18:56 24 Juni 2018
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    Syriens Regierungsarmee in Duma

    „Psychischer Angriff“ der USA verschafft Russland Vorteil

    © AFP 2018 / STRINGER
    Politik
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    Bei der jüngsten Zuspitzung der Konfrontation zwischen Russland und dem Westen geht es darum, dass man Moskau verantwortlich für den angeblichen C-Waffen-Einsatz durch Damaskus macht. Es gab Erklärungen, Russland würde „einen hohen Preis“ zahlen müssen. Kann es denn tatsächlich zu einem militärischen Konflikt zwischen Russland und den USA kommen?

    Damit ein Krieg ausbricht, müsste eine Situation entstehen, in der beide Seiten den Krieg wollen würden oder keine Möglichkeit hätten, den Krieg zu vermeiden. Im Kontext des Syrien-Konflikts haben Washington und Moskau weder ein Interesse daran, nach einer Konfrontation zu suchen, noch Gründe für ein unmittelbares Gefecht. Die Amerikaner lassen sich nicht gefallen, dass Russland den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zum Sieg führt, können aber nichts tun, um seinen Sieg zu verhindern.

    Ein massiver US-Schlag gegen Syrien hatte im Sommer 2013 auf der Tagesordnung gestanden, doch er kam nicht zustande – formell nach der Vereinbarung zur Entsorgung der syrischen Chemiewaffen. Im Grunde aber deswegen, weil man einsah, welche katastrophalen Folgen dies für die ganze Region haben würde. Und damals hatte Moskau Damaskus nur moralische und politische Unterstützung geleistet – die russische Luftwaffe gab es in Syrien noch nicht.  Und Assad verlor damals die Kontrolle über immer neue und neue Teile Syriens. Jetzt hat er den größten Teil des syrischen Territoriums wieder im Griff, und in Syrien sind russische Stützpunkte stationiert.

    Für die USA war es wichtig, einen schnellen Krieg Russlands zu verhindern und ihre eigenen Positionen im Nahen Osten zu festigen. Aber es ist genau das Gegenteil passiert – und eine neue Wende schaffen die Amerikaner nicht, es sei denn, Washington würde es wagen, eine große Intervention in Syrien zu beginnen und sein Territorium massiven Bombardements auszusetzen. Doch dies würde zu einer echten militärischen Konfrontation mit Russland führen, denn der russische Generalstab warnte bereits, die Objekte anzugreifen, von denen Schläge gegen die Stellungen der syrischen Regierungstruppen versetzt würden. In Washington gibt es immerhin keine Wahnsinnigen, die die erste direkte militärische Konfrontation zwischen zwei nuklearen Supermächten in der Geschichte provozieren würden. Deshalb verfolgen alle kriegerischen Äußerungen der US-Führung, insbesondere des Präsidenten Donald Trump persönlich, offenbar andere Ziele.

    Aber welche?

    Es geht vermutlich darum, dass sich Washington auf eine Veränderung der Bedingungen des Atomdeals mit dem Iran und gleichzeitig auf ein Treffen mit dem nordkoreanischen Staatschef Kim Jong-un vorbereitet. Die beiden Ereignisse sind für Mai geplant. Die Vorwürfe gegen Russland und den Iran, sie wären „für die Unterstützung des Tiers Assad verantwortlich“, der angeblich wieder Chemiewaffen eingesetzt hätte, sollen Trumps Image als harter Politiker untermauern. Das Problem ist nur, dass er damit weder dem Iran noch Nordkorea Angst machen kann. Die beiden befinden sich mit Washington seit Jahrzehnten in Konfrontation und lassen sich von so etwas nicht beeindrucken.

    Was die Beziehungen mit Russland angeht, so haben die Amerikaner einfach nichts, was sie aufs Spiel setzen könnten. Russland sieht keinen Sinn darin, die Beziehungen mit den globalistischen Vereinigten Staaten zu verbessern – Moskau will mit dem Antiglobalisten und Anhänger der Festigung der amerikanischen Souveränität Trump sprechen. Ob aber Trump dazu bereit ist, so zu bleiben, wie er ist? Er hat immerhin zum ersten Mal erklärt, sein russischer Amtskollege Wladimir Putin wäre für die Anwendung der Chemiewaffen in Syrien verantwortlich. Wenn man bedenkt, dass man im Westen seit Anfang März Russland vorwirft, „zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges Chemiewaffen in Europa eingesetzt zu haben“ (nämlich den Giftanschlag auf Sergej und Julia Skripal verübt zu haben), entsteht eine durchaus logische Kette. Der ganze Westen versucht, Russland und Putin persönlich zu dämonisieren, und greift dabei auf das Thema Chemiewaffen zurück. Die Politik zur Diskreditierung Russlands und Putins ist im Grunde schon seit Jahren unverändert.

    Und genauso bemüht sich Putin seit mehreren Jahren um die Bildung einer internationalen Front, die der angelsächsischen Globalisierung widerstehen soll. Dafür gibt es objektive Voraussetzungen – die Krise des von den Amerikanern errichteten Weltordnungssystems. Und Russland ist, objektiv gesehen, das Land, das an der Spitze dieser „Widerstandsbewegung“ stehen könnte und auch will. Indem der Westen diese oder jene antirussische Kampagne organisiert, behindert er die Entstehung dieser antiglobalistischen Koalition. Allerdings kann er diesen Prozess nicht verhindern.

    Solche Vorwürfe des Westens sind mit dem geopolitischen Konflikt, mit dem Informationskrieg verbunden – haben aber nichts mit der Vorbereitung eines realen Krieges zu tun. Niemand will wirklich einen Krieg gegen Russland. Man versucht aber, Russlands Einflusskraft zu beeinträchtigen und es möglichst von innen zu zerstören.

    Die USA sind nicht bereit, sich mit Russland auf einem echten Schlachtfeld zu messen, egal um wie viele Flugzeugträger, Militärstützpunkte und konkrete Waffen sie mehr haben als Russland. Denn es geht nicht um Zahlen, sondern um die geopolitische Situation, das Können der Akteure und die Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen.

    Alle drei Faktoren sind günstig für Russland, auch wenn es den USA etwas unterlegen ist. Dafür ist Amerika im Grunde ein Monster, das überfordert, durcheinandergeraten und zum Scheitern verdammt ist. Als globaler „Gendarm“ und Diktator konnte es sich nicht etablieren – und das begreifen alle internationalen Akteure. Seine wirtschaftliche Stärke ist großenteils künstlich, und die „Dollarblase“ ist immer noch nicht geplatzt, weil alle verstehen, dass ein schneller Zusammenbruch eines solchen Riesen einen globalen Tsunami auslösen würde. Der Syrien-Krieg hat gerade deshalb eine so große Bedeutung, weil er vor dem Hintergrund der immer mehr nachlassenden globalen Einflusskraft der USA stattfindet. In den sieben Jahren, die der Krieg dauert, ist der Rückgang der US-Einflusskraft sowohl im Nahen Osten als auch weltweit immer deutlicher zu sehen.

    2011 hatte man die USA zwar als geschwächten, aber trotzdem unumstrittenen Weltführer wahrgenommen. Niemand forderte sie offen heraus.

    2018 sind die USA von innen gespalten: Sie beklagen sich ernsthaft über Russlands angebliche „Einmischung“ in ihre Präsidentschaftswahl 2016 und haben inzwischen ein sehr schlechtes Image in Europa. Sie haben das Vertrauen ihrer gestrigen Verbündeten im Nahen Osten verloren und beginnen einen Handelskrieg gegen China, den sie nie gewinnen können. Sie setzen seit vier Jahren Russland unter Druck, haben aber nur erreicht, dass Wladimir Putin zum Politiker Nummer eins in der ganzen Welt wurde – zum Mann, der nicht nur mit solchen globalen Einflusszentren wie China und Indien enge Kontakte pflegt, sondern auch mit den formellen Verbündeten der USA wie die Türkei, Japan und Saudi-Arabien.

    Der Westen hat etliche Instrumente, um Russland weiter unter  Druck zu setzen, aber Russland ist schon längst daran gewöhnt, und deshalb dürfte das kein großes Problem für Moskau sein.

    Aber der grundsätzliche Unterschied der aktuellen Situation zu vielen früheren Krisen besteht darin, dass sich Russland in einer vorteilhaften und zugleich sicheren Lage befindet. Allein seine rein militärische Kraft gestattet es ihm, keine Angst vor möglichen Angriffen zu haben. Und dass es ihm gelingt, die Krise des angelsächsischen Weltordnungssystems auszunutzen, ist sehr positiv für sein Image in der restlichen Welt.

    Einen Ruf als Land, das andere Länder herausfordern und auf fremde Herausforderungen angemessen reagieren kann, das fremde Interessen berücksichtigt und sein Wort hält, dabei aber konsequent seine eigenen Ziele verfolgt, kann Russland vor allem in solchen Situationen wie die jetzige besonders schnell gewinnen. Und dieser Ruf ist viel wichtiger als die Verluste seines Aktienmarktes oder als die virtuellen „Imageschäden in den Augen des Westens“. Man sollte einfach langfristig denken und handeln – und genau das tut Wladimir Putin.

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    Tags:
    Krise, Angriff, C-Waffen, Chemiewaffen, Informationskrieg, Kim Jong-un, Donald Trump, Wladimir Putin, Naher Osten, Iran, Syrien, Nordkorea, USA, Russland
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