10:13 20 Oktober 2018
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    Ein Mädchen setzt das symbolische Europa-Puzzle zusammen (Archivbild)

    Kann man längst gespaltenes Europa noch spalten? - Sozialforscher

    © AP Photo / Daniel Ochoa de Olza
    Politik
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    Nikolaj Jolkin
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    Wladimir Putin kann Europa laut dem Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna, Daniel Witzeling, nicht spalten. Europa ist schon seit längerem in einer Sinn- und Identitätskrise.

    In der Tiefenpsychologie gebe es das Phänomen der Projektion, wenn man eigene Schwächen auf den Anderen projiziere, sagte er im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin.

    „Es wird versucht, den Fehler bei anderem zu sehen und zu sagen, er spaltet die EU, versucht einen Keil hineinzutreiben. Wenn man sich aber die Entwicklung bei den Wahlen in Deutschland, Österreich oder Italien genau anschaut, sieht man, dass Europa nicht mehr einheitlich ist.“

    Es gebe verschiedene politische Richtungen mit unterschiedlichen Werthaltungen, so Witzeling. Die einen seien noch sehr stark amerikalastig und EU-haltig. „Andere schauen Richtung Russland, um sich dort ein Vorbild zu holen. Und das taugt natürlich dem bürokratischen Wirtschaftsapparat in der EU weniger.“

    Der Psychologe fährt fort: „Er sagt natürlich, das sei eine Spaltung, was aber nicht stattfindet, weil, wie Präsident Putin im Interview mit Armin Wolf für den ORF treffend gesagt hat, es für Russland wichtig ist, dass Europa wirtschaftlich gut aufgestellt ist, weil das auch für Russland große wirtschaftliche Vorteile hätte.“

    Putins Wien-Visite ärgerte die USA

    Die ganze Welt stehe jetzt vor einer Frage des Wertewandels, urteilt der Experte. „Wir haben die Industrie 4.0, das Thema Digitalisierung, weniger Arbeitsplätze. Und die USA sind auch unter Trump dabei, ihre Weltmachtstellung zusehends zu verlieren. Und da hat man Angst, dass Russland mehr Einfluss einnehmen könnte, wo dies gar nicht unberechtigt ist, weil die Europäer in Zentral- und auch Osteuropa jetzt nach Russland schauen, und da Putin der erfahrenste Weltpolitiker mit einer Stabilität ist und sein Riesenreich Russland relativ gut managt.“

    „Gleichzeitig verlieren die USA ihre Vorbildfunktion zusehends“, so Witzeling, „weil nur Kapital-, nur Konsumkultur und keine Philosophie sowie keine Ideologie vorhanden sind. Und das macht die Menschen in der EU nicht glücklich. Da ist Russland fast ein Identitätsvorbild oder ein großer Bruder, wo man sich eigene Kulturen und Werte abschauen kann.“

    Der Sozialforscher meint, dass Putin sich die Zeit für seinen Österreich-Besuch sehr intelligent ausgewählt habe. „Der Widerstand gegen die Sanktionen, die zu Anfang von Deutschland forciert wurden und stark in Richtung Amerikahörigkeit stattgefunden haben, könnte jetzt mit Österreich und anderen Partnerländern aus den Visegrád-Staaten einen Dominoeffekt haben.“

    Es solle heißen, regt der Experte an, „wir bauen die Sanktionen schrittweise ab und nähern uns Russland an, gerade durch die spannende Situation, dass Trump Wirtschaftssanktionen weltweit ansteuert. Und dann versucht Europa, sich stark der Eurasischen Union zuzuwenden und auch in Richtung China zu bewegen. So könnte gerade Österreich als kleines, vielleicht wirtschaftlich nicht so stark bedeutendes Land einen strategischen Wendepunkt darstellen.“

    Macht Österreich für Sanktions-Aufhebung Stimmung?

    Man müsse jedoch eines sehen, so die Einschätzung von Witzeling:

    „Die österreichische Regierung ist jetzt noch nicht so lange im Amt und hat nicht die Stabilität wie beispielsweise Wladimir Putin, der schon lange regiert. Das heißt, sie ist sich nicht sicher, soll sie sich jetzt stärker Russland annähern oder brav bei der EU sein und dort mitspielen. Sie ist in einer Art Schizophrenie.“

    Die Bevölkerung in Österreich sehe das natürlich deutlich anders, ist sich der Sozialforscher sicher. „Sie ist jetzt russlandfreundlich und EU-skeptisch. Da ist Riesendynamik drinnen. Es wäre von der Kurz-Regierung strategisch schlau zu sagen, gut, wir gehen jetzt schrittweise ein bissel Russland entgegen und vor allem gegen den Mainstream, der jetzt schon keiner mehr ist. So hat sich das geändert.“

    Da müsse sich die Regierung intern noch einig werden, stellt Witzeling fest. „Da sind Kurz und Strache noch nicht ganz auf einer Linie, weil Strache die Abschaffung der Sanktionen haben will, und die ÖVP von Sebastian Kurz hat eine sehr starke EU-Nähe, und dies wäre ein Zwiespalt drinnen. Könnte noch ein spannender Prozess werden.“

    Das komplette Interview mit Daniel Witzeling zum Nachhören:

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    Wandel, Spaltung, Identität, Werte, Besuch, Krise, Präsident, Wirtschaft, ÖVP, Sebastian Kurz, Wladimir Putin, Europa, Wien, Österreich, USA, Russland