03:09 22 Juli 2018
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    Täuschung - Die Methode May? – "Dämonisierung Russlands"

    © AFP 2018 / Matt Dunham
    Politik
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    Paul Linke
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    Russlands Präsident Wladimir Putin soll persönlich für den Anschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal verantwortlich sein, mutmaßte der britische Außenminister Boris Johnson. Dem Dokumentarfilmer Dirk Pohlmann kommt diese Methode bekannt vor. Eine Beteiligung der Russen hält er allerdings für unwahrscheinlich.

    Die Entscheidung für die Tat sei „höchstwahrscheinlich“ von Putin selbst getroffen worden, behauptete der britische Außenminister Boris Johnson am Freitag im britischen Uxbridge.

    Dass Russland hinter der Tat steckt, hält der Geheimdienstexperte Dirk Pohlmann für sehr unwahrscheinlich: „Das Nervengift ‚Nowitschok‘ kann nicht nur in Russland hergestellt werden. Das kann jedes hochqualifizierte Chemielabor herstellen, ob in England, in den USA oder in Israel. Das ist keine Geheimwissenschaft. Zu sagen, das kann nur Russland gewesen sein, ist Unsinn.“   

    Auch sei die Ausführung für einen Geheimdienstmord zu unprofessionell gewesen, sagt im Sputnik-Interview der Dokumentarfilmer und Investigativ-Journalist Pohlmann. „Dafür spricht, dass die beiden noch leben“, so der Geheimdienstexperte. „Wenn man so etwas einsetzt, legt man automatisch eine Spur, die nachvollziehbar ist. Die Frage ist, wer so dumm wäre so etwas zu tun. Das kann nicht im Sinne der russischen Führung gewesen sein“, so Pohlmann.

    „Geheimdienste kennen keine moralischen Bremsen“

    Doch zunächst hätte Russland ein vordergründiges Motiv. Immerhin soll der ehemalige GRU-Agent Skripal über 300 russische Agenten an den Westen verraten haben.

    Auch bei einem westlichen Whistleblower aus dem Geheimdienstmilieu hätte dies für einen tödlichen „Verkehrsunfall“ ausgereicht, sagt Pohlmann und erinnert an einige mysteriöse, Todesfälle. „Wie Gary Webb, der in einer Artikelserie über den Verkauf von Crack durch die CIA in den USA im Rahmen der Iran-Contra-Affäre berichtete und damit den Pulitzer Preis gewann. Er wurde diskreditiert, verlor seinen Beruf. Er soll sich dann 2004 selbst durch zwei Schüsse in den Kopf getötet haben. Das muss man selbst erstmal schaffen. Und der TV-Journalist Allan Frankovich, der für die BBC die Gladio Geheimarmee in drei Dokumentationen aufgedeckt hatte, den Lockerbie Absturz untersuchte. Er war gerade dabei, den Tod des Rüstungsgegners und schwedischen Politikers Olof Palmes zu recherchieren. Bei der Einreise in die USA im Alter von 56 Jahren brach er im Flughafen von Houston tot zusammen.“ Auch der US-Journalist Michael Hastings, der durch seinen Bericht im „Rolling Stone“ den Rücktritt des ISAF Oberbefehlshabers McChrystal bewirkte, raste 2013 mit seinem Auto, wie ferngesteuert, gegen eine Palme. Das Auto explodierte.“ Pohlmann glaubt bei den Fällen nicht an einen Zufall: „Die Fälle zeigen, dass der Westen dort nicht mit Samthandschuhen unterwegs ist. Die Geheimdienste haben eine eigene Logik. Und das ist eine rein utilitaristische. Also es gibt keine moralischen Bremsen.“

    Der „geständige Verräter“ Skripal wurde wegen seines Verrates 2006 in Russland zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt und dann 2010 bei einem Agentenaustausch in den Westen ausgeliefert. Für Russland habe der Agent offensichtlich an Wert verloren. „Der Wert von so einem Überläufer sinkt mit jedem Jahr. Indem er wo anders ist, keine Informationen geben kann und seine Informationen keinen Hintergrund mehr haben. Alles, was mit ihm zu tun hat, würde man ja auch versuchen abzuändern, damit er auch keine wertvollen Informationen mehr weitergeben kann“, erklärt Pohlmann.

    Wenn nicht Russland, wer dann?

    Wem könnte also der Mord an Skripal nützen, fragt der Experte und deutet auf eine merkwürdige Verbindung hin. Skripal soll weiterhin im Geheimdienstmilieu, das sich zunehmend auch auf private Sicherheitsfirmen erstrecke, gearbeitet haben, erklärt Pohlmann. Und das offenbar für den britischen MI6-Agentenanwerber Pablo Miller, der in der britischen Botschaft in Talinn, Estland, stationiert gewesen sei, so der Experte: „Miller hat für Christopher Steele gearbeitet. Steele leitete wiederum als MI6 Agent die Abteilung ‚Soviet Desk‘, welche für die Geheimdiensttätigkeiten in der Sowjetunion verantwortlich war.“ Steele soll nach seiner Dienstzeit die Sicherheitsfirma Orbis gegründet und später für einzelne Republikaner eine „Trump-Schmutzakte“ als Auftragsarbeit einiger Trump-Gegner unter den Republikanern angefertigt haben, so Pohlmann weiter. „Nachdem kein Medium diese Akte veröffentlichen wollte, wurde sie an das FBI weitergegeben, das Ermittlungen gegen Trump auslöste.“ Doch das sei alles Kaffeesatzleserei. „Wir wissen nichts. Auch die andere Seite weiß eigentlich nichts“, betont der Investigativ-Journalist.

    Alles nur Geopolitik?

    Doch wenn keine Beweise geliefert wurden und keiner etwas weiß, auf welcher Grundlage basieren solche „wilden Anschuldigungen“ und die daraus resultierenden politischen Konsequenzen gegen Russland? Wieso wartet man nicht zuerst die Ergebnisse von Untersuchungen ab, bevor man voreilige Schlüsse zieht?

    Pohlmann befürchtet dahinter böse Absichten: „Man tut das eben wegen den Konsequenzen. Es geht hier darum, Russland zu dämonisieren, weil man in Syrien militärisch versagt hat. Der militärische Erfolg der Assad-Regierung in Zusammenarbeit mit den Russen ist etwas, was dem Westen nicht gefällt. Man könnte sagen, dass auf dieser großen Ebene versucht wird, Russland komplett zu diskreditieren. Immer in Verbindung mit Giftgas. D.h. mit dem Übelsten, was man sich vorstellen kann.“ Pohlmann erinnert an eine Regel: „Für große Behauptungen braucht man große Beweise. Und hier wird umgekehrt vorgegangen.“ 

    Russland bestreitet die Vorwürfe und setzt nach den Worten von Außenminister Sergej Lawrow nun auch auf eine Aussage des Opfers. „Warum fragen wir nicht einfach den Betroffenen selbst, wenn es ihm hoffentlich besser geht?“, sagte Lawrow in Astana. „Wahrscheinlich kann er am ehesten Aufschluss über vieles geben, was an jenem Tag passiert ist, als die Tragödie sich ereignete.“

    „Operation Täuschung – Die Methode Reagan“ heißt der prämierte Dokumentarfilm des Regisseurs Dirk Pohlmann, mit dem er journalistisch die Bedeutung der geheimen Kriegsführung der westlichen Geheimdienste aufdeckte und  damit die Souveränität der europäischen Staaten in Frage stellte.

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    Tags:
    Schuld, Dämonisierung, Vergiftung, Sergej Skripal, Theresa May, Boris Johnson, Großbritannien, Russland
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