23:08 22 Oktober 2018
SNA Radio
    Arbeitertag in Beirut: Teilnehmer tragen Fahnen der kommunistischen Partei Russlands (Archivbild)

    Während Iran und Israel streiten: Bandelt Russland jetzt mit Libanon an?

    © Sputnik / Michail Alaeddin
    Politik
    Zum Kurzlink
    Expert
    132195

    Die jüngsten Spannungen zwischen Tel Aviv und Teheran könnten Moskau helfen, im Libanon Fuß zu fassen. Beirut könnte sich an Russland wenden – in der Hoffnung, dass es den „Teufelskreis“ der Gewalt und der gegenseitigen Bedrohungen durchbricht. Das schreibt Sergej Manukow für das russische Magazin „Expert Online“.

    Am Sonntag fand im Libanon die erste Parlamentswahl seit fast zehn Jahren statt. Laut vorläufigen Schätzungen könnten die Hisbollah und ihre Koalitionspartner mehr als die Hälfte aller Sitze im neuen Parlament bekommen. Falls die proiranischen Kräfte ihre vorteilhaften Positionen beibehalten werden, würde das bedeuten, dass der Iran, der größte Verbündete der Hisbollah (und teilweise auch Russlands, das gemeinsam mit Teheran und Ankara den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad unterstützt), seine Einflusskraft weiter ausbauen wird. Deshalb ist die Frage über Moskaus möglichen Versuch zur „Eroberung“ des Libanons, die die Zeitschrift „Newsweek“ aufwirft, durchaus begründet. Der erste vorsichtige Schritt in diese Richtung wurde bereits gemacht: Russland hat dem Libanon Waffen und Militärtechnik für eine Milliarde Dollar angeboten.

    „Russland versucht zweifellos, seinen Einfluss in der Region durch ‚Soft Power‘ zu festigen“, zeigte sich die Leiterin des Beiruter Carnegie-Center, Maha Yahya, überzeugt. „Daraus könnte eine ernsthafte Kooperation im militärischen Bereich  werden. Es könnte ein militärischer Deal in Übereinstimmung mit einem im vorigen Jahr unterzeichneten Memorandum abgewickelt werden. Die Parlamentswahl könnte das Pendel in die Richtung des prorussischen Lagers stoßen. Aber aktuell kann Moskaus Einflusskraft nur bedingt wachsen, wenn man die sehr komplizierte und brüchige Kräftebilanz bedenkt“, so die Expertin.

    Russland ist bereits wieder langfristig im Mittelmeerraum präsent – dank seinen zwei Stützpunkten in Syrien: Tartus und Hmeimim. Im Februar hatte der prosyrische libanesische Sender Al Mayadeen berichtet, der russische Premierminister Dmitri Medwedew habe das Verteidigungsministerium in Moskau mit der Festigung und Vertiefung der militärischen Kontakte mit Beirut beauftragt. Die Zeitschrift „National Interest“ bemerkte damals, es würde dabei vor allem um die Öffnung libanesischer Häfen für russische Kriegsschiffe gehen. Da es aber im März und April diesbezüglich keine zusätzlichen Informationen gab, vermutet die „Newsweek“-Redaktion, dass Moskaus Flirt mit dem Libanon vor der gestrigen Wahl nicht besonders intensiv erfolgte.

    Aus verschiedenen Gründen, unter anderem weil es im Libanon im Unterschied zu Syrien kein klares politisches Oberhaupt gibt, dürfte das Moskau in diesem Land viel schwerer fallen. In den letzten Jahren, als die Hisbollah allmählich ihr Image als Terrororganisation loswurde (jedenfalls im Libanon), ist die Perspektive der „Normalisierung“ ihrer Aktivitäten in diesem Land sehr beunruhigend für die USA, Israel und Saudi-Arabien geworden, das gegen den Iran sowohl um die Führung in der ganzen Region als auch um den Libanon kämpft.

    Anders als Washington neigt Moskau zu einer multipolaren Politik im Nahen Osten und bemüht sich um gute Beziehungen zu Ägypten, dem Libanon, dem Iran, dem Irak, Israel, Katar, Saudi-Arabien, Syrien, der Türkei und auch anderen Ländern der Region.

    „Russlands Angebot an den Libanon setzt quasi seine Bemühungen um die Festigung seiner Positionen in der Region dank dem Erfolg in Syrien fort“, kommentiert der Experte für Sicherheitsprobleme Neil Hauer, der sich auf Russland und Syrien spezialisiert hat. „Moskau ist in fast allen Ländern der Region präsent, aber besonders aktiv bietet es seine wichtigste Exportware – Waffen – den Ländern an, die angespannte Beziehungen zu den USA haben. Im Libanon will es das Vakuum füllen, das dort 2016 entstand, nachdem Saudi-Arabien sein Militärhilfsprogramm für Beirut in Höhe von etwa drei Milliarden Dollar geschlossen hatte. In Riad warf man damals der libanesischen Regierung vor, gegen die Hisbollah nicht kämpfen zu wollen.“

    Washington spielt weiterhin die Rolle des Weltpolizisten und wird den Libanon natürlich nicht so einfach aufgeben. In den letzten zehn Jahren haben die USA die Streitkräfte dieses Landes mit Waffen für 1,6 Milliarden Dollar versorgt. Diese vermeiden übrigens allzu enge Kontakte mit der Hisbollah, obwohl sie gegen den sogenannten „Islamischen Staat“* und den al-Qaida-Verbündeten Hayatt Tahrir asch-Scham durchaus erfolgreich kooperierten.

    Indem Russland versucht, zum Hauptakteur im Nahen Osten aufzusteigen, übernimmt es automatisch eine äußerst schwere Aufgabe: einen Krieg zwischen dem Iran und Israel zu verhindern. Andererseits könnten die Spannungen zwischen Teheran und Tel Aviv Russland helfen, im Libanon Fuß zu fassen. Beirut könnte sich an Russland wenden – in der Hoffnung, dass es den „Teufelskreis“ der Gewalt und der gegenseitigen Gefahren durchbricht.

    „In dieser Situation hoffen viele, dass Russland Israel und den Iran von einem Krieg abhalten und einen in diesem Fall unvermeidlichen Bürgerkrieg im Libanon verhindern wird“, findet Maha Yahya.

    * Islamischer Staat (IS, auch Daesh), eine in Russland verbotene Terrorvereinigung

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Die libanesische „Achillesferse“ des Iran
    Libanon: Präsident lässt Premier Rücktrittsgesuch überdenken
    Libanon – neue Front des globalen Gaskriegs
    Tags:
    Einfluss, Erweiterung, Terroristen, Terrorbekämpfung, Waffenlieferungen, Ahrar asch-Scham, Terrormiliz Daesh, Hisbollah, Al-Qaida, Dmitri Medwedew, Nahost, Libanon, Israel, Iran, Saudi-Arabien, Russland