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    Willy Wimmer: „Sputnik und RT bieten exzellenten Journalismus“

    © Sputnik / Wladimir Sergeew
    Politik
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    Armin Siebert
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    In seinem neuen Buch „Deutschland im Umbruch“ spannt Willy Wimmer einen weiten Bogen von der Bonner Politik zwischen transatlantischem Verhältnis und Russlandpolitik bis hin zur EU und dem Nahostkonflikt. Im Sputnik-Interview kritisiert der ehemalige CDU-Spitzenfunktionär die deutsche Außenpolitik und lobt die russischen Auslandsmedien.

    Herr Wimmer, Ihr Buch macht den Eindruck, dass Sie der alten Bonner Politik etwas nachtrauern?

    Nicht nur etwas nachtrauern. Ich finde, mit dem Umzug nach Berlin hat sich das Motto von Willy Brandt „Mehr Demokratie wagen“ ins Gegenteil verkehrt. Unter Helmut Kohl hatten wir auch exzellente Beziehungen zu Russland. Das ist alles den Bach runtergegangen. Und das macht sich heute für uns bitter bemerkbar.

    Wie war früher das transatlantische Verhältnis Deutschlands im Vergleich zu heute?

    Nach der unmittelbaren Besatzungszeit hatten die Amerikaner und wir uns leidlich aneinander gewöhnt.

    Auch aus eigener Erfahrung, unter anderem bei großen Nato-Übungen, kann ich nur sagen, dass wir damals unsere nationalen Interessen sehr gut unterbringen konnten. Wir saßen nie so zwischen den Stühlen wie die heutige Bundeskanzlerin. Die Amerikaner kannten unsere Interessen, weil wir sie klar formuliert haben.

    Sie sprechen in Ihrem Buch von einem „militärischen Schengen-Raum“. Was meinen Sie damit?

    Wir erleben gerade eine gewaltige Aufmarschplanung der Nato gegenüber der Russischen Föderation. Dies geschieht bedenkenlos und ohne Intervention nationaler Regierungen. In diesem Raum bis kurz vor Sankt Petersburg kann die Nato operieren wie sie will, ohne auf Grenzen achten zu müssen.

    Sie haben den Nahen Osten oft besucht. Wie sehen Sie den sich zuspitzenden Konflikt zwischen dem Iran auf der einen und Israel und den USA auf der anderen Seite? 

    Wir erleben seit Jahrzehnten den Versuch westlicher Mächte – Washington, London, Paris – unter Einschluss von Israel, die Landkarte im Nahen und Mittleren Osten völlig zu verändern und nach eigenem Gusto zuzuschneiden. Der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark hat schon vor gut 18 Jahren festgestellt, dass das Pentagon in dieser Region sieben Kriege geplant hat. Davon steht nur noch einer aus – nämlich der gegen den Iran. Darum ist jetzt die spektakuläre Frage, ob Trump wirklich Krieg gegen den Iran unter Beteiligung Israels will. Oder geht er eher wie auf der nordkoreanischen Halbinsel vor und nimmt Abschied von der amerikanischen Kriegspolitik?

    Der neue deutsche Außenminister Heiko Maas war vielleicht dankbar, dass er bei seinem Moskau-Besuch vergangene Woche mit dem US-Ausstieg aus dem Iranabkommen wenigstens eine Gemeinsamkeit mit Russland auf dem Zettel hatte.

    Die russische Seite macht jedoch zu Recht darauf aufmerksam, dass es für sie unerfreulich ist, wenn nur die schlechten Beziehungen zwischen Berlin und Washington dazu führen, dass man in Moskau an die Türe klopft. So kann man keine Politik machen und sowas hat es in der neueren deutschen außenpolitischen Geschichte auch noch nicht gegeben.

    Sie erinnern in Ihrem Buch daran, wie beim Militärmusikfest auf dem Roten Platz in Moskau 2012 auch die Bundeswehr teilnahm. Gerade jährte sich wieder der 8. und 9. Mai. Bundeswehr und Rote Armee friedlich und gemeinsam auf dem Roten Platz wären 2018 aber unvorstellbar, oder?

    Wir Deutsche haben nach dem Zerfall der Sowjetunion hervorragende Erfahrungen mit den russischen Streitkräften gemacht. Wir kamen ja aus unterschiedlichen Lagern und haben uns trotzdem verstanden – als wären wir seit langem Bündnispartner. Das konnte man 2012 auf dem Roten Platz erleben. Das mussten wir opfern, weil Washington genau das nicht sehen wollte und auf Konfrontation mit Russland aus war. Das zeigt, dass wir untergehen werden in dieser Welt, wenn wir nicht eigenständig unsere nationalen Interessen vertreten.

    Alles scheint sich geändert zu haben mit den Ereignissen 2014 in der Ukraine … Ist es das wert?

    Das ist es natürlich nicht wert. Mit dem Putsch in Kiew, der vom Westen unterstützt wurde, ist die Lunte für einen großen Konflikt in Europa gelegt worden. Das will weder das deutsche, noch das russische Volk, noch andere Völker in der Nachbarschaft.

    Herr Wimmer, bei allem Respekt, warum genießen Sie nicht einfach Ihren wohlverdienten Ruhestand?

    Ich habe in der letzten großen Nato-Übung des Kalten Krieges „Wintex/Cimex“ 1989 als Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte quasi Krieg in Europa geprobt. Mit den Ereignissen in der Ukraine 2014 war für mich offenkundig, dass es wieder Richtung Kriegsfanfaren und diesmal durch die Nato gehen würde. Das will ich nicht und darum mache ich weiter.

    Sie loben in Ihrem Buch RT und Sputnik. Vielen Dank. Allerdings widerspricht Ihre Auffassung dem Bild, das über uns von den deutschen Medien verbreitet wird. Dort heißt es, wir machen Propaganda.

    Das sagen ausgerechnet die, die als verlängerter Arm der Nato-Pressestelle uns von einem Krieg in den nächsten treiben wollen. Ich habe ja in der Bonner Republik noch erlebt, was eine freie Presse, die die Wirklichkeit abbildet, bewirken kann. Aber seit dem völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien hat sich die deutsche Presse geändert.

    Wenn Sputnik und RT exzellenten Journalismus bieten und unserem Bild einer freien Presse mehr entsprechen als das, was wir zwischen Hamburg, Berlin und München sehen, dann spricht das doch wohl Bände.

    Willy Wimmer, 1943 geboren, war 33 Jahre lang Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Er hatte weitere Ämter inne: Verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium und Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der KSZE/OSZE. Er führte Gespräche auf höchster staatlicher Ebene auf allen Kontinenten. Als Spezialist für außen- und sicherheitspolitische Fragen ist Wimmer bis heute gefragter Interviewpartner nationaler und internationaler Medien.

    Willy Wimmer: „Deutschland im Umbruch“

    Zeitgeist-Verlag 2018; 280 Seiten; ISBN 978-3-943007-16-9; 22,90 Euro

    Das komplette Interview mit Willy Wimmer zum Nachhören:

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    Tags:
    Politik, Interview, Informationskrieg, Buch, Medien, Siegestag, Sputnik, RT, NATO, Willy Wimmer, Russland, Deutschland
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