04:24 23 Juli 2018
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    Soldat der Bundeswehr (Archiv)

    Bundeswehr-Offensive dringt in Kindergärten ein

    © AFP 2018 / Christof STACHE
    Politik
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    Ilona Pfeffer
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    Die Bundeswehr hat Nachwuchssorgen und versucht, sie mit einer breiten Werbeoffensive zu überwinden. Moderne Formate wie die Reality-Dokuserien „Die Rekruten“ oder aktuell „Biwak“ sollen die Truppe für Jugendliche attraktiv machen. Aber auch mit Schulen und sogar mit Kindertagesstätten geht die Bundeswehr immer mehr Kooperationen ein.

    Wer hat als Kind nicht Räuber und Gendarm gespielt, wer nicht Flugzeuge oder vielleicht sogar Panzer mit großen Augen bestaunt? Die Technik übt eine magische Anziehungskraft aus. Soldatenleben klingt nach Abenteuer und Action. Genau diese Nische scheint die Bundeswehr seit einigen Jahren gezielt anzusteuern.

    „Adventure-Camps“ und großzügige Geldspenden

    Mit Tagen der Offenen Tür in Kasernen und auf Truppenübungsplätzen, „Bundeswehr Adventure-Camps“ und allerlei Vorträgen in Kindertagesstätten und Schulen will die Bundeswehr schon die Kleinsten für den Soldatenberuf begeistern. Im Rahmen von Patenschaften backen Soldaten mit den Kindern Waffeln oder reparieren Klettergerüste. Und großzügige Geldspenden für einzelne Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gibt es obendrein.

    Für Jugendliche gibt es Reality Shows auf YouTube, die in modernen Schnitten und mit coolen Hiphop-Beats unterlegt den Alltag der jungen Soldaten zeigen sollen. Nach den „Rekruten“ und „Mali“ konnte die junge Zielgruppe zuletzt in „Biwak“ hautnah miterleben, wie die angehenden Gebirgsjäger einen Berg erklommen, bei Schnee und winterlichen Temperaturen von minus 20 Grad Iglus bauten und in der Natur campierten. Zusätzlich informierte ein Bundeswehr-Chatbot über Facebook über die jüngsten Abenteuer der Protagonisten.

    Regierung ruft Kinder zu den Waffen

    Die Linksfraktion im Bundestag sieht diese Werbeoffensive äußerst kritisch.

    „Wir wissen, wie Kinder sind – da ist natürlich enormes Interesse. Beim Tag der Offenen Tür der Bundeswehr in Stetten am kalten Markt wurden Kinder an Originalwaffen rangelassen. Damals haben wir Fotos gemacht und haben sie veröffentlicht. Daraufhin hat die Verteidigungsministerin gesagt, dass das in Zukunft so nicht mehr möglich sein soll. Jetzt haben wir aber wieder Bilder von einem Tag der Offenen Tür, wo Kinder auf Panzern rumspringen, in Flugzeugen, direkt an den Waffen dran sind. Da nutzt man die Faszination der Technik, um eine Akzeptanz für das Militärische und die Bundeswehr zu bekommen. Das geht nicht! Es nützt nichts, wenn die Ministerin sagt: Die Kinder dürfen nur in Betreuung von Erwachsenen an den Waffen sein und dürfen nicht direkt an die Handfeuerwaffen. Wir sehen, dass das nach wie vor passiert und dass die Sensibilität nicht vorhanden ist, dass man das mit Kindern im Vorschulalter nicht machen sollte“, erklärt Tobias Pflüger, Friedensforscher und stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion im Sputnik-Interview.

    In den vergangenen Jahren habe seine Fraktion wiederholt auf diese Sachverhalte aufmerksam gemacht und Kleine Anfragen zum Thema gestellt. Auch die Kinderkommission des Bundestages habe sich mit der Bundeswehr-Werbung beschäftigt und ist zu dem Schluss gekommen, dass das Werbeverbot an Minderjährigen, wie es die UN-Kinderrechtskonvention vorsieht, nicht eingehalten wird.

    Gezielte Werbung Minderjähriger

    Die Bundesregierung scheint jedoch keinen Widerspruch zwischen der Wahrung der Kinderrechte und der gezielten Werbung Minderjähriger zu sehen. So heißt es in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion vom 24.08.2017:

    „Die Praxis der Bundeswehr steht in Bezug auf die Durchführung von Veranstaltungen im Einklang mit geltendem nationalen wie internationalem Recht. Auch bei der Bewerbung von Camps durch die Bundeswehr sowie der Teilnahme von Jugendlichen an diesen werden die Vorgaben der UN-Kinderrechtskonvention beachtet.”

    Bundeswehr-„Belegrechte“ in Kindergärten

    Auch fragwürdig sind die teils massiven Geldspenden der Bundeswehr an einzelne Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Laut einer Kleinen Anfrage der Linksfraktion sind zwischen 2010 und 2016 über 150.000 Euro an mehr als 85 Einrichtungen geflossen. Die Geldnot der Kindertagesstätten spiele hier eine Rolle, sagt Tobias Pflüger. Es lohne sich finanziell, mit der Bundeswehr zu kooperieren.

    „Was an Spenden läuft, bewegt sich in dem Graubereich zwischen dem, was unter Soldaten gesammelt wird, bis hin zu der direkten Unterstützung einzelner Kitas. In dem Zusammenhang ist interessant, dass sich die Bundeswehr zunehmend Belegplätze bei Kitas sichert. Diese Plätze stehen dann für andere Menschen, die nicht bei der Bundeswehr sind, nicht mehr zur Verfügung. Das ist eine richtige Subventionierung. Das muss man sich richtig klarmachen. Allein 2017 waren es 1,5 Millionen Euro, die für Belegrechte ausgegeben wurden. Das zeigt, wie die Bundeswehr als Akteur zunehmend in Bereiche reingeht, die sensibel sind und überhaupt keinem Zugriffsrecht der Bundeswehr zur Verfügung stehen sollten.“

    Breite Präsenz in Sozialen Medien

    Auch die Reality Shows der Bundeswehr auf YouTube und deren massive Bewerbung bei den sozialen Netzwerken findet Pflüger problematisch. Ziel sei es, Jugendliche zu rekrutieren und allgemein die Akzeptanz der Bundeswehr und vor allem die ihrer umstrittenen Auslandseinsätze zu heben.

    „Das Problem dabei ist, dass die reale Situation von Soldaten darin nur sehr bedingt rüberkommt. Es geht unter anderem um Auslandseinsätze. Da ist es auch eine Frage von Leben und Tod. Der Beruf des Soldaten ist kein normaler Beruf, sondern man lernt das Töten und kann auch im Rahmen des Berufes getötet werden.“

    Ausgaben für Werbeaktionen steigend

    Bei einem insgesamt steigenden Militärhaushalt werde auch immer mehr Geld für ebensolche Werbeaktionen bereitgestellt. „Bei der YouTube-Serie ‚Mali‘ waren die Werbemaßnahmen für die Serie höher als die Kosten für die Produktion der Serie, was immerhin zwei Millionen Euro waren“, so Pflüger.

    Seine Fraktion werde in den zuständigen Ausschüssen des Bundestages das Thema weiter verfolgen damit die Rekrutierung Minderjähriger und Werbeauftritte der Bundeswehr in Kitas ein Ende finden, sagt der Friedensforscher. Seitens der Bevölkerung erfahre die Linke für ihre Kritik an der Bundeswehr viel Unterstützung.

    Das komplette Interview mit Tobias Pflüger zum Nachhören:

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    Tags:
    Schule, Kindergarten, Frieden, Krieg, Kinder, Jugendliche, Werbung, Bundeswehr, Die LINKE-Partei, CDU, Ursula von der Leyen, Deutschland
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