18:05 24 September 2018
SNA Radio
    Apple-Logo (Symbolbild)Facebook-Büro im Silicon Valley (Archiv)

    Wie iPhone-Nutzer dem US-Militär beim Krieg führen helfen – ohne es zu wissen

    © AFP 2018 / Josh Edelson © AP Photo / Jeff Chiu
    1 / 2
    Politik
    Zum Kurzlink
    Tilo Gräser
    4872

    US-Technologiekonzerne sind eine „gefährliche Symbiose“ mit dem Militär und den Geheimdiensten der USA eingegangen. Darauf weist die in New York arbeitende Politikwissenschaftlerin Tamsin Shaw hin. Sie macht deutlich, wie weit diese Kooperation geht und wie die US-Behörden Apple, Google & Co. gezielt fördern und unterstützen.

    Der Internet-Konzern Google hilft dem US-Kriegsministerium Pentagon, mit Hilfe von so genannter künstlicher Intelligenz Drohnenbilder automatisiert auszuwerten. Dieses im März bekanntgewordene aktuelle Beispiel der Zusammenarbeit der großen Technologiefirmen mit den US-Regierungsbehörden ist nur eines von Vielen. Am Dienstag wurde gemeldet, dass einige an diesem „Project Maven“ beteiligte Google-Mitarbeiter gekündigt hätten. Tausende von ihnen sollen einen schriftlichen Protest an die Konzernspitze unterzeichnet haben, weil sie das Projekt ablehnen und nicht verantworten wollen.

    Das gibt einen kleinen Einblick in die enge Partnerschaft der großen US-Technologiefirmen, die diese mit dem Militär und den Geheimdiensten eingegangen sind – allen voran die „Big Five“ Microsoft, Apple, Facebook, Amazon und Google. Neben ihnen sind viele weitere Silicon Valley-Firmen daran beteiligt. Das zeigt die US-Politikwissenschaftlerin und Philosophin Tamsin Shaw in ihrem Beitrag „Gefährliche Symbiose“, den die Zeitschrift „Internationale Politik“ in ihrer aktuellen Ausgabe (Mai/Juni) veröffentlicht hat.

    Wer bedroht wen?

    Shaw sieht die größte Gefahr der Zusammenarbeit zwischen Militär und Privatfirmen in den Zugriffsrechten Letzterer auf die gewonnenen Erkenntnisse und Forschungsergebnisse. Die Unternehmen würden aus steuerfinanzierten und vom Pentagon beauftragten Entwicklungen Gewinne schöpfen und „nie dagewesene Macht“ überlassen bekommen. Gleichzeitig würden die Regierungsstellen nicht kontrollieren können, wer sich das zunutze macht. Dabei wiederholt Shaw die nicht bewiesenen Behauptungen von der russischen Einflussnahme auf die US-Wahlen mit Hilfe von Facebook-Posts und Tweets sowie angeblich gehackten E-Mails.

    Die Politikwissenschaftlerin macht sich Sorgen um die Folgen für die nationale Sicherheit der USA. Ihr Beitrag macht aber viel mehr die Gefahren deutlich, die die beschriebene Entwicklung für die eigene Gesellschaft und die anderer Länder mit sich bringt. „Immerhin stellen sich die Amerikaner inzwischen die Frage, ob die Konzerne, die früher vor allem für Informations- und Kommunikationsfreiheit standen, nicht mittlerweile eher als Manipulationsinstrumente dienen.“

    >>Andere Sputnik-Artikel: Empörung über Facebook-Affäre: FDP und Grüne erwägen Zerschlagung des Konzerns

    Wem nutzt was?

    Die Silicon-Valley-Konzerne wären ohne finanzielle Unterstützung durch den US-Staat nie das, was sie heute sind, stellt Shaw fest. Dank staatlicher Investitionen und Gesetzesänderungen in ihrem Interesse hätten Apple, Facebook & Co. wachsen und marktbeherrschend werden können. „Als Gegenleistung kooperieren sie gelegentlich mit den US-Geheimdiensten und dem Militär.“

    Die Autorin zeigt, wie weit das geht, während sie warnt, dass die „liberalen Demokratien“ wie die der USA mit ihrer vermeintlichen Offenheit anfällig für Cyberattacken und Informationskriegsführung seien und sich davor schützen müssen. Dabei stellt sie selbst fest, dass die USA längst einer offensiven Strategie im virtuellen Raum folgen.

    Wer manipuliert wen?

    „Mit zu den größten Sorgen gehört, zu welchem Ausmaß die amerikanischen Geheimdienste willens sind, die Bevölkerung über ihre Cyberaktivitäten in die Irre zu führen.“ Falschinformationen und Täuschung sind laut Shaw „fester Bestandteil der amerikanischen Verteidigungspolitik geworden“. Die Sprache in offiziellen Strategiepapieren zur Cybersicherheit sei „oft absichtlich unklar gehalten“.

    Shaw hält es für angebrachter, „psychologische Cyberstrategien ausschließlich in Kriegsgebieten anzuwenden – etwa in Form von lokalen und kulturspezifischen Informationskampagnen, wie sie bereits in Afghanistan zum Einsatz kamen“. Was die USA in dem Land am Hindukusch eigentlich verloren haben, beschäftigt die Politikwissenschaftlerin nicht weiter. Dafür hofft sie, dass auf diese Weise die US-Bürger der Politik der eigenen Regierung wieder mehr vertrauen würden.

    Wer nutzt wen aus?

    Sie zeigt zugleich, dass es wenig Grund für solche Hoffnungen gibt. Dazu gehört die von ihr beschriebene „wachsende Macht der Privatkonzerne aus dem Silicon Valley, die jene Plattformen entwickeln und verwalten, über die sich die Regierung Einfluss auf die öffentliche Meinung verschafft“. Nicht nur das „intransparente Gebaren dieser Konzerne“ sei ein Problem, sondern ebenso dass nicht nur finanzielle Interessen darüber entscheiden, welche Technologien im Silicon Valley entwickelt werden: „Vielmehr hat der Verteidigungssektor private Unternehmen genutzt, um zur Entwicklung der ungeheuren Cyberfähigkeiten der USA beizutragen.“

    Die Autorin erinnert daran, dass schon die Ursprünge des Internets auf Entwicklungen der militärischen US-Behörde Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) zurückgehen. Davon lenke die Erzählung vom freien Internet ab, der zufolge die entsprechenden Technologien bis zu den sogenannten Sozialen Medien vom privaten Sektor entwickelt und kontrolliert würden. Doch zu den von DARPA mitfinanzierten Projekten gehörten „alle erdenkliche Technologien, von grafischen Benutzeroberflächen über die künstliche Intelligenz und die Spracherkennung bis hin zu sogenannten High-Performance-Polymeren und Flüssigkristall-Bildschirmen“. Das Fazit: „Ohne die Kommerzialisierung von militärischen Erfindungen würde es unser Online-Leben nicht geben.“

    >>Andere Sputnik-Artikel: Facebook-Datenmissbrauch seit 2011 bekannt

    Wer bezahlt was?

    Die wirtschaftliche Kooperation reiche über die frühe Finanzierung von Technologien für militärische Zwecke hinaus, stellt Shaw anhand von Erkenntnissen verschiedener Untersuchungen fest. Das als Hort der Innovation viel beschworene Silicon Valley habe sich „zu einem hybriden öffentlich-privaten Wirtschaftszweig“ entwickelt. Dort investiere die US-Regierung in Privatkonzerne, die jene Technologien entwickeln, die militärisch interessant seien und von den Unternehmen gleichzeitig kommerzialisiert würden.

    Das reiche bis hin zum Einsatz von Risikokapital und Hilfe für Unternehmen, „Nachfrage für Produkte zu generieren, von deren Entwicklung sie selbst profitieren“. Ein Beispiel, das Shaw dafür bringt: „Gesichtserkennungssoftware, die von Geheimdiensten und der Armee zu Zwecken der Überwachung und Identifizierung entwickelt wurde (beispielsweise für Drohnenangriffe), wirkt beinahe harmlos, wenn sie von Millionen von iPhone-Nutzern ausprobiert wird.“ Ein anderes sind die sogenannten selbstfahrenden Autos. Diese würden dazu dienen, „Technologien einzusetzen, zu testen und weiterzuentwickeln, die für Lenksysteme von Raketen und Drohnen entwickelt wurden“.

    Was dient wem?

    Die Autorin erwähnt Apple als prägnantestes Beispiel für die beschriebene Entwicklung. Das sei nicht nur der „Big Five“-Konzern, der am wenigsten selbst für Forschung und Entwicklung ausgebe: „Apples wirtschaftliches Erfolgsgeheimnis ist es, Technologien, die vom Militär- und Geheimdienstsektor finanziert wurden (etwa Touchscreens und Gesichtserkennung), in modische und attraktive Konsumartikel zu integrieren.“

    Das Silicon Valley sei nachhaltig durch Risikokapitalfonds geprägt worden, die von US-Regierungsbehörden gegründet wurden, so Shaw. Sie zählt dazu die CIA, das Pentagon, die Armee, die Marine, die US-Agentur für Geografische Aufklärung (NGIA), die NASA sowie das Heimatschutzministerium und bringt verschiedene Beispiele. Das Ganze habe immer auch das Ziel, den Technologie- und Industriestandort USA zu stärken.

    Wer profitiert wovon?

    Viele der regierungsfinanzierten Start-ups würden dann von den „Big Five“ aufgekauft, die so mehrfach profitieren. So werde die Beziehungen zwischen den Konzernen mit den Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden immer enger. Davon zeuge beispielsweise, dass Eric Schmidt, ehemaliger Google-Chef, dem Defense Innovation Board des Pentagon vorsitze.

    Laut Shaw fördere die US-Regierung die Monopolstellung der großen Technologiekonzerne, weil mit Hilfe von deren Produkten andere Staaten „freundlich erobert“ werden könnten. So würden andere Länder abhängig von US-Technologie gemacht. „Riesige Konzerne wie Microsoft, deren Produkte eng mit der technologischen Infrastruktur anderer Staaten verzahnt sind, tragen am Ende dazu bei, dass der amerikanische Einfluss im Ausland wächst.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    USA stärken Armee – erstmals seit Jahren
    „Smarte“ US-Raketen nun in Russenhand? Pentagon will es nicht glauben
    Pentagon beschwert sich über E-Waffen gegen US-Flugzeuge in Syrien
    Tags:
    Wahleinmischung, Finanzierung, Hilfe, Internet, IT, Spionage, Facebook, Apple, Pentagon, Google, Silicon Valley, USA