09:06 19 November 2018
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    Bundeskanzlerin Angela Merkel (2l.) und Bundesregierung im Meseberg-Schloß (Archiv)Egon Krenz

    „Tragischer Rückschritt“: Egon Krenz über deutsche Politik gegen Russland

    © AFP 2018 / John MACDOUGALL © Sputnik / Tilo Gräser
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    Politik
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    Tilo Gräser
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    Der letzte DDR-Staats- und Parteichef Egon Krenz warnt vor den Folgen der aktuellen bundesdeutschen Politik gegenüber Russland. Diesem gegenüber hat Deutschland eine besondere deutsche Verantwortung, wie Krenz im Interview mit Sputnik erklärte. Zuvor hat er sein neues Buch „China – wie ich es sehe“ vorgestellt.

    Im Interview nach der Buchvorstellung am Donnerstag in Berlin ging Egon Krenz auch auf die Rolle des Westens im Kalten Krieg und heute gegenüber der damaligen Sowjetunion und dem heutigen Russland ein. Er (Jahrgang 1937) war im Herbst 1989 kurze Zeit Nachfolger von Erich Honecker nach dessen Rücktritt als SED-Generalsekretär und DDR-Staatsratsvorsitzender.

    Nach dem ersten Teil des Interviews, in dem es vor allem um China geht, folgt hier der zweite Teil, in dem sich Krenz vor allem zu den Beziehungen zu Russland äußert.

    Sie haben bei der Buchvorstellung erwähnt, dass der Westen sich als Sieger des Kalten Krieges gesehen hat, ohne Bereitschaft, aus den Fehlern der anderen Seite zu lernen. Sie haben erwähnt, dass die Chinesen sehr genau geschaut haben, was da beim Untergang des staatlichen Sozialismus auf europäischem Boden passiert ist. Haben sie die richtigen Lehren gezogen?

    Ich denke, sie sind dabei, das zu tun. Man kann immer alles noch viel besser machen … Aber wenn Sie schon vom Ende des Kalten Krieges reden, lassen Sie mich etwas zur Russischen Föderation sagen. Ich war 1989 SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender, als Gorbatschow sich vorbereitete, zu dem Gipfeltreffen mit Bush dem Älteren nach Malta zu reisen. Er hatte mir dazu am 24. November 1989 eine Botschaft geschickt, in der er mitteilte, dass er vorhat, dort das Ende des Kalten Krieges zu erklären.

    Da habe ich mir schon die Frage gestellt: Wozu? Denn der Kalte Krieg war noch voll im Gange. Er war durchaus nicht zu Ende. Natürlich war das auch eine Frage für die Existenz der DDR. Denn die DDR war ein Kind des Kalten Kriegs, unter anderem – sie war ein Ergebnis des Zweiten Weltkrieges, aber auch ein Kind des Kalten Krieges. Wer den Kalten Krieg für beendet erklärt, muss sich natürlich die Frage stellen lassen: Was wird aus der DDR?

    Gorbatschow hat bei Malta auf dem US-Kreuzer das Ende des Kalten Krieges erklärt, und daraufhin hat George Bush der Ältere sich zum Sieger des Kalten Krieges erklärt – und im Grunde genommen damit eine Erklärung abgegeben, dass der Kalte Krieg weitergeht. Das konnte damals die Sowjetunion und später die Russische Föderation nicht auf sich sitzen lassen. Ich denke, die Leute, die reden, wir sollen nicht in einen neuen Kalten Krieg verfallen, vergessen, dass der Kalte Krieg nie zu Ende war. Die aktuelle Situation, das deutsche Verhältnis – nicht der Deutschen, das ist sehr unterschiedlich, aber der offiziellen deutschen Politik – zu Russland, das ist tragisch, dass sich das so entwickelt hat.

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    Und dass der neue Außenminister das noch verschärft, empfinde ich persönlich als einen großen Rückschritt zurück zur Politik vor der Ostpolitik in den 1970er Jahren. Denn in der neuen Ostpolitik, dem Moskauer Vertrag und allem, was damit zusammenhängt, hat die damalige Sowjetunion eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Wenn man diese Rolle dem neuen Russland nicht zugesteht, dann vergisst man die Lehren der Geschichte. Ich glaube, da würde Willy Brandt sich im Grabe umdrehen, wenn er hörte, was der neue deutsche Außenminister über Russland und die Politik der Deutschen gegenüber Russland sagt.

    Warum sehen Sie die aktuelle Entwicklung als großen Rückschritt?

    Ein früherer Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft, der für Jugendfragen zuständig war und jetzt in Belorussland arbeitet, hat mir ein Gedicht in russischer Sprache geschickt. Mit einem Freund, er war Direktor im Eisenhüttenkombinat Ost, hat in Moskau studiert und ist ein sehr guter Kenner der russischen Literatur, habe ich ein paar Zeilen daraus übersetzt. Das Gedicht trägt die Überschrift: „An die Verleumder Russlands“. Darin heißt es: „Hass gegen uns füllt eure Brust. Was flucht und droht Ihr dem heiligen Russland? Wofür eigentlich hasst Ihr uns?“ Der Dichter antwortet: „Etwa dafür, dass wir auf den rauchenden Trümmern Moskaus den frechen Willen des Eroberers nicht anerkannten? Jenen Willen, vor dem Ihr gezittert habt? Und der Euch den Untergang brachte? Dafür etwa, dass wir mit unserem Blut die Freiheit und die Ehre Europas und der Welt erkauft haben?“ Jetzt frage ich Sie mal, ob Sie sich vorstellen können, von wem dieses Gedicht stammt?

    Ich hätte jetzt auf Jewtuschenko getippt.

    Es stammt aus dem Jahre 1831 und ist von dem russischen Nationaldichter Alexander Sergejewitsch Puschkin. Das heißt, die Frage, die heute an aktuellen Dingen aufgehängt wird, ist alt, sehr alt. Bismarck hat mal gesagt: „Deutschland ging es immer am besten, wenn es gute Beziehungen zu Russland hat.“ Das ist es, was mir so leidtut, dass diese Beziehungen auch durch die deutsche Außenpolitik in Gefahr gebracht werden.

    Ich habe mir lang überlegt, ab welchem Zeitpunkt die ganze sogenannte freie Welt, also Nato und EU und so weiter, angefangen hat, eine konzentrierte Hetze gegen die Russische Föderation zu betreiben. Namentlich gegen Putin, der 2001 vor dem Bundestag in einwandfreiem Deutsch gesprochen hat und um gute Beziehungen zwischen Deutschland und Russland geradezu gebettelt hat. Die Hetze begann, nachdem Putin gesagt hat: Der Untergang der Sowjetunion sei eine globalpolitische Katastrophe am Ende des 20. Jahrhunderts. Das ist aus der Sicht des Westens natürlich eine Sünde, weil er damit die Zerstörung eines Weltreiches kritisch anspricht. Und zwar eines Weltreiches, das den zweiten Weltkrieg gewonnen hat.

    Wenn die Deutschen die Beziehungen zu Israel auf einen besonderen Platz stellen, dann sage ich, das ist in Ordnung. Aber diesen besonderen Platz hat auch Russland verdient, mit 28 Millionen Toten. Wenn man die sechs Millionen Juden nimmt, die ermordet worden sind, dann muss man sagen, darunter sind viele russische, belorussische, ukrainische – also viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion.

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    Das heißt, die deutsche Außenpolitik hat eine Verpflichtung, die auch gegenüber den Opfern des Faschismus eine Rolle spielt. Das wird heute alles ein bisschen weggewischt. Diese unterschiedliche Behandlung halte ich nicht für gut. Ich habe in Moskau studiert, habe dort oft Familien besucht, und habe festgestellt, der 22. Juni 1941 war ein besonderer Tag des Erinnerns in den Familien. Denn fast jeder hat in der Familie irgendeinen Menschen verloren. Es gab damals eine Übereinkunft in der Gesellschaft zwischen Führung und Menschen: Nie wieder sollen deutsche Soldaten, sollen deutsche Truppen so eng an der russischen Grenze stehen wie damals 1941. Und jetzt stehen deutsche Truppen an der russischen Grenze. Das ist gegen die ganze innere Einstellung vieler Russen, wie sie ihre eigene Geschichte erlebt haben. In Deutschland ist es notwendig, eine Wende, eine wirkliche Wende herbeizuführen, um gute Beziehungen – nicht kritiklose Beziehungen, darum geht es gar nicht, aber gute Beziehungen – zu Russland zu haben.

    Egon Krenz: „China – Wie ich es sehe“; Verlag edition ost 2018

    155 Seiten, broschiert; ISBN 978-3-360-01885-4; 12,99 Euro

    Lesen Sie hier Teil 1 des Interviews mit Egon Krenz über China

    Das komplette Interview mit Egon Krenz zum Nachhören:

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