18:15 25 April 2018
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    So werden Wahlen manipuliert: Cambridge Analytica – britische Firma mit Sitz in USA

    © AFP 2018 / LOIC VENANCE
    Politik
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    Andreas Peter
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    Die britische Firma „Cambridge Analytica“ mit Sitz in New York, USA, steht seit dem Brexit im Verdacht, Wahlen mit unlauteren Mitteln zu beeinflussen. Ihr Name ist auch im Zusammenhang mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten gefallen. Der „Guardian“ hat nun nachgewiesen, wie diese Firma Wahlen manipuliert.

    Über ein Jahr dauerte die Recherche. Die Ergebnisse dürften vielen nicht schmecken. Denn was der „Guardian“ herausgefunden hat, widerspricht fundamental jener Propaganda, die seit Wochen und Monaten versucht, den Menschen einzuhämmern, dass Russland Wahlen in aller Welt manipulieren würde.

    Der Guardian sprach mit dem ehemaligen „Cambridge Analytica“-Mitarbeiter Christopher Wylie. Der arbeitete zuvor für die US-amerikanische Nachrichtenplattform „Breitbart News“, die dem politisch rechten Spektrum zugeordnet wird. Bei „Breitbart“ kam Wylie 2014 in engeren Kontakt mit seinem seinerzeitigen Chef Steve Bannon, bevor dieser einer der wichtigsten Berater des heutigen US-Präsidenten wurde.

    Über Bannon kam Wylie schließlich auch in Kontakt mit einem der wichtigsten Geldgeber von „Breitbart News“, dem US-amerikanischen Oligarchen Robert Mercer. Mercer hat es wie die Koch-Brüder geschafft, dass sich die meisten westlichen Medien nicht mit ihnen, ihren Vermögen und ihren Aktivitäten am rechten Rand des politischen Spektrums beschäftigen.

    Robert Mercer: Rechter Spin-Doctor in den USA

    Das hat Mercer zu nutzen gewusst. So finanziert er auch „Cambridge Analytica“, kurz CA. Die Firma ist zwar offiziell britisch, hat ihren Hauptsitz aber in New York, USA. Sie unterhält neben dem Hauptquartier im historischen „Scribner´s Building“ an der mondänen Fifth Avenue auch Büros in Malaysia und Brasilien, in London und natürlich in der US-Hauptstadt, Washington D.C. Denn dort hat die Muttergesellschaft, die SCL-Group, ihren Sitz.

    Die Residenz dieser „Strategic Communication Laboratories Group“ ist auch von der Lage her „strategisch“ gut gewählt. Sie liegt in Arlington, direkt am Ronald-Reagan-Airport. Das Pentagon, Sitz des US-Verteidigungsministeriums, liegt einen Steinwurf entfernt. Die CIA-Zentrale in Langley ist nur runde elf Kilometer weit weg. Die Tochter „Cambridge Analytica“ wiederum hat sich ein Büro gemietet, das keine 700 Meter vom Weißen Haus an der Pennsylvania Avenue liegt. So geht Vernetzung.

    Zum ersten Mal geriet die Firma 2015 ins öffentliche Interesse, als Rebekah Mercer, Tochter des bereits erwähnten Oligarchen Robert Mercer, aktiv wurde. Die Mercers unterstützten die seinerzeitige Präsidentschafts-Kandidatur des als besonders konservativ geltenden Republikaners Ted Cruz. Die mit Millionen Mercer-Dollars finanzierte Kampagne kränkelte, weshalb Rebekah Mercer ihren Vater überzeugte, CA ins Spiel zu bringen. Die Firma wurde 2013 gegründet. Ob diese Gründung direktes Ergebnis einer anderen bedeutsamen Begegnung war, ist unklar. Aber Zufälle gibt es in Kreisen, in denen die Mercers verkehren, eher selten.

    Seminare der „Koch-Brüder“ für rechte Superreiche

    Die Mercers nahmen 2011 an einem Seminar teil, das zwei andere rechtskonservative Oligarchen, die Brüder Charles und David Koch, für gleichgesinnte Superreiche organisierten – und wahrscheinlich immer noch organisieren, denn sie sind seit den 70er Jahren ununterbrochen politisch aktiv. In diesen Seminaren versuchten die Koch-Brüder seinerzeit, gleichgesinnte Millionäre und Milliardäre für Kampagnen gegen die Wiederwahl von Barack Obama zu gewinnen. Sie gaben Tipps, wie mit viel Geld die öffentliche Meinung manipuliert werden kann.

    Das Nachrichtenmagazin „Mother Jones“ hat eines dieser streng abgeschirmten Seminare dokumentiert, das am 26. Juni 2011 in der Nähe von Vail im Bundesstaat Colorado stattfand. Dort, im noblen Ritz-Carlton Bachelor Gulch, nahm Charles Koch seinerzeit kein Blatt vor den Mund. Wer also wissen will, welcher Geist Donald Trump wirklich ins Weiße Haus gebracht hat, möge sich die seinerzeitige Ansprache von Charles Koch anhören.

    Mercers Einstieg bei „Breitbart-News“

    Das Seminar war offenbar insoweit erfolgreich, als Robert Mercer 2011 mit rund zehn Millionen Dollar bei „Breitbart News“ einstieg. Die Zusammenarbeit zwischen Mercer und Steve Bannon wurde zementiert, als Bannon 2012 die Leitung des Medienportals vom überraschend verstorbenen Gründer Andrew Breitbart übernahm. 2013 erfolgte dann die Gründung von „Cambridge Analytica“. Und hier sind wir wieder bei der Manipulation von Wahlen und öffentlicher Meinung, wie sie die Zeitung „Guardian“ jetzt aufdeckte.

    Datengestützte maßgeschneiderte Werbung

    Auf ihrer Internetseite wirbt CA für Kernkompetenzen in den zwei Feldern „CA Commercial“ und „CA Political“. Im Bereich „Kommerziell“ beschreibt die Firma ihre Qualitäten so:

    „Wir haben bis zu 5000 Datenpunkte für über 230 Millionen amerikanische Verbraucher. Durch die Kombination dieser Datenbestände mit Ihren eigenen Kundendaten sowie einem eigenen Forschungsinstrument erstellen wir individuelle Zielgruppen, die es uns ermöglichen, Einzelpersonen für ein bestimmtes Handeln zu gewinnen, zu überzeugen und zu motivieren.“

    Im Unternehmensteil „CA Commercial“ wird folgende sehr aufschlussreiche Logikkette präsentiert:

    Zu Deutsch also: „Viele Daten + Verhaltenspsychologie + anvisierte Einstellung = Verhaltensänderung.“
    © Foto : Screenshot
    Zu Deutsch also: „Viele Daten + Verhaltenspsychologie + anvisierte Einstellung = Verhaltensänderung.“

    Jedem dürfte klar sein, dass so etwas nicht nur für kommerzielle Werbung funktioniert.

    50 Millionen gehackte Facebook-Konten

    Und genau das haben die Recherchen des „Guardian” bestätigt. Der Informant Christopher Wylie berichtet in seinem Interview mit dem „Guardian“ über die Zusammenarbeit von „Cambridge Analytica“ mit dem Informatiker Aleksandr Kogan. Mit Hilfe seiner als wissenschaftliche Studie getarnten App „thisisyourdigitallife“ wurden im Jahr 2014 innerhalb von nicht einmal 3 Monaten zwischen 50 und 60 Millionen Profile von US-amerikanischen Facebook-Nutzern mehr oder weniger gehackt. CA erhielt Zugriff auf praktisch alles. Freundesliste, Nachrichten, Interessen, Reaktionen auf andere Beiträge usw.

    Dieser Datenschatz sollte sich als wahrer Schatz erweisen. Mit dem eigenen Analysetool OCEAN versprach CA eine wählergenaue Ansprache. Das sollte zuerst im Wahlkampf von Ted Cruz 2015 ausprobiert werden, funktionierte aber noch nicht wie erhofft. Außerdem ging Cruz alsbald aus dem Rennen der republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Doch die Stunde für „Cambridge Analytica“ sollte kommen.

    „Brexit“: Bewährungsprobe für „Cambridge Analytica“

    Als in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 2016 feststand, dass das Brexit-Lager in Großbritannien mit mehr als 1,2 Millionen Stimmen Vorsprung gewonnen hatte und die Europäische Union wie den Westen insgesamt in eine ihrer schwersten Identitätskrisen stürzte, rätselten die wichtigsten westlichen Medien, wie das geschehen konnte.

    Die Fassungslosigkeit sollte sich ein paar Monate später wiederholen, als klar wurde, dass trotz monatelanger, zum Teil unverschämtester Propaganda für Hillary Clinton am Ende doch Donald Trump neuer US-Präsident wurde. Die Verschwörungstheorie von der russischen Einmischung wurde geboren – und nur zu gern von jenen Medien aufgegriffen, die zuvor unverhohlen für Hillary Clinton Werbung gemacht und Donald Trump bekämpft hatten.

    Manipulationen von CA lang bekannt

    Am 3. Dezember 2016, etwa einen Monat nach der US-Präsidentschaftswahl, veröffentlichte die Schweizer Zeitschrift „Das Magazin“ ein Interview mit dem Informatiker Michal Kosinski unter dem Titel „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“.

    Der Titel versprach nicht zu viel. Denn Kosinski offenbarte seine Tätigkeit für „Cambridge Analytica“. Seine Programmierung ermöglichte Trump den Wahlsieg. Der kaufte nach dem Brexit-Erfolg für rund sechs Millionen US-Dollar die Dienste der Firma ein. Dabei halfen ihm die guten Verbindungen zur Familie Mercer.

    Westliche Medien berichteten zwar über das Interview mit Michal Kosinski. Sie ließen es aber schon bald wieder in der Versenkung verschwinden, zugunsten einer Propagandashow, die bis heute auf Hochtouren läuft. Demnach hätte Russland den 45. Präsidenten der USA kreiert.

    Mit CA Präsidenten kreieren

    Dass es „Cambridge Analytica“ gewesen ist, dem die Welt Donald Trump zu verdanken hat, macht Christopher Wylie in seinem Interview für den „Guardian“ mehr als deutlich. Er zeigt aus eigener Erfahrung, wie massiv westliche Firmen wie CA die öffentliche Meinung manipulieren. Wylie erläutert, was mit den Facebook-Daten, über die CA verfügt, dort angestellt werden kann:

    „Wir würden wissen, für welche Art von Nachrichten du zugänglich bist, einschließlich der Aufbereitung, der Themen, des Inhalts, des Tonfalls, ob es beängstigend ist oder nicht. Also wofür würdest du anfällig sein und wo wirst du das konsumieren und wie oft müssen wir dich damit in Kontakt bringen, um zu ändern, wie du über etwas denkst. Neben Datenwissenschaftlern, Psychologen und Strategen haben sie auch ein ganzes Team von Kreativen, Designern, Videofilmemachern und Fotografen. Sie erstellen dann diesen Inhalt. Das wird dann an das Targeting-Team gesendet, das es dann in das Internet einschleust. Webseiten würden erstellt, Blogs würden erstellt, was auch immer wir für dieses Zielprofil für empfänglich halten. Wir werden für sie Inhalte im Internet erstellen. Und sie sehen das, und sie klicken rauf, und sie gehen durch das ‚Kaninchenloch‘, bis sie anfangen, etwas anders zu denken.“

    Falschaussagen vor britischem Parlament

    Vor diesem Hintergrund ist es geradezu grotesk, wie westliche Regierungen und Medien seit Monaten gegen Russland hetzen. Der Chef von „Cambridge Analytica“, Alexander Nix, wurde am 27. Februar vor einem Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments zu „Fake News“ befragt. Dort log dieser Mann das Blaue vom Himmel, indem er behauptete, seine Firma hätte keine Daten von Facebook-Kunden benutzt. Christopher Wylie nennt diese dreiste Lüge im „Guardian“ „fundamentally not true“, also „grundlegend unwahr“. Inzwischen wird Nix auch ganz offiziell der Falschaussage bezichtigt.

    CA: Auch im indischen Wahlkampf aktiv

    Für „Cambridge Analytica“, seine Geldgeber und interessierten Kräfte, die hinter dieser Firma stehen, gibt es offenbar keinen Grund, ihre Aktivitäten zu stoppen oder zu überdenken. Das indische Internetportal „Opindia“ meldet heute, dass es Verdachtsmomente gibt, dass die Firma versucht, die indischen Parlamentswahlen im nächsten Jahr zu manipulieren – zugunsten der Kongress-Partei von Rahul Gandhi.

    Der Vorwurf bleibt: „Russische Manipulation“

    Es wird interessant sein, zu verfolgen, wie westliche Medien und Regierungen auf die Enthüllungen des „Guardian“ reagieren. Eine mögliche Richtung lässt sich im Artikel selbst nachlesen und wurde zum Beispiel sofort von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) begierig aufgegriffen und ausgewalzt. Denn der „Guardian“ spekuliert im letzten Drittel des Artikels über mögliche Verbindungen zwischen „Cambridge Analytica“ und der russischen Firma „Lukoil“.

    Zwar muss der „Guardian“ selber einräumen, dass es keinerlei Anhaltspunkte für eine Zusammenarbeit zwischen CA und Lukoil gibt. Aber für Zeitungen wie die „FAZ“ ist es das willkommene Schlupfloch, um nicht über die Enthüllungen von Whistleblower Christopher Wylie zu berichten, sondern sich erneut in antirussischer Propaganda zu ergehen.

    Jeder eben, wie er es braucht.

    Das Interview mit Christopher Wylie auf Youtube in englischer Sprache können Sie hier sehen und hören: https://www.youtube.com/watch?v=FXdYSQ6nu-M

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    Tags:
    Wahleinmischung, soziale Netze, Hacker, Guardian, Facebook, EU, Donald Trump, Barack Obama, Wladimir Putin, Großbritannien, USA, Russland
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