14:13 24 Juni 2019
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    Stahlwerk in Afrika (Symbolbild)

    Wer übernimmt globale Führungsrolle? Antwort liegt in Afrika verborgen

    © AFP 2019 / ISSOUF SANOGO
    Politik
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    Afrika entwickelt sich allmählich zur Werkstatt der Welt – und das dank den Chinesen. Das Buch „Weltfabrik der Zukunft“ mit dem Untertitel „Wie chinesische Investitionen Afrika verändern“, das kürzlich an der Harvard University erschienen ist, handelt genau davon.

    Die Chinesen, die ihr Land in einen globalen Industriestandort verwandelt haben, tragen diese Erfahrung hinaus in die Welt. Es wird das Antlitz der gesamten Welt verändern. Auch dort, wo man es am wenigsten erwartet.

    Man sollte sich Gedanken darüber machen, wie die Welt in einem halben Jahrhundert aussehen wird – unter Berücksichtigung der chinesischen Erschließung Afrikas.

    Beginnen wir mit den Fakten: Laut einer Studie des Russischen Rates für Auswärtige Angelegenheiten ist China seit 2009 der Hauptpartner afrikanischer Länder im Handelsbereich. Der Handelsumsatz stieg 2014 auf 220 Milliarden US-Dollar, sank zwar in den darauffolgenden Krisenjahren auf 180 Milliarden, doch China ist weiterhin die Nummer Eins in Afrika.

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    Zudem sind die Chinesen die Nummer Eins bei Investitionen und Krediten – nach Angaben vom Jahr 2017 wurden afrikanischen Ländern Kredite im Wert von 100 Milliarden US-Dollar vergeben, was um das 50-Fache mehr als 2010 ist.

    Was wird in Afrika (in ganz verschiedenen Teilen des Landes) produziert? Allein im Rahmen der Projekte des Fonds für Entwicklung China-Afrika (Angaben 2017): 11.000 Lkws, 300.000 Klimaanlagen, 540.000 Kühlschränke, 390.000 Fernseher und 1,6 Millionen Tonnen Zement – für den lokalen Markt, China und Drittländer.

    Es gibt bereits 100 fertiggestellte oder noch in Bau befindliche industrielle Parks, wovon mehr als 40 Prozent bereits in Betrieb sind. Stand Ende 2016 wurden 5756 Kilometer Eisenbahnstrecken, 4335 Kilometer Straßen, neun Häfen, 14 Flughäfen, 34 Stromwerke sowie zehn große und rund 1000 kleinere Wasserkraftwerke in Betrieb genommen. Das sind rentable Projekte.

    China hat auch die USA beim Thema Afrika-Hilfe überholt (75 Milliarden Dollar seit 2000). Doch ist es eigentlich Wohltätigkeit – die Schaffung von kompletten Medizinbranchen samt Ausbildung von 200.000 Technikern vor Ort und 40.000 Spezialisten in China in den nächsten Jahren? Das ist notwendig, weil es zu einer Fusion des neuen, industriellen Afrikas mit der globalen chinesischen Wirtschaft kommt. Bis zur Verlegung eines großen Teils der chinesischen Industriestätten – vollständig bzw. einzelner Teile.

    Das Buch aus Harvard handelt genau davon – von dem Wesen des Prozesses, der Richtung der Bewegung. Davon, dass Afrika morgen das sein kann, was China erst vor Kurzem wurde – ein Ort, wo alles Mögliche für die ganze Welt produziert wird.

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    Wie haben die Chinesen das erreicht? Der Prozess begann bereits in den 1960er Jahren. China wurde damals von der „Kultur-Revolution“ erschüttert, doch in Afrika liefen bereits erste Experimente. Nun bringen sie die ersten Ergebnisse.

    Die Erschließung Afrikas begann mit „staatlichem Kapitalismus“. Doch China veränderte im Prozess das ganze System und wurde zu einer absolut kapitalistischen Gesellschaft mit der leitenden Rolle in der staatlich gesteuerten Wirtschaft, wie die Verfasser des Buches schreiben. Das Geheimnis des Erfolges in Afrika ist eine Kombination aus privaten Interessen und staatlicher Unterstützung.

    Zudem geht es auch um Ideologie. In den chinesischen Medien wird über Afrika weitaus mehr berichtet als in anderen Teilen der Welt. Zudem wird das Prinzip der chinesischen Nichteinmischung in innere Angelegenheiten der Staaten und Gesellschaften genannt. Es handelt sich um Länder, wo sich Stämme gegenseitig vernichten und dubiose Militärs an der Macht sind. China diktiert niemandem seine Regeln und arbeitet mit jeder Regierung zusammen. Korruption? Die Chinesen wissen, was in solchen Ländern notwendig ist. Und so ist es in der ganzen Welt.

    Vor gerade einmal 100 Jahren war die Situation in Afrika noch völlig anders. Belgien, Portugal, England, Frankreich – alle eroberten riesige Teile des Schwarzen Kontinents. Heute erinnern nur noch ihre Sprachen an die Kolonialmächte, ansonsten wird die Erinnerung an sie durch die Chinesen verdrängt.

    Das Scheitern der Kolonialismus ist eine lange und belehrende Geschichte, in der einfache Wirtschaftslogik (Gier und Ausplünderung) und die Ideologie der „Entwicklung der Wilden“ und ihre Anpassung an die westlichen Werte zu erkennen waren. Die Ideologie gewann wohl gegen den Materialismus. Afrikanische Gesellschaften sind nicht westlich geworden, sie entwickelten sich nicht so, wie von ihnen erwartet wurde. Das westliche System ist gescheitert – und nicht nur in Afrika.

    Die Sowjetunion versuchte auf dem Kontinent etwas Ähnliches, es sollte eine „entgegengesetzte“ Gesellschaft geschaffen werden – eine Art Volksdemokratie, wenn nicht Sozialismus. Das Ergebnis war dasselbe. China versucht aber nicht, das Wesen der Menschen zu ändern, und nimmt die Afrikaner so, wie sie sind.

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    Und so könnte sich die Welt nach einem halben bzw. nach einem Jahrhundert entwickeln. Die Kollision der Zivilisationen wird vor allem durch die wütende Dschihadisten-Ideologie entfacht, die den Nahen Osten und andere Regionen in Flammen setzt. Die Probleme beginnen erst. Die Pessimisten sagten vor Kurzem: Der Nahe Osten ist erst der Beginn, wartet, bis Afrika aufwacht. Elend, gut bewaffnete und zornige Menschen, schreckliche Krankheiten – bislang blieb der Westen noch einigermaßen verschont.

    Doch sollte Afrika stattdessen komplizierte Waren produzieren, Ingenieure und Techniker, Ärzte und Wissenschaftler ausbilden – und das alles dank China –, wem wird die moralische und andere Führungsrolle in der Welt von morgen gehören? Und was sollten wir dann tun – nur neidisch sein?

    Dmitri Kossyrew

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    Tags:
    US-Dollar, Entwicklung, Produktion, Kolonialpolitik, Ideologie, Investitionen, Korruption, Kapitalismus, Afrika, UdSSR, Russland, China