09:26 22 August 2018
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    Jagd auf Russen-Bots: Stumpfe Lüge fällt London auf die Füße

    © AFP 2018 / BEN STANSALL
    Politik
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    Wladimir Kornilow
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    Russische Bots und Trolls sind wieder reger geworden. Das sagt die Regierung von Theresa May und gibt vor zu wissen, wie hoch der Anstieg dieser Aktivitäten ist: sage und schreibe 4.000 Prozent! Britische Zeitungen greifen diese ach so glaubwürdige Erklärung auf und tragen sie ungeprüft in die Welt. Eine Kurzrecherche entlarvt die Lüge.

    Nahezu alle britischen Leitmedien haben die Regierungserklärung über die Russen-Bots abgedruckt, ganz ohne vorherige Prüfung, Recherche und Analyse. Die Zeitung „The Guardian“ teilt gleich in der Überschrift mit, Russland verbreite nach der Vergiftung in Salisbury „Fake-News durch Bots bei Twitter“, und verweist auf Twitter-Accounts, die in Russland ansässig seien.

    So wie @Ian56789 – ein richtig fleißiger „Bot“, hat er doch seit dem 7. April Zeitungsangaben zufolge bis zu 100 Postings pro Tag verbreitet und innerhalb von zwölf Tagen eine Leserschaft von 23 Millionen Nutzern erfasst. Oder @Partisangirl: 61 Millionen Nutzer und 2.300 Postings im selben Zeitraum. Nach Ansicht von „The Guardian“ sind das wirklich russische Bots, die automatisch Mitteilungen herum-twittern.

    Tatsächlich aber sind das Twitter-Accounts von echten Menschen, die überdies keinerlei Verbindung zu Russland haben. Und es hätte den britischen Journalisten nicht allzu viel Mühe abverlangt, sich persönlich davon zu überzeugen.

    Das Twitter-Konto @Ian56789 etwa, das im Bericht der britischen Regierung erwähnt wird, gehört einem Rentner aus dem Vereinigten Königreich. Es ist ein Leichtes, Kontakt zu ihm aufzunehmen, was der Verfasser dieser Zeilen auch getan hat. Auf diesem Weg hat Ian56789 überhaupt erst erfahren, dass er von seiner Regierung zum Russen-Bot erklärt wurde.

    Ian berichtet, kürzlich zeitgleich mit der Veröffentlichung des Regierungsberichts bei Twitter gesperrt worden zu sein. Weder der Kurznachrichtendienst noch die Regierung noch die Journalistin von „The Guardian“ (die mit dem ominösen Artikel) hätten ihn vorher kontaktiert.

    Erst als Ians Follower bei Twitter dessen Identität bestätigt hatten, sei der Account freigeschaltet worden. Immerhin habe sich Twitter entschuldigt. Die britischen Journalisten denken derweil offenbar gar nicht daran. Auch durch persönliche Anwesenheit bei Sky News im Studio neulich zu einem Interview konnte Ian sie offensichtlich nicht überzeugen, ein echter Mensch zu sein.

    Gefragt, warum sie zwei Twitter-Nutzer in ihrem Artikel als Russen-Bots hinstellt, antwortete die Guardian-Journalistin Heather Stewart wortkarg, dies sei nicht ihre Analyse, sondern die der Regierung. In einem Sturm der Kritik haben Netz-User sie darauf hingewiesen, dass sie keine Stenografin der britischen Führung sei und es zu ihren Aufgaben gehöre, Fakten zu checken, bevor sie Menschen an den Pranger stelle.

    Erst recht, wenn es sich um eine renommierte Kollegin handelt, wie bei Maram Susli, syrienstämmige Youtuberin aus Australien, aka @Partisangirl. Um dies festzustellen, hätte eine einfache Google-Suche gereicht. Aber davon abgesehen, ist der Twitter-Account der jungen Frau verifiziert, worauf eigens ein Icon verweist.

    Auch die Zeitung „The Times“ hat einen vermeintlichen russischen Troll ausfindig gemacht. Das britische Blatt attackiert ja längst jeden, der es wagt, die westliche Syrien-Politik zu kritisieren. Diesmal ist eine Oma aus Finnland ins Fadenkreuz geraten: Mit Verweis auf Angaben des Atlantic Council bezeichnet die Zeitung den Twitter-Account Citizen Halo (@haloefekti) als russischen Troll, der sich als finnische Aktivistin tarne.

    Natürlich hat auch „The Times“ nicht mit der Eigentümerin des Accounts gesprochen. Sonst hätte die Zeitung – wie der Autor dieses Artikels – erfahren, dass Citizen Halo in der Stadt Jyväskylä geboren wurde und bis heute dort lebt. In einer Videobotschaft musste die Frau die Sache klarstellen: „Ich bin kein russischer Troll, sondern eine finnische Oma, eine überzeugte Kriegsgegnerin. Das hätte man leicht überprüfen können, weil ich seit neun Jahren bei Twitter bin.“

    Die Times-Redakteurin Deborah Haynes habe sie vor rund einem Monat mit der Frage kontaktiert, ob sie ein prorussischer Troll sei, sagt die finnische Rentnerin. Den Screenshots nach zu urteilen, die die Finnin bereitgestellt hat, hat sie diese Frage verneint. Doch die Times-Redakteurin behauptet, Citizen-Halo habe auf die Anfrage nicht reagiert.

    Weder @Ian56789 noch @Partisangirl noch Citizen Halo sind russische Trolls. Sie sind schlicht und ergreifend Blogger, deren Meinung bestimmten Redakteuren oder „Kremlkennern“ aus dem Atlantic Council gefällt. Deshalb werden sie Opfer der Jagd nach russischen Bots.

    Einige Blogger teilen mit, sie würden derzeit gerichtliche Schritte wegen Verleumdung prüfen. Doch die Zeitungen, die echte Menschen als Bots stigmatisiert haben, lassen sich mit Entschuldigungen Zeit. Sonst müssten sie ja offen zugeben, dass die britische Regierung ihre Bürger belügt, weil sie fraglichen Informationen eines US-amerikanischen Think-Tanks vertraut.

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    Tags:
    Fake-News, Skandal, Verbindungen, Social Bots, Twitter, Syrien, Russland, Großbritannien
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