16:50 18 Oktober 2018
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    Absperrung beim Ort, wo Sergej Skripal und Seine Tochter gefunden wurde

    Fall Skripal: „Ein Verräter hat drei Leben“

    © Sputnik / Alexej Filippow
    Politik
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    Im Fall des ehemaligen GRU-Mitarbeiters Sergej Skripal löst ausnahmslos alles Fragen aus, beginnend mit der Tatsache der Vergiftung selbst – so sehen es russische Beamte und Experten. Ein Militärexperte äußert sich über die Inkonsequenz Londons und die tödlichen Gefahren für die Skripals.

    London hat bislang keine Beweise vorgelegt und verbreitet weiterhin Vorwürfe gegen Russland, wenn behauptet wird, dass das Giftgas Nowitschok im Gebiet Saratow hergestellt worden sei. Warum das unmöglich ist und warum die Skripals in Lebensgefahr sind – das lesen Sie in diesem Artikel des Portals „iz.ru“.

    Gab es eine Vergiftung?

    Der ehemalige GRU-Mitarbeiter Sergej Skripal, der in Russland wegen Spionage für Großbritannien verurteilt worden war, ist wieder bei Bewusstsein, berichteten die britischen Behörden am Freitag. Skripal und seine Tochter wurden am 4. März nach einer Vergiftung mit Nervengas in kritischem Zustand in ein Krankenhaus in Salisbury gebracht. Ohne auf die Ergebnisse der Untersuchungen zu warten, schob London Moskau die Schuld an der Vergiftung der beiden Russen zu.

    Julia Skripal, die vor einigen Tagen aus dem Koma erwacht war, äußerte sich erstmals nach dem Vorfall wie folgt: „Ich erwachte vor mehr als einer Woche und freue mich sagen zu können, dass ich mit jedem Tag mehr Kraft bekomme. Ich bin dankbar für das Interesse an mir und die vielen guten Mitteilungen, die ich bekommen habe.“ Sie nannte keine Details zu dem Giftanschlag.

    Mit Julia nahm ihre Cousine Viktoria Kontakt auf. Medien verfügen über die Aufnahme eines Telefongesprächs, dessen Echtheit nicht belegt ist. Laut Viktoria sprach ihre Cousine zunächst munter, wie ihr schien. „Als wir uns die Aufnahme nochmals anhörten, verstanden wir, dass sie am Ende beinahe weinte, und zu hören war, dass ihr das Handy weggenommen wird“, sagte Viktoria der Zeitung „Iswestija“. Wären die Skripals wirklich angegriffen worden, dann aus anderen Gründen – sie interessierten sich nicht für Politik, so Viktoria. Eine andere Sache sei, dass jemand aus diesem Vorfall Vorteile für sich zieht.

    Viktoria wurde von der Witwe des ehemaligen FSB-Mitarbeiters Alexander Litwinenko Hilfe angeboten. Er war 2006 in London vergiftet worden (laut den britischen Behörden war an seinem Mord der ehemalige FSB-Mitarbeiter und heutige Staatsduma-Abgeordnete Andrej Lugowoi beteiligt). Zum Fall Skripal äußerten sich auch die Verwandten Litwinenkos. Sein Bruder Maxim meint, dass Julias Leben jetzt nicht so sehr von den Ärzten, als vor allem von den Ergebnissen ihrer Verhandlungen mit den britischen Behörden abhänge. „Wenn die Briten sie jetzt so einstellen, wie das damals mit Alexanders Vater der Fall war – ‚Ihr Sohn wurde von einem General der russischen Sicherheitsdienste ermordet‘ – und sie daran glaubt, dann wird man sie weiter brauchen“, so Maxim. „Falls sie versuchen wird, nach Russland zu fahren, wird ihre Besserung nur vorübergehend sein.“

    Das ehemalige Mitglied der UN-Kommission für biologische Waffen, Igor Nikulin, meint, dass man sich auch der Tatsache einer Vergiftung nicht sicher sein kann. „Vielleicht sind sie irgendwo festgehalten. Denn uns wurde kein einziges Foto bereitgestellt“, sagte Nikulin im TV-Sender REN TV. „Da liegt ein Mensch in der Reanimation mit künstlicher Beatmung und anderen Systemen. Zeigen Sie zumindest dieses Foto.“ Nikulin erinnerte an den Fall Litwinenko. Damals seien Aufnahmen verbreitet worden, damit die Tragödie quasi in Echtzeit verfolgt werden konnte.

    Auch Alexej Puschkow, Mitglied des Föderationsrates, hat Zweifel an der Vergiftung: „2003 belog Premier Tony Blair die ganze Welt von der Bedrohung eines irakischen Chemiewaffenangriffs. Ist das ein weiterer solcher Fall?“

    Die Türklinke

    Die Briten verraten sich ohne äußere Hilfe, so Nikulin. Sie ändern ständig ihre Versionen – zunächst warf Theresa May vor der ganzen Welt Russland den Angriff vor und sagte, dass die Skripals mit dem sowjetischen Nervengas Nowitschok vergiftet worden seien. „Jetzt sagen sie, dass es ein Nervenstoff ist“, so Nikulin. Wenn Menschen Aussagen ändern, löst das immer Verdächtigungen aus. Jeder Kriminalist wird das beweisen. Dem Experten zufolge handelt es sich wohl um eine Art „neuestes Nowitschok mit langsamer Verdaulichkeit“.

    Im Londoner Chemielabor wurde erklärt, dass es unmöglich ist, den Herstellungsort der Substanz festzustellen. Doch die britische Zeitung „Times“ verbreitete am Freitag Informationen, dass das Nowitschok-Gas in einem militärischen Wissenschafts- und Forschungszentrum in der Stadt Schichany im Gebiet Saratow entwickelt wurde. Laut dem russischen Außenminister Sergej Lawrow zeigen diese Verlautbarungen, dass London nun hastig versucht, eine Bestätigung für seine unbegründete Position zu finden. Dass sie erst im vergangenen Monat von irgendeinem Werk in Saratow erfahren haben, ist ein Beweis dafür. Moskau sagte sofort, dass es mit der Vergiftung nichts zu tun habe, so der russische Minister.

    Die russische Senatorin Ljudmila Bokowa äußerte Zweifel an der Professionalität der britischen Experten. Das Institut Schychany, von dem die Zeitung „Times“ berichtete, befasst sich mit der Entsorgung von industriellen Abfällen.

    Laut Nikulin verwechselt die britische Seite selbst elementare Dinge – sie hatte gleich einen Beweis, dass es kein Nowitschok war. Damit wurde angeblich die Türklinke bearbeitet. Wäre es tatsächlich so gewesen, hätten die Polizisten, die in der Nähe waren, nicht überlebt.

    Labor in der Nähe

    Solange britische Medien über ein Werk in Saratow berichten, stellt Moskau Fragen bezüglich des Labors Porton Down bei Salisbury. „Porton Down ist das größte Forschungszentrum zur Entwicklung von chemischen Waffen in Westeuropa. Es existiert seit mehr als 100 Jahren“, sagte Nikulin. „Dort wurden bereits während des Ersten Weltkrieges Senfgas und Phosgen entwickelt, also Kampfstoffe, die die Briten an der Westfront nutzten.“

    Das Vorgehen Londons sorgt nicht nur bei russischen Beamten und Experten für Erstaunen. Der ehemalige OPCW-Direktor Jose Bustani sagte, dass es physisch unmöglich sei, den Typ des Stoffs in einer solch kurzen Zeit festzustellen. „Ich denke, dass der Beschluss, der von Großbritannien getroffen wurde, voreilig war. Es ist unmöglich, innerhalb von 24 Stunden den Typ des Giftes und seine Herkunft zu bestimmen“, so Bustani.

    Die britische UN-Botschafterin Karen Pierce erklärte die Bereitschaft Londons, die Ergebnisse der OPCW-Analyse zum Fall Skripal zu teilen. Nach vorläufigen Angaben sollen diese Anfang der Woche erhalten werden. Moskau rechnet damit, dass die internationale Organisation in ihrer Arbeit sich nicht nach dem britischen Begriff „highly likely“ richten wird, hieß es in diplomatischen Kreisen.

    Sakrales Opfer

    Die OPCW werde kaum lautstarke politische Erklärungen machen, so Nikulin. Londons Hauptaufgabe in dieser Situation sei, keine russischen Spezialisten und jene zu der Untersuchung zuzulassen, die Sympathien für Russland haben.

    Bei den Briten verlief nicht alles so, wie sie es wollten. „Die Skripals blieben am Leben, zudem vollzogen die syrischen Regierungstruppen die Operation in Ost-Ghuta so rasch, dass die Extremisten es einfach nicht geschafft haben, ihre C-Waffen-Vorräte in Kampfbereitschaft zu versetzen“, so der Experte.

    Jetzt geht der Sturm im Wasserglas weiter. Er wird aber allmählich zu Ende gehen. Regierungschefin Theresa May muss sich für die nicht in Erfüllung gegangenen Prognosen und die unbegründeten Vorwürfe rechtfertigen. Ihre politische Karriere könnte deswegen auf dem Spiel stehen. „Ich denke, sie wird nach solch einem eklatanten Fehler kaum länger als ein Jahr auf ihrem Posten bleiben.“

    Wie wird das Schicksal der Skripals aussehen? Experten befürchten, dass Julia noch viel bevorsteht. Sergej Skripal wurde zu einer unbequemen Figur für die britischen Geheimdienste – er hatte plötzlich Sehnsucht nach der Heimat und wollte nach Russland zurückkehren.

    „Ein Verräter hat drei Leben. Zunächst wird er als Spezialist genutzt, aus ihm werden möglichst viele Informationen herausgepresst. Dann wird er bei Operationen gegen Russland eingesetzt. In der dritten Etappe wird er zu einem sakralen Opfer“, so Nikulin.

    Galina Wolynez

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    Tags:
    Vorwürfe, Zweifel, Forschung, Vergiftung, A-234 "Nowitschok", Times, OPCW, Julia Skripal, Sergej Skripal, Alexander Litwinenko, Sergej Lawrow, Großbritannien, Russland