04:05 23 Juni 2018
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    Palästinenser bei den Protesten im Gaza-Streifen

    Massaker in Gaza: Nahost-Experte spricht von „gezielter Eskalation“

    © REUTERS / Ibraheem Abu Mustafa
    Politik
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    Paul Linke
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    Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Werner Ruf vermutet hinter der Gewalt an der Grenze zwischen Gaza und Israel „gezielte Eskalation“.

    Es sei „ungeheuerlich“, was am Gazastreifen passiert sei, beklagt der Friedensforscher von der Universität Kassel Werner Ruf. „Wenn die Berichte stimmen, dass die scharfe Munition eine ganz besondere Sorte war, die erst explodiert, wenn sie in den Körper eingeschlagen ist, was vielleicht auch Gegenstand einer internationalen Untersuchung sein müsste, dann ist hier schon gezielt eskaliert worden“, betont Ruf gegenüber Sputnik. Mit dieser Form der Eskalation habe er nicht gerechnet. Für ihn gehe es darum, sich zu fragen: „Was wird da politisch beabsichtigt?“ Es sei schwierig, das zu interpretieren, denn „tut man dies, ist man gleich ein Verschwörungstheoretiker“, so Ruf.

    „Schiitische Achse“ — Konstruierte Bedrohung?

    Nach der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch Washington, der Verlegung der US-Botschaft dorthin, aber auch nach der Iran-Rede des US-Präsidenten Donald Trump bezüglich der iranischen Atomwaffen, glaubt Ruf, dass da noch „sehr viel mehr“ im Spiel sein könne. „Bei diesem ganzen politischen Diskurs geht es darum, die schiitische Achse zu zerstören, die eben vom Iran über den Irak reicht. Von Assad in Syrien bis hin zur Hisbollah im Libanon. Und hier kommen mir doch in der Presseberichterstattung sehr viele gefährliche Untertöne vor, wo es heißt: Die Hamas droht mit Reaktionen, die Hamas wird von der Hisbollah unterstützt. Die Hamas ist die eigentliche Ursache des ganzen Desasters, was wir erleben.“

    Der Politikwissenschaftler äußerte im Sputnik-Interview seine Sorge über eine israelische Intervention gegen den Iran, „wenn die Hamas ihre Drohungen wahrmachen und Raketen auf Israel abfeuern würde“. All das sei „brandgefährlich“, warnt Ruf und weist in dem Zusammenhang auf den Konflikt im Jemen hin, wo die Huthi-Rebellen kürzlich eine Rakete auf einen saudischen Militärstützpunkt abgefeuert hätten. „Das sieht mir sehr danach aus, als ob man hier eine Bedrohung konstruieren wollte, die letztendlich die Rechtfertigung für einen möglichen Schlag gegen den Iran geben soll.“

    „EU eskaliert durch das Nichthandeln“

    Professor Ruf wirft der EU und der deutschen Regierung mangelnde Reaktionen vor. Das Problem sei, dass man durch das „Nichthandeln“ diesen Krisenherd weiter eskaliere, bemängelt der Experte: „Man hätte früher deutlich sagen müssen: Hier gibt es Grenzen. Aber das tut die EU bis heute nicht und das tut Deutschland erst recht nicht.“

    Den Informationen der Nachrichtenagentur AFP zufolge haben die USA nach der Gewalt an der Grenze zum Gazastreifen mit Dutzenden getöteten Palästinensern eine unabhängige Untersuchung im UN-Sicherheitsrat am Dienstag blockiert.

    Die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem wurde am Montag von gewaltsamen Massenprotesten begleitet. Dutzende Palästinenser wurden dabei getötet. Mehr als 2700 Menschen sollen verletzt worden sein.

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Werner Ruf zum Nachhören:

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    Tags:
    Atomabkommen, Krise, Massaker, Eskalation, EU, Benjamin Netanjahu, Donald Trump, Naher Osten, Jemen, Iran, USA, Israel, Gaza-Streifen, Palästina
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