14:30 22 Juli 2018
SNA Radio
    Die Europapolitikerin und bekennende Feministin Cornelia Ernst (Archiv)

    „Nichts hält sich so lang wie ein Vorurteil“ – Cornelia Ernst (Linke) zum Frauentag

    CC BY 2.0 / dielinke_sachsen / Cornelia Ernst
    Politik
    Zum Kurzlink
    Ilona Pfeffer
    4829

    Trotz vieler erreichter Ziele der Frauenbewegung gibt es noch eine große Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Dagegen lohnt es sich zu kämpfen, sagt Cornelia Ernst (Linkspartei). Die junge Generation der Feministinnen soll mit ihrer frechen und unorthodoxen Art dem Kampf für Frauenrechte neues Leben einhauchen.

    Zum Feiern sei ihr anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März eigentlich nicht, sagt Cornelia Ernst von der Linkspartei. Die Europapolitikerin und bekennende Feministin findet, dass in puncto Frauenrechte zwar viel erreicht worden ist. Es gebe aber noch genügend Themen, um die man streiten und für die man kämpfen muss. Auf europäischer Ebene beobachtet sie in manchen Ländern sogar einen Rückschritt:

    „Was die ganze Frage Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper angeht, da gibt es ein ganz klares Signal in einer Reihe von Mitgliedsstaaten, dass man da möglichst strengere Regeln haben möchte. Das haben wir in Polen, das haben wir aber auch durchaus in anderen Ländern. Auch in Deutschland gibt es beispielsweise Demonstrationen von den sogenannten Lebensschützern, die der Meinung sind, dass Frauen nicht das Recht haben, selber zu entscheiden, ob sie Kinder haben wollen oder nicht.“

    Die Erfolgsaussichten der derzeit debattierten Abschaffung des Paragrafen 219a, der das Werben für Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland unter Strafe stellt, sieht die Politikerin eher skeptisch. Trotz zahlreicher Stimmen quer durch die Fraktionen, die sich bereits für die Streichung von 219a ausgesprochen haben, sei die gegenteilige Entwicklung in Europa doch sehr deutlich.

    Auch ein Thema: Die Belange der Migrantinnen, die oft bereits auf dem Weg nach Europa große Leiden erleben müssten und sich hier anschließend in einer prekären Lebenssituation wiederfänden.

    „Sogar wenn sie große Leiden hatten ertragen müssen auf ihrem Weg nach Europa, spielt das eigentlich in vielen Ländern der Europäischen Union Null Rolle. Es ist vollkommen egal. Und so kann man das fortführen. Es gibt also viele, viele offene Punkte, die wir in all unseren Ländern haben, und ich erinnere daran, dass der Europarat festgestellt hat, dass in keinem einzigen Land der Europäischen Union die Gleichstellung von Mann und Frau wirklich real durchgesetzt ist. Immer in Teilen, ganz klar, aber eben letztendlich nicht vollständig, und darum muss es gehen.“

    „Frauen können nicht denken und sind schnell hysterisch“

    Seit 100 Jahren haben Frauen in Deutschland das Wahlrecht – ein großer und wichtiger Meilenstein. Auch hätte sich vor 100 Jahren wohl niemand vorstellen können, dass die Bundesrepublik von einer Frau regiert werden würde. Im Bundestag, vor allem bei wichtigen Ministerposten, sind Frauen aber nach wie vor unterrepräsentiert, ähnlich wie in Spitzenpositionen großer Unternehmen oder in der Justiz.

    „Ja, das sind die alten Vorurteile: Frauen können nicht richtig denken oder sind so schnell hysterisch. Das ist natürlich grober Unfug, aber natürlich gibt es sowas. Schauen wir uns mal an, wie viele Richter wir haben. Oder wie viele Notare weiblich sind. Es gibt eine Unterbesetzung auch in den wichtigen Funktionen, beispielsweise in Unternehmen, in wichtigen Aufsichtsräten und dergleichen. Das kann man alles durchdeklinieren. Männer scheinen offensichtlich hier sicherer zu sein, machen zwar auch den größten Blödsinn, siehe Autoindustrie und vieles andere mehr, aber ja, offensichtlich wieder das – lieber graumelierter Mann als eine junge Frau. Das ist sehr ärgerlich. Weil Frauen, denke ich, schon lange bewiesen haben, dass das unsinnig ist. Aber nichts hält sich so lange wie ein Gerücht oder ein Vorurteil.“

    Trump, #MeToo und der neue Feminismus

    2017 scheint ein Jahr gewesen zu sein, das dem Feminismus neues Leben eingehaucht hat. Die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten veranlasste Hunderttausende Frauen in den USA, sich im Protest zu vereinen und auf die Straßen zu gehen. Ein Jahr nach seiner Amtseinführung hat sich in Sachen Kritik an Trump nicht viel verändert: Zum Jahrestag gingen erneut Hunderttausende im Rahmen des „Women’s March“ auf die Straßen, um gegen den amerikanischen Präsidenten und für Frauenrechte zu demonstrieren. Allein in Los Angeles waren es nach offiziellen Angaben 600.000 Menschen. Offenbar ist kein Gewöhnungseffekt eingestellt, was Trumps oft unglückliche bis offen sexistische Äußerungen angeht. Auch Cornelia Ernst findet: Was Trump da macht, geht gar nicht. Sie hofft, dass die Frauen, die ihn gewählt haben, begreifen werden, was sie sich damit auch selbst angetan haben.

    „Und was #MeToo angeht – vielleicht ist es auch eine Reaktion auf diesen unsäglichen Präsidenten mit seinen rassistischen und, ja, frauenfeindlichen Äußerungen – das kommt alles zusammen bei ihm. #MeToo ist, denke ich, ganz wichtig, um sich zu äußern und zu sagen: Wir haben dieses Problem der sexuellen Übergriffe in Größenordnungen, und wir können das nicht nur auf eine bestimmte Personengruppe beziehen, sondern in allen Berufsbereichen existiert so etwas. In allen Branchen, in allen Etagen, oben oder unten, es ist da, und das muss man wirklich hart angehen und bekämpfen. Auch diese Leute, die so verfahren, die Frauen belästigen, gehören in ihre Funktionen nicht rein. Die muss man dort wirklich feuern. Das wäre schon etwas, was ich mir wirklich wünschen würde.“

    Andererseits müsse man schauen, dass #MeToo nicht zu einer elitären Frauenangelegenheit gemacht werde, die nur bestimmte Frauen wahrnehmen.

    „Wir müssen tatsächlich auch die Arbeiterin in der Kohlenmine meinen, die sexuell belästigt wird in der Ukraine. So eine haben wir eingeladen als Fraktion, die darüber gesprochen hat, wie sie unter schweren Bedingungen und unter Männern da leben soll und wie schwer das ist. Es müssen alle Frauen dabei auch mitgenommen werden, und es darf nicht eine Bewegung bleiben in einer elitären Schicht, von Frauen, die es in der Öffentlichkeit eh leichter haben als vielleicht eine Minenarbeiterin aus der Ukraine.“

    Sie selbst sei bekennende Feministin seit vielen Jahren, sagt die EU-Abgeordnete. Sie halte es für extrem wichtig, dass Frauen für ihre Rechte kämpfen. Es jucke sie nicht, wenn Feministinnen und ihre Protestaktionen belächelt werden.

    „Es ist wichtig, dass Frauen auch Zeichen setzen, die radikal sind und eben an die Wurzel der Angelegenheit greifen. Ich bin froh, wenn wir so etwas machen können, auch hier unterstützen können als Parlamentarier. Das tue ich. Und es ist mir vollkommen egal, ob andere Leute das als anstößig empfinden oder es ihnen nicht passt oder sie diese Frauen als hysterisch bezeichnen, was man immer gern macht.“

    Der moderne Feminismus sei jung und komme unorthodox und frech daher. Den jungen Kämpferinnen für Frauenrechte rät Cornelia Ernst, sich lieber nicht an älteren Generationen zu orientieren, sondern ihren eigenen Feminismus zu leben.

    „Die jungen Frauen sollen ruhig mal rangehen. Sie haben momentan noch viel mehr Power als die mittlere Generation, die schon eine Menge abgekämpft hat mit mehr oder weniger Erfolgen. Jetzt sind die jungen Frauen dran. Ich wünsche mir einen Feminismus, der das atmet und der nach vorne geht. Ich bin eigentlich optimistisch.“

    Das komplette Interview mit Cornelia Ernst (Linkspartei) zum Nachhören:

    Zum Thema:

    „Scheiß auf Europa“: Flüchtling verspricht nach Bluttat „Schlachtung“ weiterer Frauen
    Erster Frauenmarathon in Saudi-Arabien – FOTOs & VIDEO
    Frauenbeauftragte will deutsche Nationalhymne genderneutral machen
    Tags:
    Gleichheit, Feminismus, Rechte, Frauentag, Gender, Europarlament, Die LINKE-Partei, Donald Trump, Cornelia Ernst, Deutschland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren