19:35 14 August 2018
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    Wahlplakate in der Grönlands Hauptstadt Nuuk

    Die „nette Kolonialmacht“ Dänemark und warum Grönland dennoch die Unabhängigkeit will

    © REUTERS / Scanpix Denmark/ Christian Klindt Soelbeck
    Politik
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    Ilona Pfeffer
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    Am Dienstag wählt Grönland ein neues Parlament. Damit einhergehend stimmt die größte Insel der Welt de facto auch über ihre Unabhängigkeit von Dänemark ab. Doch kann sich Grönland einen eigenständigen Nationalstaat überhaupt leisten?

    Zugegeben: Grönland ist nicht unbedingt ein Land, das oft für Schlagzeilen sorgt – es sei denn, es geht um den Klimawandel. Weit im Norden gelegen, ist die größte Insel der Welt zugleich auch das am dünnsten besiedelte Gebiet nach der Antarktis. Pro Quadratkilometer zählt es gerade einmal 0,026 Einwohner. Insgesamt liegt die Einwohnerzahl bei etwa 56.000, also auf dem Niveau einer deutschen Kleinstadt.

    Dennoch hat die eisige Insel im Lauf der Geschichte Begehrlichkeiten geweckt. 3000 v. Chr. besiedelten die Vorfahren der Inuit das Land, und erst im neunten Jahrhundert unserer Zeit entdeckte der Norweger Gunnbjoern Ulfsson als erster Europäer die Insel. Seitdem hat Grönland verschiedene Abenteurer, Siedler und Missionare gesehen, bis es schließlich 1933 vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag Dänemark zugesprochen wurde, das damals mit Norwegen um den Anspruch auf die Insel stritt. 1979 erlangte Grönland die Selbstverwaltung mit eigenem Parlament, gehört aber weiterhin zum Königreich Dänemark mit Königin Margrethe II. als Staatsoberhaupt.

    Ade, „nette Kolonialmacht“?

    Geht es nach den Grönländern, könnte sich das bald ändern. Bei den Parlamentswahlen am Dienstag geht es auch um die Frage einer möglichen Unabhängigkeit Grönlands, denn alle größeren Parteien treten dafür ein. Auch in der Bevölkerung findet der Unabhängigkeitsgedanke breite Unterstützung. Grönland wolle ein echter Nationalstaat sein, wie Dänemark auch, sagt der Politikwissenschaftler und Grönland-Experte Ulrik Pram Gad von der Universität Aalborg im Sputnik-Interview.

    „Jedoch geht es bei der Wahl mehr darum, wie man sich darauf vorbereiten sollte. Wie man in den nächsten Jahrzehnten die Wirtschaft stärken kann, das Bildungssystem, die Infrastruktur, um eines Tages unabhängig zu werden. Dänemark hat insofern viel Einfluss, als Grönland stark von dänischen Subventionen abhängt. Aber was Rechtsprechung, Politik und die praktische Umsetzung angeht, entscheidet Grönland weitgehend für sich selbst, sowohl bei der Innen- als auch zum Teil bei der Außenpolitik.“

    Für die dänische Bevölkerung spiele die Insel im hohen Norden keine große Rolle, so der Experte. Grönland sei höchstens Symbol für das Bild des wohltätigen Dänemark, das dort als eine Kolonialmacht auftrete, die „viel netter“ sei als andere Kolonialmächte. Gemeint sind wohl die großzügigen Subventionen, mit denen Dänemark die Hälfte des Haushaltsvolumens der Insel stellt – immerhin rund 500 Millionen jährlich. Sieht man von diesen Zuschüssen ab, lebt Grönland hauptsächlich von seiner Fischindustrie.

    US-Basen und Geschäftsgelegenheiten

    Für die dänische Politik und Wirtschaft ist Grönland jedoch auch von Bedeutung:

    „Grönland spielt eine große Rolle für die Sicherheitszusammenarbeit zwischen Dänemark und den USA, denn die USA haben wichtige Militärbasen auf Grönland. Für Manche ist es aber auch eine Gelegenheit, Geschäfte zu machen und den kleinen dänischen Markt auf Grönland auszuweiten.“

    Sollte Grönland seine Unabhängigkeit einfordern wollen, müssten keine Proteste und Ausschreitungen befürchtet werden, wie etwa in Katalonien. Im Gegenteil, wenn sich die Bevölkerung in einem Referendum dafür aussprechen würde, würde Kopenhagen die Entscheidung akzeptieren, so Experte Gad. Ausschlaggebend seien aber die finanziellen Voraussetzungen für die Abspaltung.

    „Über die Details würde man natürlich verhandeln müssen, aber niemand würde Grönland die Unabhängigkeit verwehren. Es wird davon abhängen, wann Grönland sich die Unabhängigkeit leisten können wird, oder ob es eine Verarmung in Kauf nimmt, wenn die dänischen Subventionen wegfallen. Es deutet nichts darauf hin, dass Grönland das in absehbarer Zukunft tun wird.“

    Neue Partnerschaften für mehr Autonomie

    Für seine Unabhängigkeit brauche Grönland Partner – das müsse nicht zwangsläufig der Kolonialherr Dänemark bleiben. Das habe auch die grönländische Politik erkannt, die sich bemühe, Partnerschaften mit verschiedenen Ländern anzubahnen.

    „Dann könnte Grönland beispielsweise eine Sicherheitszusammenarbeit mit den USA haben, Entwicklungskooperationen mit Europa und eine noch immer starke Bindung zu Dänemark. Andere Parteien sind aber auch willkommen, darunter China. Wenn chinesische Unternehmen in Infrastrukturprojekte und Ölförderprojekte investieren würden, würden grönländische Politiker das sehr begrüßen.“

    Beim Ausbau der Ölförderung orientiere sich Grönland zudem stark an Norwegen, während es im Tourismussektor mit Island zusammenarbeite und kulturelle Beziehungen zu den Inuit in Kanada pflege.

    Geht es nach der grönländischen Partei „Partii Naleraq“, soll es eine erste Abstimmung über die Unabhängigkeit schon im kommenden Jahr geben und eine endgültige Entscheidung im Jahr 2021. „Wir wollen raus aus der Opferrolle“, so einer der Kandidaten der Partei gegenüber einer dänischen Zeitung.

    Ulrik Pram Gad glaubt trotzdem nicht, dass eine echte Unabhängigkeit in absehbarer Zeit möglich sein wird. Der Experte hält es aber für denkbar, dass durch neue Abkommen mit Dänemark eine Ausweitung der Autonomierechte für die Grönländer kommen könnte.

    Das Interview mit Ulrik Pram Gad:

    Tags:
    Sezession, Unabhängigkeit, Inuit, Autonomie, Margrethe II. von Dänemark, Ulrik Pram Gad, China, USA, Norwegen, Katalonien, Kanada, Grönland, Dänemark
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