02:51 17 Oktober 2018
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    ein Mann bein Samowar in Moskau (Symbolbild)

    Ein Samowar mit Nervengift: Wie die russischen Spione NICHT töten

    © Sputnik / Ilja Pitalew
    Politik
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    Anton Lissizyn
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    Die Liquidation von Personen ist für die russischen Nachrichtendienste eine ziemlich untypische Vorgehensweise. Warum die Ermordung längst nicht mehr zum Handwerk russischer Geheimdienste zählt, sagen Spionage-Veteranen im Sputnik-Gespräch.

    Mit der Beseitigung des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera 1959 sei für den KGB Schluss mit den Anschlägen gewesen. Die dafür zuständige Sonderabteilung sei auf Befehl von Nikita Chruschtschow aufgelöst worden, sagt Lew Korolkow, Ex-Offizier der sowjetischen Auslandsspionage. „Im Kalten Krieg galt ohnehin die stillschweigende Vereinbarung, die Finger von solchen Methoden zu lassen. Außer dem israelischen Mossad, der – das muss man dazu sagen –Alt-Nazis bekämpfte, hat sie auch niemand angewandt.“

    Das heißt nicht, dass der KGB seitdem nie wieder zur Waffe gegriffen hätte. Als eine Spezialeinheit des Sowjetgeheimdiensts 1985 sowjetische Botschafter im Libanon aus der Geiselhaft befreite, wurde ein Hisbollah-Kämpfer getötet. Dies sei jedoch keine Liquidierung gewesen, sondern ein Einsatz unter Kampfbedienungen: „Man muss klar sehen, dass das eine ganz andere Situation war. Im Libanon herrschte Krieg. Eine andere Möglichkeit für die Befreiung unserer Diplomaten gab es nicht“, so Korolkow. Damals wurde übrigens eine Spezialtruppe des KGB eingesetzt, die Korolkow persönlich ausgebildet hatte: Wympel.

    Deshalb hält der ehemalige FSB-General Alexander Michailow die angebliche „russische Spur“ im Fall Skripal für Unsinn: „Was uns da aufgetischt wird, ist einfach Nonsens. Warum sollte unser Land sein Ansehen riskieren. Die Täter hätten am besten noch eine russische Handfeuerwaffe und eine Packung russischer Zigaretten am Tatort hinterlassen sollen.“

    Dass der Fall Skripal eine russische Handschrift trage, sei ausgeschlossen: „Seit 1959 hat es keine einzige Liquidierung mehr gegeben“, so der Ex-General des FSB. Überhaupt gebe es dieser Logik nach mindestens zwei weitere Todeskandidaten in Großbritannien: Viktor Suworow und Oleg Gordijewski, beide ehemalige russische Agenten. „Aber die sind wohlauf.“

    Ein Samowar randvoll mit Nowitschok

    „Was bei den britischen Vorwürfen gegen Russland hilft, ist nur noch Humor“, so Sergej Kriwoschejew, Direktor einer nachrichtendienstlichen Denkfabrik: „Da fährt ein Spion mit einem Samowar nach England, auf dem in großen Lettern ‚Russland‘ steht. Und drin ist Nowitschok. Er vergiftet sein Opfer und vergisst den Samowar am Tatort. Genau so sehen die Anschuldigungen für einen Unbeteiligten aus“, scherzt er. Aber im Ernst: „Beim Vorgehen von Geheimdiensten sind solche Pannen undenkbar. Davon abgesehen hatte Moskau mit Skripal keine Rechnung mehr offen. Er hatte doch schon alles erzählt.“

    Zudem existieren noch andere Ungereimtheiten, die die ehemaligen Geheimdienstler misstrauisch werden lassen: „Wer dieses Gift irgendwo beigemischt oder Sachen damit bearbeitet hat, muss einen Chemieschutzanzug getragen haben. Die Substanz ist hochgiftig und hätte den Täter selbst vergiftet. Großbritannien ist jetzt in einer Sackgasse mit seinen Vorwürfen gegen Moskau. Die Briten hätten nicht so voreilig sein sollen“, sagt der Ex-FSB-General Michailow.

    Er betont: Wie im Fall von Litwinenko – dem 2006 mit Polonium verstrahlten russischen Ex-Agenten – sei auch diesmal ein sehr exotisches Mittel eingesetzt worden. Sollte es aus Russland stammen, dann hätten man es durch zwei, drei Staatsgrenzen schmuggeln müssen ohne irgendwo Spuren zu hinterlassen… Wohl deshalb schweigen Scotland Yard und das britische Verteidigungsministerium. „Das sind doch kluge Leute. Sie schweigen. Sie haben begriffen, dass sie in einer Sackgasse sitzen.“

    Wie es gelungen sein soll, das Nervengift aus Russland nach England zu schmuggeln, fragt sich auch Korolkow, der Ex-Auslandsagent: „Sie sagen, Skripals Tochter habe das Gift in ihrem Koffer nach England eingeführt. Aber die Briten haben doch Detektoren, die auch bei Chemiestoffen anspringen.“ Nebenbei bemerkt, befindet sich in der Nähe von Salisbury, wo die Skripals bewusstlos aufgefunden wurden, eines der größten und ältesten Strahlen- und Chemie-Forschungszentren der Welt.

    May-Regierung tritt zurück

    Diese diplomatische Fehde werde für London nicht gut ausgehen, prognostiziert Ex-General Michailow. „May hat sich eingebildet, sie sei Margaret Thatcher, die einst die Falkland-Krise gemanagt hatte.“ Wenn Moskau jetzt aber seine Trümpfe ausspielt, werde die britische Regierung innerhalb eines halben Jahres zurücktreten müssen.“

    Zudem habe May ihre westlichen Partner mit hineingezogen. Dass sie die falschen Verdächtigungen der Briten unterstützen, lasse ihnen wenig Spielraum. „Und außerdem könnte May mit ihrem Ehemann Probleme bekommen: Als Chef einer Unternehmensberatung zahlt er seit acht Monaten keine Steuern. Das kann ihn den Kopf kosten.“

    Wer diese ganze Geschichte ins Rollen gebracht hat, wolle die russlandfeindlichen Stimmungen derart anheizen, dass es möglich werde, „auch einen hochintensiven Konflikt in die Wege zu leiten“, sagt Korolkow weiter.

    Denkbar sei aber auch, dass Skripals persönliche Kontakte der Schlüssel zum Geheimnis seien: „Man muss sich anschauen, was er über den MI-6 wusste. Die Briten haben diesbezüglich keine moralischen Schranken, ich kenne deren Geschichte aus konkreten Fällen, nicht aus Büchern. Sie beseitigen einen Menschen, sobald er als mögliches Informationsleck ein Risiko darstellt. Vielleicht war Skripal nicht nur Informant – vielleicht wusste er über die Methoden der Briten Bescheid?“

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    Tags:
    Vorwürfe, Nazis, Vergiftung, Humor, Tod, Waffen, Spionage, FSB, Mossad, KGB, Sergej Skripal, Alexander Litwinenko, Großbritannien, Russland