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    Andrea Nahles beim SPD-Parteitag in Wiesbaden, 22. April 2018

    Klatsche für Nahles: Übler Start für SPD-Chefin

    © REUTERS / Ralph Orlowski
    Politik
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    Marcel Joppa
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    Die erste Frau an der Spitze der SPD kann sich über ihr Wahlergebnis kaum freuen. Gerade einmal 66,35 Prozent der Genossen stimmten auf dem Parteitag in Wiesbaden für Andrea Nahles als Parteivorsitzende. Das Ganze zeigt die weiterhin skeptische Stimmung unter den Sozialdemokraten. Erneuerung trotz GroKo? Für viele ein Ding der Unmöglichkeit.

    Insgesamt hatten 631 Delegierte abgestimmt. Auf Nahles entfielen 414 Stimmen, auf die Herausforderin Simone Lange, der Flensburger Oberbürgermeisterin, 172 Stimmen. Der Parteivorstand hatte sich bereits im Vorfeld geschlossen hinter Nahles gestellt, deshalb galt ihre Wahl als gesichert. Jedoch hatten selbst pessimistische Parteifunktionäre eher mit einem Ergebnis um 75 Prozent gerechnet. Die neue Parteivorsitzende startet damit mehr als geschwächt in ihr neues Amt.

    ​In einer gewohnt kämpferischen Rede hatte Nahles zuvor den Aufbruch versprochen. Man könne eine Partei auch während einer Regierungsbeteiligung erneuern, diesen Beweis wolle sie antreten. Doch dieses Versprechen glaubte ihr in Wiesbaden anscheinend nicht jeder Delegierte. Kritiker konnte Nahles nicht überzeugen. Ihr Einsatz für eine Neuauflage der Großen Koalition haben ihr viele Genossen nicht verziehen.

    Es ist übrigens nicht die erste Klatsche für Andrea Nahles. Auf einem Parteitag 2009 wurde sie mit nur 69,6 Prozent zur Generalsekretärin gewählt, im Jahr 2013 waren es sogar nur 67,2 Prozent. Das scheint den SPD-Vorstand aber nicht daran zu hindern, Nahles für weitere Spitzenämter aufzustellen. Im Vergleich zu anderen Wahlen zum Parteivorsitz holte Nahles nun das zweitschlechteste Ergebnis. Nur Oskar Lafontaine schnitt 1995 mit 62,6 Prozent in einer Kampfkandidatur gegen Rudolf Scharping schlechter ab.

    ​Nichts desto trotz, Chefin ist Chefin, Nahles wird die SPD als erste Frau an der Spitze in den gewünschten Erneuerungsprozess führen. Wie dieser aussehen soll, darüber wird aktuell diskutiert. Gegenkandidatin Simone Lange hatte in ihrer Rede in Wiesbaden dafür geworben, Mut zu zeigen und die Herzen der Menschen wieder mit sozialdemokratischer Politik zu erreichen. Doch die Delegierten haben entschieden, sie wollen mehrheitlich Andrea Nahles als Führungsfigur.

    Das könnte auch an einer sehr emotionalen Rede von Ex-Parteichef Martin Schulz auf dem Parteitag gelegen haben. Er warb dafür, Nahles den Rücken freizuhalten, damit sie sich mit dem politischen Gegner befassen könne. Fast hätte man meinen können, Schulz will sich erneut für den Vorsitz bewerben, seine Rede erntete jedenfalls viel Applaus.

    ​Letztendlich aber zeigt sich, dass Prozentzahlen und Abstimmungsergebnisse keine Garantie für eine erfolgreiche Politik sind. Zwar sind 66,35 Prozent nicht viel und Nahles hätte sich sicher mehr erhofft. Doch Martin Schulz wurde einst mit 100 Prozent zum SPD-Chef gewählt und er erntete dennoch ein katastrophales Ergebnis bei der Bundestagswahl. Nun muss Nahles zeigen, ob sie aus den Fehlern ihres Vorgängers gelernt hat.

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    Tags:
    Parteitag, Sieg, Abstimmung, SPD, Andrea Nahles, Deutschland