23:37 23 Oktober 2018
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    Peking, China (Archiv)Egon Krenz

    Egon Krenz: China als Chance für die Welt – und für realen Sozialismus

    © AP Photo / Andy Wong © Sputnik / Tilo Gräser
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    Tilo Gräser
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    „China – Wie ich es sehe“ ist der Titel eines Buches, das der letzte DDR-Partei- und Staatschef Egon Krenz kürzlich im Verlag „edition ost“ veröffentlicht hat. Darin widerspricht er dem medial und politisch vermittelten China-Bild in der Bundesrepublik. Krenz hat das Buch am Donnerstag in Berlin vorgestellt. Danach hat Sputnik mit ihm gesprochen.

    China liefert ein Beispiel, wie gesellschaftliche Probleme so gelöst werden können, dass alle Bürger etwas davon haben. Das hat Egon Krenz (Jahrgang 1937), letzter SED-Generalsekretär und DDR-Staatsratsvorsitzender, in einem Interview am Mittwoch in Berlin erklärt. Er stellte in der Ladengalerie der Tageszeitung „junge Welt“ sein neues Buch „China – Wie ich es sehe“ vor. Darin berichtet er von seinen insgesamt sechs Besuchen im „Reich der Mitte“ und seinen Eindrücken.

    Mit dem Buch wendet er sich gegen die herkömmliche Darstellung Chinas in deutschen Medien. Diese seien immer noch antikommunistisch eingestellt und würden deshalb kein realitätsgerechtes Bild der chinesischen Entwicklung wiedergeben, so Krenz. Er machte das an verschiedenen konkreten Beispielen deutlich. Und: China wolle nicht die Weltherrschaft, wie ihm im Westen unterstellt wird. Es wolle dagegen in Zusammenarbeit mit den anderen Staaten die gemeinsamen weltweiten Probleme lösen, zum Nutzen aller.

    Nach der Buchvorstellung hat Sputnik bei ihm nachgefragt:

    Herr Krenz, wie oft waren Sie in China? Und wie sehen Sie China?

    Insgesamt war ich sechs Mal in China. 1989, zum 40. Jahrestag der Volksrepublik, habe ich die offizielle Staatsdelegation der DDR geleitet. Damals hatte ich sehr interessante Gespräche mit Jang Zemin und Deng Xiaoping. Jang Zemin zitierte frei aus dem Kopf in deutscher Sprache die letzten Worte von Goethes Faust, als ich in sein Büro kam. Er erinnerte sich daran, dass er als Minister einmal Weimar besucht hatte und war angetan von dem Antifaschismus der DDR. Er hat darauf hingewiesen, wie unterschiedlich Traditionen sein können, gerade in Weimar, der Stadt der Klassik mit Goethe und Schiller, und andererseits Buchenwald – die Barbarei des Faschismus.

    Nach der sogenannten Wende und meiner Haftentlassung 2003 bin ich inzwischen einige Male in China gewesen, meist auf Einladung der Akademie für Gesellschaftswissenschaften, einmal vom Institut für strategische Forschungen. Natürlich wollten die chinesischen Freunde vor allem wissen, wie ich den Untergang der Sowjetunion bewerte. Und welche Fehler dazu geführt haben, dass es die DDR nicht mehr gibt. Ich habe das Gefühl, dass die chinesische Führung, die chinesische Kommunistische Partei und die verschiedenen Institutionen sehr gründlich darüber nachdenken, was man aus dem Untergang der UdSSR lernen kann.

    Wie sehen Sie China heute, so wie Sie es kennengelernt haben?

    Ich sehe China vor allem als ein sozialistisches Land. Oder besser gesagt: als ein sozialistisches Land, das auf dem Wege ist, den Sozialismus aufzubauen. Ich war im Lande, als der 19. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas stattgefunden hat (Herbst 2017 – Anm. d. Red.), und konnte so die weitreichende Programmatik der Partei kennenlernen. Sie haben sich das Ziel gestellt, bis zum Jahr 2049, dem 100. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik, ein starkes sozialistisches Land zu sein, in dem die Menschen gern leben und es den Menschen gut geht. Dieses Ziel finde ich großartig. Ich empfinde die ganze Entwicklung in der chinesischen Volksrepublik als Beweis dafür, dass der Untergang der Sowjetunion 1991 noch nicht das Ende des real existierenden Sozialismus gewesen ist.

    Die damalige Rechnung „Der Sozialismus ist kaputt, Jesus lebt und der Kapitalismus ist das Endziel der Geschichte“ ist ohne die Volksrepublik China gemacht worden. Für mich ist China eine Hoffnung. Ich denke, im 21. Jahrhundert wird keiner umhinkommen, auf China Rücksicht zu nehmen. Ich freue mich persönlich sehr, dass es eine gute Zusammenarbeit zwischen der Russischen Föderation und der Volksrepublik China gibt. Die Zusammenarbeit von China und Russland auch im Uno-Sicherheitsrat gibt sehr starke Impulse für die Erhaltung des Friedens. Ich werde von mir aus weiterhin die Entwicklung in der Volksrepublik verfolgen und glaube sehr daran, dass das ein erfolgreiches sozialistisches Aufbauwerk ist.

    Sie haben eine andere als die übliche westliche Sicht auf die Entwicklung in China. Wie würden Sie diesen Unterschied sehen? Wie beurteilen Sie die westliche, vor allem Mainstream-Medien-Darstellung der Entwicklung in China?

    Für die Beurteilung Chinas, wie auch die nachträgliche Beurteilung der DDR, gibt es ein Erklärungsmuster im Westen: Das ist der Antikommunismus. Und nicht nur Antikommunismus. Es ist auch die Entstellung von Fakten. Das China, das ich erlebe, ist ein ganz anderes als das, worüber hier in den Medien berichtet wird. Und es ist immer wieder der Versuch, sich selber zu erhöhen, indem man andere erniedrigt. Ich finde die Sicht, die Deutschland auf China hat, nachteilig für Deutschland. Deutschland nimmt sich selber die Möglichkeit, Erfahrungen aus China für seine eigene Entwicklung zu bedenken.

    Sie werden immer wieder konfrontiert mit Ihrem Besuch 1989 in China, in Peking – das wird immer in Verbindung gesetzt mit den damaligen Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Ihnen wird nachgesagt, Sie hätten für die DDR quasi eine „chinesische Lösung“ für möglich gehalten. Was sagen Sie jemandem wie mir, der Sie daran erinnert?

    Ich war am 1. Oktober 1989 zum 40. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik in Peking. Ich habe damals die Staatsdelegation der DDR geleitet. Dieser Besuch war begleitet von einer Kampagne der bundesdeutschen Medien gegen mich, dass ich angeblich mit einer Gewaltlösung für die DDR gedroht hätte. Dagegen habe ich geklagt, und die Fakten sprachen für mich. Das Landgericht Hannover hat einen Beschluss gefasst und diese Äußerungen, die gegen mich getätigt waren, als ehrverletzend bezeichnet. Im Übrigen hat es damals in der Volksrepublik China wie auch später nie Gespräche darüber gegeben, wie man Gewalt anwendet – sondern eher darüber, wie man Gewalt verhindern kann.

    Sie haben vorhin in der Buchvorstellung erwähnt, dass das Ihnen gegenüber in Peking so gesagt wurde.

    Ja, als ich in Peking war, haben wir Gespräche geführt, wie man den Sozialismus gestalten kann, nicht wie man Gewalt gegen das Volk führt.

    Wie sehen Sie die Idee des Sozialismus in der heutigen Zeit? China ist ein Beispiel, dass es die Versuche gibt, das weiter zu gestalten. Wie sehen Sie die Chancen angesichts der globalen, internationalen Entwicklung?

    Das ist ein Prozess. Ich denke, jene, die den Sozialismus wollen, sollten sich nie missbrauchen lassen gegen Staaten, die das sozialistische Ziel haben. Neben China gibt es Entwicklungen in Vietnam, in Laos, auf Kuba, und natürlich auch Anstrengungen in Venezuela, einen anderen Weg zu gehen. Die Anstrengungen, die sozialistische Idee am Leben zu erhalten, sind vielfältig. Ich gebe das Ideal des Sozialismus nicht auf. Die Idee des Sozialismus ist genauso schlecht totzukriegen wie die Idee des Christentums, die ja nun über 2000 Jahre alt ist und trotzdem immer wieder lebendig wird, obwohl es Kämpfe gegeben hat und obwohl es auch Verbrechen gegeben hat. Aber die Ideale der Menschen sind eben stark. Ich glaube, dass der Kapitalismus nicht das letzte Wort der Geschichte ist, sondern dass der Sozialismus eine Chance hat. Wann und wie – das ist eine ganz andere Sache.

    Dieses Jahr wird in verschiedenster Weise der 200. Geburtstag von Karl Marx begangen. Ich habe vor kurzem wieder dieses Plakat gesehen, das in der Endzeit der DDR auftauchte und wo unter Marx sinngemäß steht: „Entschuldigt, Genossen, das war ein Irrtum“. Wie sehen Sie das?

    Ich denke, das ist das Plakat, wo steht: „Es war halt nur so eine Idee.“ Ich finde, Marx ist wieder aktuell. Selbst bürgerliche Ökonomen kommen nicht umhin, sich mit dem „Kapital“ zu beschäftigen. Ich habe bei Intellektuellen gelesen, das kommunistische Manifest sei hervorragende Prosa. Also Marx ist nicht totzukriegen, Engels auch nicht – und ich glaube, auch Lenin nicht.

    Ich sage immer: Man kann nicht Marx, nicht Engels und auch nicht Lenin dafür verantwortlich machen, dass die nachfolgenden Generationen es nicht geschafft haben, ihre Werke ins Leben umzusetzen. Kein Mathematiker käme auf die Idee, der Mathematik die Schuld zu geben, wenn er sich verrechnet hat. Wenn wir uns geirrt haben, dann kann man nicht Marx die Verantwortung dafür geben. Im Gegenteil: Ich finde, der 200. Geburtstag sollte Anlass sein, Marx wirklich zu lesen. Ich bemängele, dass man viel über Marx liest, aber leider zu wenig Marx selbst.

    Egon Krenz: „China – Wie ich es sehe“; Verlag edition ost 2018

    155 Seiten, broschiert; ISBN 978-3-360-01885-4; 12,99 Euro

    Lesen Sie am Sonntag bei Sputnik Teil 2 des Interviews mit Egon Krenz zum deutsch-russischen Verhältnis

    Das vollständige Interview mit Egon Krenz zum Nachhören:

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    Tags:
    Sozialismus, Untergang, Faschismus, Medien, Kalter Krieg, Egon Krenz, DDR, UdSSR, China