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    das katholische Kreuz (Symbolbild)

    „Das Kreuz kann nicht von seiner Symbolik getrennt werden“ – Religionsexpertin

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    Valentin Raskatov
    Kruzifixe an bayerischen Behörden (6)
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    Das Kreuz kann nicht von seiner religiösen Symbolik getrennt werden, finden Religionswissenschaftler. Sonst würde es seine Bedeutung verlieren. Zugleich ist das Kreuz aus Sicht Andersgläubiger als politische Aussage und als Akt der Dominanz zu verstehen. Kreuze aushängen kann daher nicht Aufgabe eines Staates sein, der von der Kirche getrennt ist.

    Zum 1. Juni sollen in allen staatlichen Behörden Bayerns sichtbar Kreuze angebracht werden. Das gab der Ministerpräsident des Freistaats, Markus Söder (CSU), letzten Dienstag über soziale Medien bekannt. Das Neutralitätsgebot, das religiöse Symbole in öffentlichen Ämtern verbietet, umging er mit der Argumentation: Das Kreuz sei nicht als religiöses Symbol zu verstehen, sondern als Bekenntnis zur „bayerischen Identität und christlichen Werten“. Doch lässt sich ein religiöses Symbol von seiner religiösen Bedeutung überhaupt einfach so trennen?

    Rein gesetzlich geht das, sagt Gritt Klinkhammer, Religionswissenschaftlerin an der Universität Bremen und Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft, gegenüber Sputnik. Söder springe hier auf das Kruzifix-Urteil von 1995 auf, das die Anbringung von Kreuzen in Klassenzimmern erlaubt. „Er geht hier den Weg der Erweiterung dieses Gesetzes“, so Klinkhammer. Formal gehe das Vorgehen Söders schon auf.

    So einfach ist die Trennung nicht

    Was aber die begriffliche Trennung von „Religion“ und „Kultur“ betrifft, betont die Religionswissenschaftlerin: „Ein Symbol kann man nicht komplett umdeuten, zumindest nicht in einer Generation.“ Es handle sich nun einmal um ein typisches katholisches Symbol, hinter dem eine christliche Geschichte stecke. „Dass sich das jenseits dieser Religion deuten lässt, das halte ich für eine schwierige Auffassung – das wird aber in Bayern versucht“, findet sie.

    Damit sei nicht gesagt, dass es keine Menschen gebe, die im Kreuz nichts weiter als einen Ausdruck von Kultur sehen: „Religion ist auch ein Teil von Kultur. Für viele ist Religion nicht mehr als Kultur. Nicht alle sind vielleicht religiös, aber haben mit dem Kruzifix kein Problem und sehen es als kulturelles Symbol“, sagt die Forscherin. Für diese gehe Söders Argumentation auf.

    Interessant werde das Ganze aber „in der Berührung mit anderen“, worunter Klinkhammer nicht nur Muslime, sondern auch Menschen anderen Glaubens und Nicht-Gläubige versteht. „Die fühlen sich vielleicht dominiert durch so ein Symbol. Da finde ich schon, dass es eher etwas von einer Markierung hat und dass bestimmte andere, die dieses Symbol nicht als ihres betrachten, nicht dahingehören. Es ist ein Diskurs, der Grenzen zieht und Grenzen ziehen will“, so Klinkhammer.

    Mehr als „Kultur“ oder politische Aussage

    Klinkhammer hebt hervor, dass es auch viele kritische Stimmen aus dem religiösen Bereich gebe, die nicht wollen, dass das Kreuz nur als „kulturelles Symbol“ gewertet wird. Der Grund ist einfach: „Sie betrachten das Kreuz spezifischer, als Herr Söder das möchte.“ Letztlich meine auch Söder nicht einfach nur die Kultur, sondern wolle mit der Anordnung eine politische Aussage machen. „Das ist der Streit, der dahinter steckt“, ist sich Klinkhammer sicher.

    Sie bedauert diese Entwicklung zugleich. Denn in Deutschland herrsche Religionspluralismus. Das Land sei säkular. Es bestehe eine Trennung von Kirche und Staat. „Dagegen soll der Staat eigentlich nicht agieren“, bemerkt sie. „Die Aufhängung von Kreuzen in vielen Räumen würde stark machen, dass der Staat da eine ganz bestimmte Position favorisiert. Das halte ich für problematisch. Und daran zeigt sich, dass man das nicht einfach trennen kann: Kultur und Religion, die hier, in diesem Symbol, sich vereinen.“

    Denn wäre hinter dem Kreuz keine politische Aussage und keine religiöse Geschichte, so wäre es aus Sicht der Religionswissenschaftlerin „bedeutungslos“. Niemand könnte das Symbol mehr „lesen“. „Ein Kreuz ohne das Wissen über seine christlich-religiöse Bedeutung hat keine Bedeutung, außer dass es sagt: Es gehört zu denen, die schon länger hier sind“, so die Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft.

    Das komplette Interview mit Gritt Klinkhammer zum Nachhören:

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    Kruzifix, glauben, Christen, Meinungsfreiheit, Islam, CSU, Bayern, Deutschland
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