03:02 20 April 2018
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    Polizei beim Restaurant, das Sergej Skripal besucht hatte

    „Skripal können auch Briten vergiftet haben“ – Nervengift-Erschaffer

    © REUTERS / Peter Nicholls
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    Der Chemie-Professor Leonid Rink hat an der Entwicklung des Nervengifts A-234 gearbeitet, kennt die Substanz bis ins letzte Molekül. Die Briten behaupten, der Ex-Doppelagent Sergej Skripal sei mit diesem Stoff vergiftet worden, und beschuldigen russische Behörden des Mords. Im Exklusiv-Interview mit Sputnik stellt der Fachmann die Lage anders dar.

    An der Entwicklung des Nervengifts A-234 mitzuarbeiten, habe die Grundlage für seine Doktorschrift gelegt, sagt Professor Rink: „Ich habe damals in Schichany gearbeitet, in einer Filiale des Staatlichen Forschungsinstituts für organische Chemie und Technologie.“ Diese Forschungseinrichtung war zu Sowjetzeiten mit der Entwicklung von C-Waffen beauftragt. Leonid Rink war 27 Jahre lang, bis Anfang der 1990er Jahre leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter und Laborleiter des Instituts.

    An der Entwicklung des Nervengifts habe eine ganze Gruppe von Wissenschaftlern gearbeitet, an zwei Standorten: im besagten Schichany unweit der Großstadt Saratow und in Moskau. „Wir mussten ein Versuchsmuster synthetisieren und dann Zehntausende von Anforderungen erfüllen, damit dieses System wirkungsvoll war und seine Wirksamkeit bei allen Arten von Transport erhalten blieb“, erklärt der Wissenschaftler.

    Das Nervengift sei übrigens keine Substanz, sondern ein ganzes Einsatzsystem, fügt der Professor hinzu. Jedenfalls seien letztlich sehr gute Ergebnisse erzielt worden. „Das in der UdSSR in Dienst gestellte System hieß ‚Nowitschok-5‘. Ohne Zahlen wurde die Bezeichnung nicht angewandt.“

    Westliche Medien berichten, Wil Mirsajanow sei der Entwickler des Nervengifts gewesen. War er an der Entwicklung von Nowitschok wirklich beteiligt? „Nein. Und das schreibt er auch selbst ganz offen und ehrlich.“ Mirsajanow habe die Abteilung für die Abwehr von Industriespionage geleitet. „Er schützte unsere Entwicklungen und hatte deshalb Zugang zu allem. An Besprechungen zu Systemen, die damals entwickelt wurden, nahm er aber nicht teil. Mit der Entwicklung hatte er nichts zu tun. Da die Forscher aber sich gegenseitig nun mal alles erzählen, war er eingeweiht.“ Dass Mirsajanow die Staatsgeheimnisse im Ausland verraten habe, sei letztlich die Schuld jener Leute, die ihn haben ausreisen lassen, so Professor Rink.

    Die Story der britischen Zeitung „The Telegraph“, laut der die Sachen von Sergej Skripals Tochter bereits in Moskau mit dem Nervengift bearbeitet worden sein sollen, hält der Wissenschaftler für absoluten Unsinn: „Was da über Nervengift im Koffer der Tochter geschrieben wird, ist einfach Schwachsinn. Wenn dem so wäre, hätte sie London überhaupt nicht erreicht.“ Denn Nowitschok wirke sofort: „Das ist kein kumulatives, sondern ganz normales Giftmittel.“

    Dabei sei dieser Stoff problemlos zu identifizieren. „Und es ist absolut sicher, dass Großbritannien die Fachleute dafür hat.“ Sie seien es auch, die die Sachen von Skripal und seiner Tochter bearbeitet haben könnten, sagt Professor Rink. „Das können die Briten ohne Weiteres selbst getan haben.“

    Die Technologie sei für Spezialisten jedenfalls frei verfügbar. „Jeder Staat, in dem es Massenvernichtungswaffen gibt – Großbritannien, USA, China, überhaupt eine Industrienation mit einer Chemieindustrie –, kann diese Waffe herstellen, kein Problem.“

    Aber wie sehr die Spezialisten sich auch anstrengen, kleine Abweichungen im Herstellungsverfahren seien unvermeidlich. Dies könnte auch der Grund dafür sein, dass London keine Proben des Nervengifts an Moskau herausgebe. Die Abweichungen im Produktionsprozess seien gewissermaßen eine Handschrift. „Es würde sofort deutlich werden, dass es nicht aus russischer Fertigung stammt. Natürlich können die Konzentrationen sehr niedrig sein. Leichte Komponenten, von denen es darin viele gibt, haben sich längst verflüchtigt. Aber die Feinheiten des Systems, die Zusammensetzung vieler Komponenten, kennen sie nicht. Auch Wil Mirsajanow kann sie nicht gekannt haben. Für die Fahnder wäre eine Probe aus Salisbury deshalb wie ein Fingerabdruck. Man könnte sofort sagen, dass das Zeug nicht in Russland zusammengebraut wurde.“

    Ein weiterer Punkt: Bislang seien alle, die mit der Vergiftung unmittelbar in Berührung gekommen seien, am Leben. „Also kann es sich nicht um Nowitschok handeln. Oder dieses System ist stümperhaft eingesetzt worden. Oder aber die Engländer haben gleich nach dem Einsatz ein Gegengift verwendet, wofür man wiederum wissen muss, womit das Opfer vergiftet wurde.“

    Überdies könne auch jedes normale Chemie- oder Pharmaunternehmen das Nervengift mit Leichtigkeit herstellen. „Nur die genaue Rezeptur reproduzieren kann kaum jemand“, auch wenn Wil Mirsajanow alles dafür getan habe, die Formeln hinauszuposaunen. „Einige andere Spezialisten, die mit der Formel vertraut sind, haben Russland in den 1990ern verlassen. Ich kenne fünf solche Menschen persönlich. Dass ihnen die Ausreise genehmigt wurde, war für uns im Institut, sagen wir mal, eine große Überraschung.“

    Eine Frage bleibt noch: Wenn das Geheimnis gelüftet, die Technologie allgemein bekannt ist, warum musste London öffentlich erklären, dass es sich bei dem gegen Skripal eingesetzten Nervengift um Nowitschok handelt?

    Professor Rink: Der Name lasse ja sofort an Russland denken. Für einen Fachmann sei Moskaus Schuld dadurch noch lange nicht bewiesen. „Beim westlichen Durchschnittsbürger macht das aber Eindruck. Genau das will man ja bezwecken.“

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    Tags:
    Nervengas, Entwicklung, Technologien, Fakten, Fall, Schuld, Vorwürfe, Nowitschok, Sergej Skripal, Großbritannien, Russland