07:27 13 Dezember 2018
SNA Radio
    Ex-Bundeskanzler Österreichs Wolfgang Schüssel

    Exklusiv: Ex-Kanzler Schüssel über Umgang mit Russland

    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Politik
    Zum Kurzlink
    Nikolaj Jolkin
    3812

    Durch seine guten Beziehungen zu Russland konnte Österreich selbst in schwierigen Zeiten verschiedene Ängste wegen der Energieversorgung der mittel- und osteuropäischen Partner nehmen, wie der frühere Bundeskanzler Österreichs Wolfgang Schüssel im Sputnik-Gespräch sagte.

    Im Vorfeld des Wien-Besuches von Wladimir Putin zum 50. Jahrestag der ununterbrochenen russischen Erdgas-Lieferungen nach Österreich erinnerte Schüssel daran, dass Österreich einer der Knotenpunkte ist, von dem das Gas Richtung Ost- und Westeuropa weiterverteilt wird. „Wir haben auch große Gasspeicher in Österreich anlegen können und haben mit Hilfe dieses Reverse Flow die Versorgungssicherheit gewährleisten können.“ 

    Er führte folgendes Beispiel aus der Zeit an, als er EU-Ratsvorsitzender war: „Beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker war ich zusammen mit der frisch angelobten Bundeskanzlerin Angela Merkel. In der Pause werde ich informiert, dass die Gaslieferungen halbiert wurden, weil es einen Streit mit der Ukraine gegeben hat. Aufgrund unserer guten Beziehungen mit Russland haben wir diese Probleme innerhalb von zwei oder drei Tagen lösen können.“

    Den sechsten Besuch Wladimir Putins in Österreich bewertete der Ex-Kanzler als ein positives Zeichen. „Dabei wird über alle relevanten geopolitischen Fragen geredet — über die Ukraine, Syrien, über die Fragen von Cyber, Folgen von Klimawandel und die Iran-Sanktionen, die natürlich bedauerlich sind, weil wir gemeinsam, Russland und Amerika, China und Europa an diesem Iran-Abkommen gearbeitet haben, damit der Iran keine Atommacht wird und einen neuen Waffenaufrüstungswettlauf in Richtung nukleare Aufrüstung in Saudi Arabien, Israel, Ägypten und sonst wo, in Golfstaaten, auslösen wird.“

    Nicht mit einem mangelnden Verständnis erklärt Schüssel die Abkühlung zwischen Russland und Europa.  „Als der längstdienende Politiker auf der Weltbühne versteht Putin die Europäische Union sehr gut. Ich habe selber mit ihm europäische Gipfel als EU-Ratspräsident geführt. Und er ist über die Details bis in die Fingerspitzen informiert. Und umgekehrt — Angela Merkel war kürzlich in Sotschi und Macron in Petersburg. Kanzler Kurz wird ihn treffen. Also, am Verständnis liegt es nicht.“

    >>Mehr zum Thema: Trump mit Erpressung gescheitert: Merkel rettet Nord Stream 2

    Die Frage sei nicht bilateral zu lösen, ist sich der Altkanzler Österreichs sicher, sondern das müsse gemeinsam entwickelt werden. Er glaube nach wie vor, „dass die Idee, die auch Angela Merkel immer wieder und vorher noch Helmut Kohl, Mitterrand, Jacques Chirac und Sarkozy und noch früher auch Gorbatschow, entwickelt haben, dieses Europäische Haus, das eine Gesamtdimension für einen europäischen Markt von Lissabon bis Wladiwostok hat, mit einer Forschungsgemeinschaft und Visafreiheit — das ist nach wie vor eine faszinierende Vision.“

    Sie sollte man nicht aufgeben, appelliert Schüssel. „Sie wird nicht von heute auf morgen verwirklichbar sein, das weiß ich schon. Aber als Vision, an der wir zu arbeiten haben, wenn uns an einem guten, friedlichen Zusammenleben in unserem Kontinent gelegen ist, sollten wir arbeiten.“

    Wenn man Lösungen wolle, dann müsse man zuerst einmal die Position oder die Sensibilitäten der anderen Partner begreifen und spüren, argumentiert er. Das sei, so Schüssel, nicht ausreichend geschehen. „Ich verstehe Befürchtungen Russlands gut. Es ist in der Geschichte viele Male überfallen und fast ausgelöscht worden. Und daher ist es eine bestimmte Sensibilität, eingekreist zu werden, bedroht zu werden.“

    Und umgekehrt sollten die Russen auch verstehen, meint der Ex-Kanzler, dass ihre Nachbarn in Polen, Baltikum oder Georgien möglicherweise auch Russland als Bedrohung empfinden könnten. „Deshalb sind eine gewisse Sensibilität im Verständnis des Anderen und Respekt voreinander wichtig. Dann kann man am ehesten auch Probleme lösen oder Probleme auch auf eine andere Ebene heben.“

    In diesem Zusammenhang erinnert Schüssel an dramatische Konflikte  Österreichs mit Italien wegen Südtirol und den Verlust des Gebietes, in dem die meisten Menschen Deutsch sprechen, bis eine vernünftige Autonomielösung gefunden wurde, die heute als beispielgebend aus seiner Sicht für den Donbass gelten könne.

    >>Mehr zum Thema: „Ein Fehler“: US-Ex-Außenministerin zu Äußerungen über Sieg im Kalten Krieg

    Man müsse die Sensibilitäten verstehen, sagt der Ex-Kanzler zum Schluss, „warum jemand das Gefühl hat, dass er nicht von einer Zentrale dirigiert werden will oder warum nicht die Nato-Erweiterung überall als unproblematisch gesehen wird. Wenn die Nato enger mit Russland kooperieren könnte, und damit Russland viel stärker eingebunden wäre, dann würde wahrscheinlich auch die Sensibilität für solche Sachen abnehmen.“

    Das komplette Interview mit Wolfgang Schüssel zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    „Gruselgeschichte für Westen“: Magazin berichtet über Russlands „mächtigste“ Waffen
    Europäische Medien: Russland ist die letzte Hoffnung des Westens
    Russland rüstet ab – der Westen rüstet auf: Deutsche Politik in Erklärungsnot
    Tags:
    Atomabkommen, Gaslieferung, NATO, Iran, Westen, Österreich, Russland