauen gleich sind, birgt der Anspruch, überall für Gleichheit zu sorgen, schon im Ansatz ein Problem. Gleichberechtigung ist selbstverständlich notwendig. Frauen sind nicht dümmer als Männer. Frauen sollten die gleichen Chancen haben. Aber wir wissen, dass „gleich“ sowieso nie in letzter Konsequenz funktioniert.

    Deswegen sollten wir eher von einer Chancengerechtigkeit reden. Um die sieht es meiner Ansicht nach gar nicht so schlecht bestellt aus. Ich kann auch so manchen Jungen und Mann verstehen, der beklagt, dass es zwar einen „Girls Day“ gibt, aber der „Boys Day“ oder vielleicht auch einmal die Gleichberechtigung der Herren zu wünschen übrig lässt. Ich glaube, dass dort auch eine ganze Menge Nebelkerzen aufgemacht werden, wenn vom sogenannten „Gender Pay Gap“ gesprochen wird, den es bei genauerer Betrachtung überhaupt nicht gibt.

    Ich stelle fest, dass Frauen sich gerade in Berufsdingen häufig ganz bewusst anders entscheiden als Männer: für etwas weniger Berufstätigkeit und für mehr Familie. Das müssen nicht alle so machen. Insofern ist es mir lieb, wenn das Leistungsprinzip gilt: gleichermaßen, ohne Berücksichtigung des Geschlechts.

    Nichtsdestotrotz wird die mangelnde Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern kritisiert, mit Blick auf bestehende Lohnunterschiede, ungleiche Teilhabe von Frauen in Politik und Wirtschaft oder den Sexismus in unserer Gesellschaft. Wie erklären Sie sich diesen Zustand? Warum gibt es 100 Jahre nach dem Frauenwahlrecht immer noch diese Probleme?

    Naja, ob es die wirklich gibt, ist eben die Frage, oder ob das nicht politische Nebelkerzen sind. Beim „Gender Pay Gap“, der ungleichen Bezahlung, hält dieser Vorwurf einer wissenschaftlichen Betrachtung nicht stand, weil man dazu die Position der Frau und den Umfang der Berufstätigkeit und viele andere Dinge einfließen lassen muss. Das ist ein typisches Projekt der sozialistischen und grünen Linken, politisch meinetwegen opportun, aber nicht wirklich ehrlich. Und was den Sexismus angeht, den hat es zu allen Zeiten gegeben.

    Wenn Sie die Spannungen, auch die körperlichen Spannungen zwischen Männern und Frauen beseitigen wollen, dann müssen wir nur so weitermachen. Sicherlich sollten Männer nie übergriffig gegenüber Frauen werden. Gleiches gilt andersrum. Und vieles von der MeToo-Debatte ist völlig überzogen und aufgeblasen und eigentlich dazu geeignet, auch ganz viel kaputtzumachen. Insofern rate ich bei all diesen Themen zu mehr Gelassenheit. Wenn der Staat wirklich etwas für Frauen tun will, und für Männer gleichermaßen, dann sollte er dafür sorgen, dass wir freie Entscheidungen treffen können und dass es eine gute Schulbildung gibt, dass in der Tat die Schulbildung nicht vom Portemonnaie der Eltern abhängt. Ab dann ist am Ende immer jeder für sich selbst verantwortlich.

    Ist es denn richtig, dieser Ungleichheit mit gesetzlichen Regelungen zu begegnen?

    Gesetzliche Regelungen sind Krücken. Die können mal sinnvoll sein und mal völlig nach hinten losgehen. Ich halte die Frauenquote für gutgemeint, aber schlechtgemacht, weil am Ende Quoten noch nie geholfen haben und weil es nicht sein kann, dass am Ende Frauen bevorzugt werden, wenn die Qualifikation auf dem Papier die gleiche ist. Das halte ich nicht für gerechtfertigt.

    Das hilft Frauen im Übrigen auch nicht, weil sie als sogenannte Quotenfrauen am Ende sogar der Häme der Mitarbeiter ausgesetzt sind. Insofern halte ich Quotenregelungen immer für bedenklich. Das gleiche gilt für Subventionen, also Steuererleichterungen. Die können immer ein Mittel für eine befristete Zeit sein. Aber darauf eine ganze Wirtschaft aufzubauen, davon kann man nur abraten.

    Auch in der CSU wird nun bemängelt, dass die Gleichberechtigung dort nicht angekommen ist. Alle drei Ministerien werden von Männern besetzt. Wie sehen Sie die Debatte um die Genderverteilung in den Ministerien?

    Das ist eine unsinnige Debatte. Das muss die CSU für sich ausmachen, wenn sie die Ministerien besetzen darf. Gerade der Vorwurf, Frauen hätten es in der Politik schwerer, stimmt nun überhaupt nicht. Im Gegenteil, wenn Sie Wahlversammlungen anschauen, wo sich Frauen zur Wahl stellen, dann werden Frauen sogar deswegen häufig auf Listen gewählt, weil sie Frauen sind, damit man eben nicht nur Männer hat. Meine Erfahrung aus der Politik zeigt, dass man als Frau eher bevorzugt als benachteiligt ist, und manche Parteien helfen sogar mit einer parteiinternen Frauenquote nach. Die ist meiner Ansicht nach aber innerhalb von Parteien genauso wenig geeignet dazu, die Besten nach oben zu befördern, wie außerhalb von Parteien.

    Wie stehen Sie eigentlich als Mutter von fünf Kindern zum Werbeverbot für Abtreibungen und zum Paragraphen 219a?

    Das ist eine emotionale Debatte, die wir auch im Bundestag geführt haben. In der Tat müssen wir uns ins Gedächtnis rufen, dass bei aller Freiheit, die wir genießen, die Abtreibung am Ende nach wie vor eine Straftat ist. Die wird zwar in Deutschland nicht geahndet. Aber es ist und bleibt juristisch eine Straftat. Und ein Ende des Werbeverbots für Abtreibungen zu fordern, heißt, sich für Werbung für eine Straftat stark zu machen. Das gerät bei der Debatte ein bisschen aus dem Blick. Ich bin sehr dafür, dass Frauen über ihren eigenen Körper entscheiden können. Aber es geht bei der Frage der Abtreibung auch um das Leben des ungeborenen Kindes.

    Das wird bei der Debatte sehr, sehr häufig ausgeblendet. Deswegen bin ich dafür, dass es so bleibt, wie es ist, weil das Verfahren gut durchdacht und, wie viele noch wissen, in den 90er Jahren sehr detailliert und emotional diskutiert wurde. Der Kompromiss, den wir da jetzt haben, mit dem können wir leben. Es ist traurig zu sehen, dass es in Deutschland immer noch mindestens 100.000 Abtreibungen pro Jahr gibt, dass so wenig Frauen für das Kind entscheiden können – aus welchen Gründen auch immer.

    Was wünschen Sie sich in der Zukunft in der Gleichstellungsdebatte?

    Ich wünsche, dass wir mal eine Debatte um Inhalte führen. Und zu der können Frauen und Männer gleichermaßen beitragen, ohne jegliche Quoten. Mehr Gelassenheit! Unsere dringenden Probleme in Deutschland sind nicht die Gleichstellung von Mann und Frau, sondern vielleicht eher, dass wir Parallelgesellschaften erleben, wo wir meilenweit davon entfernt sind, dass Frauen gleichberechtigt sind, geschweige denn gleichgestellt.

    Überhaupt sollte die Politik endlich anfangen, die wirklichen Probleme zu adressieren. Ob das die Frage eines zerfallenden Europas, einer ungelösten Migrationsfrage, einer nicht bezahlbaren und absehbar scheiternden Energiepolitik ist in diesem Land – MeToo, Sexismus, Gleichstellung und was wir alles haben, sind nicht wirkliche Probleme, die wir aktuell haben.

    Haben Sie eine Frau als Idol?

    Ich habe das schon mal erzählt: Frau Hamm-Brücher, eine sehr streitbare Frau der FDP, die habe ich immer sehr bewundert und geschätzt. Viele junge Leute heute kennen sie schon gar nicht mehr, weil sie schon etwas betagter ist und nicht mehr im aktiven Politikgeschäft. Auch Rita Süssmuth hat, wie ich finde, an vielen Stellen in der Politik einen sehr überzeugenden Kampf gekämpft.

    Das sind zwei Damen, die ich in der Tat sehr schätze. Ansonsten glaube ich, gibt es eine ganze Reihe von Leuten, die ich beeindruckend finde, auch wenn sie schon lange tot sind – auch Martin Luther mit seiner Überzeugung, die er ausgedrückt hat mit seinem Spruch: „Ich stehe hier und kann nicht anders.“ Er ist jemand, der sicher streitbar und kontrovers war, dem dieses Europa aber mit der Reformation viel zu verdanken hat.

    Frau Petry, meine letzte Frage: Sehen Sie sich eigentlich selbst als Feministin?

    Haha. Darüber habe ich nie nachgedacht.

    Das komplette Interview mit Frauke Petry zum Nachhören:

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    Tags:
    Nationalhymne, Interview, Frauentag, Gendergleichheit, AfD, CDU, Angela Merkel, Frauke Petry, Deutschland
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