06:08 20 Juni 2018
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    Ein syrischer Soldat besichtigt das zerstörte Forschungszentrum Barzeh in Damaskus

    Westen hat in Syrien nicht nur an Glaubwürdigkeit verloren – Karin Leukefeld EXKLUSIV

    © AFP 2018 / LOUAI BESHARA
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    Die Syrer haben den völkerrechtswidrigen westlichen Angriff auf ihr Land in der Nacht zum Samstag eher gelassen beobachtet. Das berichtet die Nahost-Korrespondentin Karin Leukefeld im Interview. Sie ist derzeit in Beirut. Berlins Unterstützung für den Angriff schadet dem deutschen Ansehen in Syrien, sagt Leukefeld im Interview mit Tilo Gräser.

    Wie schätzen Sie den westlichen Angriff auf Syrien ein? Wie ist zu bewerten, dass die OPCW-Untersuchungen nicht abgewartet wurden?

    Ich lag falsch mit meiner Einschätzung. Ich habe nicht daran gezweifelt, dass Washington, London und Paris Syrien angreifen würden. Schließlich haben sie seit 2011 die bewaffneten Gruppen in Syrien unterstützt und so wäre der Konflikt zwischen den eigentlichen, internationalen Kontrahenten in den Vordergrund getreten. Aber ich dachte, der Westen würde – wenn auch zähneknirschend – die Untersuchungen der Organisation für das Verbot von chemischen Waffen (OPCW) abwarten. Wenigstens, um die Form zu wahren.

    Großbritannien hatte von der zypriotischen Regierung auf dem Luftwaffenstützpunkt Akrotiri bei Limassol (Republik Zypern) mehr Luftraum für seine Einsätze bis zum 13. Mai gefordert. Das sprach nicht für einen sofortigen Angriff. Zudem sprach manches für Unstimmigkeiten unter den drei Staaten. Welche Ziele sollten angegriffen werden, wie lange sollte ein Angriff dauern, wer soll bezahlen, wer führt das Kommando? Frankreich wollte gleich seine Armee nach Syrien schicken, was von den USA skeptisch gesehen wird. Immerhin würde der Einsatz von Bodentruppen bedeuten, dass der Westen nicht nur mit Russland, sondern auch mit dem Iran, der Hisbollah, Syrien natürlich und nicht zuletzt mit den verbliebenen Gruppen des „Islamischen Staates“ eine direkte Konfrontation eingehen würde. 

    Dass der Angriff nun doch erfolgte, hat sicherlich damit zu tun, dass US-Präsident Trump angekündigt hatte, innerhalb von 48 Stunden eine Entscheidung zu treffen. Diese Frist war schon überzogen, er musste sein Gesicht wahren. Möglich ist auch, dass Israel auf die Angriffe gedrängt hat oder dass man die eigene Darstellung gegenüber möglichen OPCW-Untersuchungsergebnissen durchsetzen wollte. In jedem Fall ist der Angriff völkerrechtlich nicht gedeckt. Und die Behauptung, dass Syrien Giftgas einsetzt – was bis heute nicht bewiesen ist – eignet sich bestens für zukünftige ultimative Anschuldigungen. Wie soll eine Regierung eines Landes beweisen, dass es nicht hat, was es nicht (mehr) hat?

    Sie waren vor kurzem wieder in Syrien. Was wissen Sie über die Lage vor Ort?

    Die Stimmung  in Damaskus war in den letzten Tagen eher gelassen, stoisch kann man schon sagen. Die Menschen haben acht Jahre Krieg hinter sich. Und sie haben schon lange verstanden, dass sie die Entscheidungen auf der internationalen Bühne nicht beeinflussen können. Freunde haben mir erzählt, sie seien auf den Dächern gewesen und hätten die Angriffe und die Abwehr „wie ein Feuerwerk“ beobachtet. Am Samstagvormittag gab es Protestversammlungen. Und Präsident Assad, der sich verschiedenen Medienberichten zufolge angeblich ja in Teheran befinden soll, wurde gezeigt, wie er am Samstagmorgen zur Arbeit ging, mit seiner Aktentasche

    Welche Reaktionen aus Syrien haben Sie erreicht? Wie sieht die syrische Bevölkerung inzwischen die Rolle des Westens?

    Raketenschlag des US-Kreuzers USS Monterey gegen syrische Regierungsobjekte
    © REUTERS / U.S. Navy/ Lt. j.g Matthew Daniels/ Handout
    Ich bin zur Zeit in Beirut und habe verschiedene Leute in Damaskus angerufen, um zu hören, wie es ihnen geht. Alle waren gesund und munter. Einer sagte, er habe den Eindruck, Syrien habe politisch trotz  dieser Angriffswelle und westlicher Machtdemonstration gewonnen. Der Westen hat ohnehin in Syrien enorm an Glaubwürdigkeit verloren. Die Untersuchung der OPCW-Inspektoren nicht abzuwarten, ist ein großer Fehler. Natürlich erinnert man sich hier an den Irak und den völkerrechtswidrigen Krieg, der 2003 mit der Lüge über Massenvernichtungswaffen begann, die nie gefunden wurden.

    Wie wird die deutsche Rolle gesehen, auch dass Merkel den Angriff für „angemessen“ hält?

    Ein Gesprächspartner in Aleppo, der namentlich nicht genannt werden will, äußerte schon Anfang der Woche im Gespräch Unverständnis über die Haltung der Bundesregierung gegenüber Syrien. Die deutsche Politik im Mittleren Osten sei nicht souverän, sie folge den USA und Israel. Die Wirtschaftssanktionen gegen Syrien schadeten nicht nur den Syrern, sondern auch der deutschen Wirtschaft. Feindseligkeit gegen Syrien werde geschürt. „Was will man von uns? Will man meinen Tisch, meine Jacke? Ich kann ihnen beides geben, wenn sie es brauchen. Soviel ich gehört habe, will die deutsche Bevölkerung keinen Krieg, auch nicht in Syrien. Warum tut die deutsche Regierung das Gegenteil von dem, was die Bevölkerung will?“

    Interview: Tilo Gräser

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    Tags:
    Raketenangriff, Stimmung, Meinung, Alltag, Luftwaffenstützpunkt, Syrien-Konflikt, Wirtschaft, Interview, Islamischer Staat, Hisbollah, Bundesregierung, OPCW, Karin Leukefeld, Donald Trump, Baschar al-Assad, Mittlerer Osten, Limassol, Beirut, Aleppo, Damaskus, London, Zypern, Paris, Israel, Iran, Großbritannien, Syrien, Deutschland, Frankreich, Washington