23:28 15 Oktober 2018
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    EU-Kommission-Präsident Jean-Claude Juncker

    „Dritter Weltkrieg“, Ohrfeigen und Pro-Russland-Kurs: Wer ist Jean-Claude Juncker?

    © AFP 2018 / Pool/ Geert Vanden Wijngaert
    Politik
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    Alexander Boos
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    Skurrile Momente, Reden und Aktionen zeichnen seinen Weg: Jean-Claude Juncker – eine schillernde Figur der Europäischen Union (EU). Ohrfeigen für Regierungschefs, flapsige Bemerkungen, aber auch ehrliche Aussagen über wahre Ziele der Politik – und eine klar pro-russische Linie. All das ist Juncker. Wer ist dieser Mann? Sputnik auf Spurensuche.

    Er kommt aus dem zweitkleinsten Land der EU: Der Luxemburger Jean-Claude Juncker. Seit Jahrzehnten eine schillernde und umstrittene Persönlichkeit in Brüssel. Immer wieder sorgt der Arbeitersohn für – mitunter kuriose – Schlagzeilen. Den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán begrüßt er schon mal mit einem frechen „Hallo, mein Diktator!“, den griechischen Premier und andere mit einer Ohrfeige. Er verwechselte einst die Bundeskanzlerin mit seiner eigenen Ehefrau und bezeichnete das EU-Parlament als „lächerlich“. Außerdem steht er im Ruf, bestimmten Getränken nicht abgeneigt zu sein. Wer ist der EU-Kommissionspräsident? Welcher Mensch steckt hinter dem Politiker? Sputnik auf Spurensuche.

    „Wir machen weiter – bis es kein Zurück mehr gibt“

    „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert“, sagte Juncker einmal zur Methodik der EU-Politik, wie „Der Spiegel“ zum Jahreswechsel 1999/2000 im Aufsatz „Die Brüsseler Republik“ notierte.

    „Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“

    So sei es bei der Einführung des Euro gewesen, als die Konsequenzen der ersten Beschlüsse für den gemeinsamen Währungsraum kaum abzusehen waren. Kritiker weisen immer wieder darauf hin, das sei auch das Leitmotto der „Fabian Society“, einer sozialpolitischen Vereinigung zur Umformung der Gesellschaft durch berechnete und einkalkulierte Strategien über längere Zeiträume hinweg.

    „Das EU-Parlament ist lächerlich!“

    Das Europäische Parlament in Straßburg hat 751 Sitze. Nur 30 davon waren im Sommer 2017 besetzt, als der Ministerpräsident des kleinen EU-Lands Malta eine Rede hielt. Juncker bemerkte damals sichtlich verärgert in Richtung seiner Kollegen: „Das Europäische Parlament ist lächerlich. Total lächerlich!“ Und weiter: „Ich werde nie wieder an so einer Sitzung teilnehmen!“ Er monierte auch den Umstand, dass das Haus wahrscheinlich voll wäre, wenn Emmanuel Macron vor dem Parlament spräche.

    Merkel ruft an – Juncker: „Das ist meine Frau“

    „Entschuldigung, das ist meine Frau“, sagte der Kommissionspräsident während einer EU-Pressekonferenz im Juli 2017 vor versammelten Journalisten. Dann fummelte er sein Handy aus der Jacke. Blöd nur: Auf dem Display stand „Angela Merkel“. Die Kanzlerin war auch dran. „Nein, es ist Frau Merkel“, rief er den Medienvertretern dann kichernd zu. Der Saal krümmte sich vor Lachen. Ein weiterer skurriler Juncker-Moment.

     

    Geheimdienst-Affäre in Luxemburg

    Der Luxemburger hatte in seiner politischen Laufbahn schon einige Skandale auszustehen. 2013 stand er im Mittelpunkt einer Geheimdienst-Affäre in seiner Heimat. Damals kam ein Untersuchungsausschuss des Parlaments in Luxemburg-Stadt zum Ergebnis, dass der luxemburgische Geheimdienst (SREL), „zweifelhaft agiert“ habe. Auslöser waren juristische Erkenntnisse im Rahmen einer Reihe von unaufgeklärten Bombenanschlägen Mitte der 80er Jahre. Im Abschlussbericht zur sogenannten „Bombenlegeraffäre“ stellte der Ausschuss fest, dass Juncker die politische Verantwortung für die unkontrollierten Aktivitäten des SREL zu tragen habe. Daraufhin kündigte Juncker Neuwahlen an und musste in der Folge sein Amt als Premierminister an seinen Nachfolger Xavier Bettel abtreten. Das luxemburgische „Tageblatt“ berichtete damals darüber.

    Seltene pro-russische Stimme im EU-Chor

    In jüngster Zeit warb Juncker – wie so oft in seiner Karriere – für eine Russland-freundliche Politik. Trotz derzeitiger Spannungen mit Moskau spricht er sich immer wieder dafür aus, „den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen“. Die Europäische Union müsse sich mit dem Nachbarn arrangieren – ohne „eigene Werte aufzugeben oder Prinzipien zu verraten“, zitierte ihn die „Augsburger Allgemeine“ Mitte März.

    Juncker zählt damit zu einer Minderheit unter den EU-Politikern. Er stimmte noch nie in den europäischen Chor derer ein, die Russland ohnehin jeder Tat verdächtigen. Nach der Wiederwahl Putins zum russischen Präsident gratulierte er ihm per Brief, in dem er für „positive Beziehungen zwischen der Europäischen Union und der Russischen Föderation“ warb. Daraufhin schlug ihm ein Sturm der Entrüstung aus den eigenen Reihen entgegen. „Dies ist nicht die Zeit für Glückwünsche“, schimpfte ein erboster Guy Verhofstadt, Chef der Liberalen im EU-Parlament. Juncker halte die Annäherung an Russland angesichts der drohenden demografischen und wirtschaftlichen Krise sowie des relativ kleinen Territoriums der EU dennoch für wichtig.

    Putin lacht über Junckers Witze

    Apropos „relativ klein“: Juncker konnte 2015 bei einer Veranstaltung in Bonn mit einem Witz über Größenverhältnisse beim russischen Präsidenten Wladimir Putin punkten. „Warum hat Luxemburg Russland noch nicht angegriffen?“, fragte er das Staatsoberhaupt aus Moskau. Putin schüttelte den Kopf. „Wir haben keinen Platz, um die Gefangenen unterzukriegen“, soll Juncker geantwortet haben, wie die „Welt“ damals berichtete.

    Medien verschwiegen Junckers Warnung vor „Drittem Weltkrieg“

    In den skurrilen Momenten und Reden, die seinen Weg zeichnen, steckt immer auch ein Stück manchmal bitteren Ernstes. Am 7. Januar 2013 warnte der damalige Premierminister Luxemburgs auf einer Pressekonferenz vor einem bald kommenden Dritten Weltkrieg. „Der Premier warnt – ein wenig prophetisch – davor, dass das Jahr 2013 ein Vorkriegsjahr sein könnte“, zitierte das luxemburgische „Radio RTL“ die damaligen Aussagen. „Ähnlich wie 1913, als alle Menschen an Frieden glaubten, bevor der große Krieg kam.“ Juncker zog damit eine vielen Politikern unangenehme Parallele zum Ersten Weltkrieg, der 1914 allen damals existierenden staatlichen Friedensbündnissen zum Trotz ausgebrochen war.

    „Kann es sein, dass Juncker als dienstältester Regierungschef in der EU Insiderwissen hat über das, was uns bevorsteht?“, fragte der kritische Blog „Chodak“ damals. Er gehöre schließlich „zur obersten Elite der europäischen Zirkel. Weiß der Euro-Boss etwas, das wir nicht wissen? Hängt es vielleicht mit der Schulden- und Wirtschaftskrise zusammen und damit, dass derartige Probleme bisher immer mit einem Krieg einhergingen?“ Andere Blogs übten Medienkritik. „Außer dem Radiosender RTL berichtete niemand darüber“, monierte ein weiterer Beitrag. „Ansonsten: Schweigen in den bundesdeutschen Medien.“

    Vom kleinen Luxemburg bis zur Weltbank: Junckers Lebenslauf

    1954 erblickte Juncker in Redingen das Licht der Welt. Als Politiker der „Christlich-Sozialen Volkspartei“ wurde er 1989 Finanzminister seiner Heimat Luxemburg. Im gleichen Jahr wurde er auch Gouverneur bei der Weltbank. Der langjährige Premierminister seines Heimatlandes gilt als einer der Architekten des „Vertrages von Maastricht“ und hatte schon mehrere EU-Posten inne: EU-Ratspräsident sowie Vorsitzender der Euro-Gruppe.

    Seit 2014 ist er EU-Kommissionspräsident. Die Mitgliedsstaaten der Union überschütten den EU-Politiker regelmäßig mit Auszeichnungen. Darunter das „Große Bundesverdienstkreuz“, das er bereits 1988 erhielt. Oder auch der Karlspreis der Stadt Aachen für „verdiente Europäer“, den er 2006 bekam. Zuletzt erhielt er 2015 den „Internationalen Brückepreis der Europastadt Görlitz/Zgorzelec“.

    Jean-Claude Juncker lebt mit seiner Ehefrau Christiane „in der großen Eck-Villa in Capellen, nur 20 Kilometer von Luxemburg-Stadt entfernt“. Das berichtete das luxemburgische Celebrity-Magazin „LuxPrivat“ im November 2016 und schrieb weiter: „Das kinderlose Paar liebt das bodenständige Leben.“ Zum vollkommenen Glück fehle allerdings der Nachwuchs.

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    Tags:
    Kriegsgefahr, Euro, Erster Weltkrieg, Dritter Weltkrieg, EU-Kommission, EU-Parlament, EU, Xavier Bettel, Angela Merkel, Wladimir Putin, Jean-Claude Juncker, Russland, Europa, Luxemburg