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    Emmanuel Macron (l.) und Angela Merkel in Berlin

    Baustelle Europa: Macron wird in Berlin mit ungewöhnlichem Symbol empfangen

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    Valentin Raskatov
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    Manche empfangen im historischen Versailles, andere inmitten der unfertigen Realität. Die Bundesregierung entschied sich für letzteres, indem sie Emmanuel Macron am Donnerstag im Humboldt-Forum empfing. Diese Wahl strotzt vor Symbolik. Wie jedoch die Realität sich gestalten wird, entscheidet sich nicht auf der Baustelle, sondern im Kanzleramt.

    Noch ist das Berliner Stadtschloss eher ein Gerüstkomplex, der eher durch großflächige Samsung-Werbung auffällt als durch Majestät. Wer am Donnerstag von der Leipziger Straße aus zum neuen Preußenbau schlenderte, konnte sich schon mal fragen: Warum empfängt die Bundesregierung den französischen Präsidenten Emmanuel Macron ausgerechnet an diesem Ort?

    Berliner Stadtschloss
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    Berliner Stadtschloss

    Wer zur Presse gehörte, konnte obendrein an diesem Empfang teilnehmen, wurde kurz vom Sicherheitspersonal geprüft, bekam einen Presseausweis um den Hals gehängt und fand sich auf der Baustelle wieder.

    Berliner Stadtschloss
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    Berliner Stadtschloss

    Mit dem Blick auf den obigen Fassadenabschnitt konnten die Journalisten nach dem Einlass über eine Stunde lang ihren Gedanken, Gesprächen und ihrem Zigarettenkonsum nachhängen. So auch ich, wobei ich mich auf die Gedanken beschränkte.

    Die Baustellen sind nicht gleich

    „Die Welt“ lief in leuchtendem Rot vor mir auf und ab und empfahl der Kamera die Einstellung. Gemeint ist natürlich eine Reporterin der Tageszeitung „Welt“, und rot war das Jackett, das sie trug. Dann sprach sie etwas, und in ihrer Rede fiel das Wort „symbolhaft“.

    Ja, es war vieles symbolisch an diesem Empfang. Das fängt schon mit dem Humboldt-Forum an, in dem die anschließende Pressekonferenz stattfinden sollte. Die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt standen in regem wissenschaftlichem Austausch auch mit französischen Forschern und schlagen so den Bogen von Deutschland zu Frankreich. Und natürlich ist da noch das Symbol der Baustelle. Das 1950 abgerissene Hohenzollernschloss wird erst 2019 wieder fertiggestellt. Auch hier gibt es die Parallele: Die große Frage nach der Zukunft Europas, in der sich Deutschland und Frankreich per Gespräch im Kanzleramt näherkommen wollen.

    Noch ist das Berliner Stadtschloss eher ein Gerüstkomplex
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    Noch ist das Berliner Stadtschloss eher ein Gerüstkomplex

    Aber das eine ist das preußische Stadtschloss, das im Bau weit fortgeschritten ist und vor allem über einen einheitlichen Bauplan verfügt. Das andere ist der Europabau, bei dem jeder – auch die Bundeskanzlerin und der französische Präsident – einen etwas anderen Bauplan hat und das nicht eher fertig wird, bis die Baupläne der Staaten sich angeglichen haben.

    Das Symbol schreit: Europabau bald abgeschlossen! Aber bei näherem Hinschauen zerfällt der Bildvergleich des Empfangs zwischen dem Schloss und der Union und vermittelt nicht mehr die unterschwellige Bedeutung. Die Baustellen sind nicht gleich.

    Spätes Händeschütteln

    Angela Merkel erschien als erste und musste zunächst einmal warten. Pünktlich mit einer Verspätung von 35 Minuten erschien der französische Präsident und riss mich aus den Gedanken, da es ihn abzulichten galt.

    Dann betraten die Politiker das Portal und wurden vom unfertigen Bau verschluckt. Was an Medien da war, lief außen an der Fassade entlang.

    • Emmanuel Macron (l.) und Angela Merkel in Berlin
      Emmanuel Macron (l.) und Angela Merkel in Berlin
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    • Wir sehen uns auf der anderen Seite
      Wir sehen uns auf der anderen Seite
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    • Schnell abbauen und einmal um’s Schloss
      Schnell abbauen und einmal um’s Schloss
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    • Auch die Bundeskanzlerin musste zunächst warten
      Auch die Bundeskanzlerin musste zunächst warten
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    Emmanuel Macron (l.) und Angela Merkel in Berlin

    Die Pressekonferenz: Siehe Tagesordnung

    Mit Verspätung begann auch die Pressekonferenz: In der Einleitung betonte die Bundeskanzlerin die Bedeutung des gemeinsamen europäischen Projekts. Sie lobte die Brüder Humboldt für ihre nationenübergreifende Forschung und sprach davon, dass es an der Zeit sei für „eine Wiederbelebung Europas“ sowie eine „Antwort an die Bürgerinnen und Bürger“.

    Auch der Konflikt in Syrien und der Ukraine wurde angeschnitten, aber nur für Augenblicke. Er verschwand sogleich hinter dem Koloss einer gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsunion, in der sich bekanntlich die beiden Staatschefs auch nicht einig werden können. Merkel betonte, dass die Interessen nur gemeinsam durchgesetzt werden könnten – mit einem gemeinsamen Bauplan also.

    Die gemeinsame Pressekonferenz mit Emmanuel Macron (l.) und Angela Merkel
    © REUTERS / Pool/ Kay Nietfeld
    Die gemeinsame Pressekonferenz mit Emmanuel Macron (l.) und Angela Merkel

    Auch Macron sprach vom gemeinsamen Projekt, von einer Vision und einem „europäischen Abenteuer“. Er warnte aber auch vor Entwicklungen, die die Zukunft Europas gefährden, etwa dem zunehmenden Nationalismus.

    Beide betonten in der Fragerunde, dass das wichtigste „Konvergenz“ sei – also gemeinsame Annäherung an eine Position. Im Übrigen war das bereits im Vorfeld Bekannte zu hören: Es werde um Fragen einer gemeinsamen Asylpolitik, Außen- und Verteidigungspolitik und Weiterentwicklung der Wirtschafts- und Währungsunion nebst Bankenunion gehen.

    Jetzt beginnen die Gespräche im Kanzleramt. Erst hier wird sich zeigen, was am Symbol dran war und ob am Ende Europa einen gemeinsamen Bauplan hat – zumindest von deutscher und französischer Seite.

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    Tags:
    Preußentum, Stadtschloss, Hohenzollernschloss, Humboldt-Forum, Emmanuel Macron, Angela Merkel, Versailles, Frankreich, Berlin
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