06:27 25 Juni 2018
SNA Radio
    Cicero-Titelbild

    Putin als „Problembär“ – Wie westlicher Blick auf Russland Erkenntnis verhindert

    © Sputnik / Tilo Gräser
    Politik
    Zum Kurzlink
    Tilo Gräser
    0 1574

    Ein Beitrag in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift „Cicero“ versucht zu beschreiben, „wie der Westen an Russland scheitert“. Der Autor Moritz Gathmann schreibt Interessantes zur Sicht der Russen auf ihr Leben und ihr Land und warnt vor westlicher Überheblichkeit. Gleichzeitig zeigt er, dass er das Land zwar sehr gut kennt, aber manche Frage auslässt.

    „Russland ist ein westlich-östliches Halbblutland“, hat der russische Politiker Wladislaw Surkow in einem Text im April 2018 festgestellt. Es habe eine „doppelköpfige Staatlichkeit“, ebenso eine „hybride Mentalität“. Dennoch sei es mit „seinem zwischenkontinentalen Territorium“ und „seiner bipolaren Geschichte“ „charismatisch, talentiert, schön und einsam“.

    Damit bekräftige Surkow, der als einflussreicher Berater von Präsident Wladimir Putin gilt, „Russlands Sonderweg zwischen West und Ost“, meint der Journalist Moritz Gathmann. Dieses Bild vom Halbblut „entspricht der russischen Identität heute womöglich mehr, als wir uns vorstellen können“. Das vermutet Gathmann, Moderator beim in Berlin produzierten russischsprachigen TV-Sender RTVD, in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift „Cicero“.

    Äußerliche Ähnlichkeiten

    Der Autor versucht zu ergründen, warum sich der Westen und Russland heute so feindlich gegenüberstehen „wie zu schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges“. Interessant ist, was er alles dafür heranzieht, und dass er die Ursachen vor allem in Russland sucht. Das beginnt er mit eigenen Erinnerungen und Beobachtungen aus seiner Zeit als Schüler und später als „Spiegel“-Korrespondent in Russland. In all den Jahren seien eigentlich „die Russen und wir uns noch ähnlicher geworden“, vor allem äußerlich und was den Wunsch nach materiellem Konsum angeht.

    Angesichts der aktuellen politischen Entwicklung im deutsch-russischen Verhältnis fragt Gathmann: „Sind wir am Ende nur äußerlich ähnlicher geworden – und innerlich fremd geblieben? Hier der freie, liberale Homo occidentalis und dort der geknechtete, die Knechtschaft liebende Homo russicus, der nicht loskommt vom Erbgut des Homo sovieticus?“

    Deutliche Unterschiede

    Die Frage ist berechtigt, auch wenn sie in ihrer Oberflächlichkeit etwas Wichtiges außer Acht lässt, was der Autor sicher weiß: Russland als politische Einheit ist ein Vielvölkerstaat, der aus mehr als aus dem ethnischen Russland besteht und damit mehr Mentalitäten, Kulturen, Identitäten und Geschichten als nur die der ethnischen Russen einschließt. Aber auch „der Westen“ ist genau genommen eine entsprechende Mixtur, was oft genug ebenfalls vergessen wird oder unbeachtet bleibt.

    In Russland werde die Andersartigkeit „inzwischen auf höchster Ebene zelebriert“, weil damit gegen alle Anwürfe argumentiert werden könne, stellt Gathmann fest. Er zeigt anhand verschiedener Studien zu Wertvorstellungen und Wertehaltungen, dass es vor allem bei politischen Werten wie Demokratie und politischer Führung deutliche Unterschiede zwischen den Sichten der Deutschen und Russen gibt. Die „klassischen liberalen Werte“ seien in Russland „unterentwickelt“. Dazu zählen laut Gathmann die Freiheit des Unternehmertums und der Schutz des Privateigentums: „Seit den neunziger Jahren begegnen die Russen Privatunternehmen eher mit Misstrauen.“

    Veränderte Sichten

    An solchen Stellen zeigt der landeserfahrene und kenntnisreiche Journalist Schwächen. Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Turboliberalisierung nach dem Ende der Sowjetunion 1991 samt radikaler Privatisierung und tiefgreifenden Folgen für Millionen und der Haltung der Menschen in Russland zum privaten Eigentum stellt er nicht. Dafür widmet er sich ausführlich den deutlichen west-östlichen Unterschieden bei den Themen Geschlechterrollen, Verhältnis Mann und Frau sowie sexueller Orientierung.

    Dabei habe es über die Jahre kaum Veränderungen gegeben, anders als beispielsweise beim Thema „harte Hand“. Gathmann verweist kurz auf das „Jahrzehnt des Chaos“ in den 1990er Jahren als Ursache. Laut Umfragen habe 1999 kurz vor Amtsantritt Putins eine deutliche Mehrheit in Russland den Kampf gegen Verbrechen und eine gestärkte staatliche Ordnung als wichtigste Aufgabe gesehen. 2015 hätte das nur noch ein Viertel der Befragten so angegeben, während nun von der Regierung „in erster Linie soziale Garantien“ eingefordert würden.

    Wachsendes Selbstbewusstsein

    Der Autor meint, die in Russland anhaltende und weitverbreitete Ablehnung der Homosexualität sei eines der identitätsstiftenden Elemente „im Kampf gegen die Bevormundung durch westliche Besserwisser“. Das äußere sich in der Haltung: „Erzähl mir nicht, wie ich zu leben habe.“ Diese ist laut Gathmann in Russland „in gewisser Weise Staatsdoktrin“ geworden. „Manche sehen als Startpunkt dieser Rebellion Putins Wutrede gegen den Westen auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2007.“

    Die dahinterstehende Haltung habe der erwähnte Putin-Berater Surkow beschrieben. Dieser beklage in seinem Beitrag, Russland habe immer wieder versucht, ein Teil Europas zu werden, sei aber zurückgewiesen worden. Das sei selbst nach dem Untergang der Sowjetunion geschehen: „Selbst ein so herabgesetztes und erniedrigtes Russland passte nicht in die Wendung nach Westen.“

    Widersprüchliche Realität

    Immer mehr Russen würden daran glauben, dass ihr Land „eben andere Werte habe als der Westen“, schreibt Gathmann – „so wie man bei uns an das Narrativ des Westens und seine historische Mission glaubt“. Er bemerkt: „In Russland steht heute dem Wunsch oft genug die Wirklichkeit entgegen, und dieses Missverhältnis mag erklären, warum die Russen so empfindlich auf Kritik aus dem Ausland reagieren.“

    Er nennt das Beispiel des offiziell propagierten Wertes Familie. Selbst die russische Ehe halte dem nicht stand: „Mehr als 60 Prozent der Ehen in Russland werden geschieden, in Deutschland sind es nur 40 Prozent.“ Ähnlich sei es bei der Religion: Trotz der betonten russisch-orthodoxen Gläubigkeit würden nur um die sechs Prozent der russischen Bevölkerung wenigstens einmal im Monat in den Gottesdienst gehen.

    Realistischer Patriotismus

    Dagegen wirke Patriotismus für die Russen einigend – „emsig unterstützt vom Staat und seinen Medien“. Es handele sich nicht um eine leere Floskel, wie im Westen oft vermutet werde. Die Menschen Russlands hätten zugleich einen „gesunden Realismus“ beim Blick auf ihr Land.

    „Sie sind sich vollkommen bewusst, dass ihr Land auch im Jahr 18 der Ära Putin etwa im Vergleich zu Deutschland in vielen Punkten unterlegen ist, von der Qualität der Straßen über die Demokratie bis zur Lebenserwartung. Aber hier kommen wir zu einem wichtigen Punkt: Die Russen vergleichen ihr heutiges Leben mit jenem vor 20 Jahren und kommen deshalb zu ganz anderen Schlüssen als der klassische westliche Beobachter.“

    Die beiden Narrative, die großen symbolischen Erzählungen, im Westen und in Russland seien diametral entgegengesetzt. Der westliche Mainstream betone die angeblichen Defizite Russlands unter Putin. Der Durchschnittsrusse hebe dagegen die Fortschritte in der Amtszeit Putin seit dem Jahrtausendwechsel hervor. Für Letztere gibt es zahlreiche Belege, die Gathmann zum Teil anführt – vom gestiegenen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf über das erhöhte Realeinkommen und die gesunkene Arbeitslosigkeit bis zur gestiegenen Lebenserwartung (auf 71 Jahre) und höheren Geburtenraten.

    Mörderische 1990er Jahre

    Zur Erinnerung: Eine UN-Forschungsgruppe stellte 1999 unter anderem fest, dass infolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion die Lebenserwartung russischer Männer von 64 Jahren 1991 auf 57 Jahre 1994 sank. Bei dieser „sogenannten ‚postkommunistischen Mortalitätskrise‘ handelte es sich um die steilste Abnahme der Lebenserwartung, die in einem Land, das weder Kriegsgebiet war noch unter einer Hungersnot litt, in den letzten 50 Jahren beobachtet wurde“, schrieben dazu die beiden Gesundheitswissenschaftler David Stuckler und Sanjay Basu in ihrem 2014 veröffentlichten Buch „Sparprogramme töten“. Sie sehen darin eine Folge des radikalen Wechsels in den damaligen Turbokapitalismus in Russland.

    Landeskenner Gathmann schreibt im „Cicero“: „Auf dieser Ebene könnte man mit den Russen zusammenkommen.“ Und schlägt immerhin vor: „Anstatt in Moskau schon mit erhobenem Zeigefinger aus dem Flieger zu treten, könnten wir sagen: Okay, solange den Russen diese Richtung passt, solange ihnen ökonomische Stabilität wichtiger ist als echte Demokratie, müssen wir das akzeptieren.“ Auch hier bleibt die unbeantwortete Frage, warum Russland sich überhaupt nach dem Modell der westlichen Demokratie richten sollte. Die Russen hätten von der „Besserwisserei westlicher Publizisten und Politiker“ genug, erkennt selbst Gathmann.

    Der Autor findet, der Eindruck des tiefen Grabens zwischen West und Ost werde auch dadurch hervorgerufen, „dass man beim Lesen mancher Kommentare den Eindruck hat, die Autoren seien froh darüber, wieder die alte Negativfolie aus dem Kalten Krieg zu haben, vor der man die eigenen Errungenschaften besser sehen kann: Hier der erfolgreiche Westen – dort der korrupte, fortschrittsfeindliche, wirtschaftlich abgehängte Osten.“

    Fehlende Genauigkeit

    Gathmann verdient an mehreren Stellen Widerspruch, so, wenn er behauptet, der Westen habe Russland nicht versprochen, die Nato nicht nach Osten zu erweitern. Es hätte dazu nie eine schriftliche Zusicherung gegeben. Damit irrt er doppelt: Mehrfach ist belegt, dass es dazu 1990 verbindliche Zusagen von westlicher Seite an Moskau gab. Die bekam aber tatsächlich nicht Russland, sondern die Sowjetunion. Russland als ihr Rechtsnachfolger beruft sich verständlicherweise auf die ihr gegenüber gemachten Zusagen. So viel Genauigkeit müsste sich ein Landeskenner wie der Autor schon leisten.

    Ihm ist auch zu widersprechen, wenn er behauptet, das russische Konzept der multipolaren Welt „riecht nach mehr Krieg“. Wenn dieser als Antwort auf die Infragestellung der unipolaren Welt, beherrscht von der vermeintlich „einzigen Weltmacht USA“ (Zbigniew Brzezinski), gesehen wird, die mit allen Mitteln abgewehrt werden muss, hat Gathmann recht. Dafür ist aber nicht Moskau verantwortlich. Das träumt laut ihm auch den „alten Traum, die Europäer aus der festen Allianz mit den transatlantischen Partnern zu lösen – allen voran die Deutschen“.

    Ungestellte Frage

    Schon Michail Gorbatschow habe das mit dem „gemeinsamen Haus Europa“ versucht, schreibt Gathmann tatsächlich, was Putin mit dem vorgeschlagenen „gemeinsamen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok“ fortsetze. Der Autor macht an diesen Stellen den Eindruck, dass er bei allen persönlichen Kenntnissen Russlands selbst westlichen Denkmustern folgt. So schreibt er: Auch wenn in der EU derzeit an den USA gezweifelt werde „– an den Grundfesten der transatlantischen Partnerschaft wagt niemand zu rütteln“. Und „die zwei Hinkelsteine Krim und Ostukraine“ würden „für die nächsten Jahre jedes Weiterkommen“ auf dem möglichen Weg der Kooperation verhindern.

    Damit macht Gathmann selbst mit seinem Beitrag indirekt Russland für die beklagte zunehmende Konfrontation verantwortlich. Schon das „Cicero“-Titelbild mit dem „Problembär“ (so der Titel) Putin im Bärenfell, mit Jagdflinte und eingequetschter Friedenstaube, gibt an, was zu erwarten ist. Die Frage nach den Interessen hinter der wachsenden Konfrontation wird nicht gestellt.

    Zum Thema:

    „Gruselgeschichte für Westen“: Magazin berichtet über Russlands „mächtigste“ Waffen
    Westliche Medienhysterie entlarvt: Warum Russlands Isolierung gescheitert ist
    Darum braucht der Westen Russland - Dalai-Lama
    Tags:
    Nato-Osterweiterung, Lebenserwartung, Münchner Sicherheitskonferenz, NATO, David Stuckler, Moritz Gathmann, Sanjay Basu, Wladislaw Surkow, Michail Gorbatschow, Wladimir Putin, Sowjetunion, USA, Moskau, Russland