13:32 18 Juni 2018
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    Pressekonferenz von Wladimir Putin und seinem österreichischen Amtskollegen Alexander van der Bellen in Wiener Museum

    „Russland ist wesentlicher Teil Europas“ – Historiker aus Österreich für Kooperation

    © Sputnik / Michail Klimentiew
    Politik
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    Tilo Gräser
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    Wien setzt seine Politik als Brückenbauer zwischen Ost und West fort. Dessen ist sich Stefan Karner, Historiker der Universität Graz, sicher. Europa braucht eine gute Partnerschaft mit Russland, sagt er. Den Empfang von Russlands Präsident Wladimir Putin in Wien sieht er als Zeichen der guten Kontakte und der Dialogfunktion seines Landes.

    Österreich setze seinen bisherigen Kurs als neutrales Land in der EU auch gegenüber Russland fort. Dazu gehörten derzeit vor allem der weitere Ausbau der ökonomischen und der kulturell-wissenschaftlichen Zusammenarbeit. So schätzt der führende österreichische Historiker Stefan Karner die Politik der Regierung unter Sebastian Kurz ein. Das gilt für den Co-Vorsitzenden der Österreichisch-Russischen Historiker-Kommission gerade nach dem Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin am Montag in Wien.

    Das neutrale Österreich ist und bleibe weiterhin eine Stütze der westlichen Wertegemeinschaft ebenso der EU, meinte Karner im Interview auf die Frage nach Gegenwart und Zukunft der Beziehungen zwischen Wien und Moskau. Er war in den letzten Tagen selber in Russland und beschrieb gegenüber Sputnik seine Sicht.

    „Österreich ist Mitglied der Europäischen Union und trägt alle EU-Beschlüsse mit, auch die Sanktionen gegenüber Russland. Es bemüht sich aber dennoch auch als Teil seiner Neutralitätspolitik um den Abbau dieser Sanktionen. Ich persönlich sehe in Russland und in Österreich, dass diese Sanktionen in Russland bislang weitgehend wirkungslos sind, weil westliche Waren über Drittstaaten ins Land kommen, weil die Russen zunehmend die eigene Produktion aufbauen und die Menschen nun russische Waren kaufen.“

    Dies gelte nicht nur für Moskau, meinte Karner, sondern ebenso für die Provinzen bis nach Ostsibirien oder im nördlichen Murmansk. „Die tausenden Geschäfte von ‚Magnit‘, vergleichbar mit ‚Aldi‘ oder ‚Hofer‘, sind flächendeckend übervoll, als gäbe es keine Sanktionen. Aus der historischen Erfahrung versteht Österreich mehr als andere, dass West- und Zentraleuropa eine gute Partnerschaft mit Russland brauchen. Wie schon Siegmund von Herberstein vor 500 Jahren in seinem damaligen Bestseller ‚Moskovia‘ schrieb, ist Russland ist ein Teil Europas, dessen Grenzen sind am Ural und am Schwarzen Meer.“

    Prof. Dr. Dr. Stefan Karner bei einem Vortrag in Moskau (Archivbild)
    © Foto : Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK)
    Prof. Dr. Dr. Stefan Karner bei einem Vortrag in Moskau (Archivbild)

    Seither habe die Geschichte immer wieder gezeigt, dass Frieden in Europa „nur mit Russland und nicht gegen Russland“ möglich sei. „Nehmen Sie nur den Wiener Kongress nach den Kriegen Napoleons, die klare Positionierung Bismarcks, das Scheitern der k.u.k.-Monarchie am Balkan, weil man sich eben nicht mit Russland verständigen konnte, was letztlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte.“ Mit diesem historischen Blick sei für Österreich ein gutes Verhältnis zu Russland ebenso wichtig wie mit anderen Staaten. Es erzeuge Stabilität im Herzen Europas.

    Gute Atmosphäre

    Die neue Regierung unter Bundeskanzler Kurz werde den Weg des Dialogs „über ideologische Grenzen und Konfliktlinien hinweg“ fortsetzen. Auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit werde ausgebaut, schätzte er ein. Knapp 500 österreichische Firmen seien derzeit in Russland tätig. Zu den traditionell engen kulturellen Kontakten, vor allem zwischen den Kulturzentren Wien, St. Petersburg, Graz, Jekaterinburg und natürlich Moskau, kommen laut Karner in den letzten drei Jahrzehnten besonders starke wissenschaftliche Verbindungen, in den Bereichen Technik und dem weiten Feld der Geisteswissenschaften.

    Der Grazer Historiker widerspricht damit dem Innsbrucker Politikwissenschaftler Gerhard Mangott. Dieser hatte laut der Tageszeitung „Die Presse“ vom Mittwoch Wien vorgeworfen, sich beim russischen Präsidenten Putin angebiedert zu haben. Der Besuch sei in einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens und des gegenseitigen Respektes verlaufen, so Karner. „Man kennt einander“, stellte er mit Hinweis auf die gegenseitigen Besuche führender Politiker beider Länder in den letzten Jahren fest. Das führe zu einer „noblen und geradezu freundschaftlichen Art der Begegnung“.

    Zwiespältige Geschichte

    Der Historiker erinnerte gegenüber Sputnik an die jahrhundertalte Geschichte der österreichisch-russischen Beziehungen. Diese seien bis 1806 weitgehend auch die deutsch-russischen Beziehungen gewesen, weil die Krone des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ bis dahin in Wien von den Habsburgern getragen wurde. So habe der Österreicher Herberstein im Auftrag der römisch-deutschen Habsburger-Kaiser Maximilian I. und Karl V. Russland bereist und „wie kein anderer das Land der Reussen, also der Russen, dem Westen erschlossen“.

    Im Unterschied zum Deutschen Reich habe die Österreichisch-Ungarische Monarchie ab der Mitte des 19. Jahrhundert eher Konflikte mit Russland gehabt – obwohl Russland 1848 den Habsburgern den ungarischen Königsthron gerettet habe. Doch Wien habe wenige Jahre später keinerlei Dankbarkeit gezeigt „und ließ die Russen im Krimkrieg eiskalt im Regen stehen“. Mit dem „Erwachen der Völker“ etablierte sich Russland laut Karner bald als Schutzmacht der slawischen Völker, vor allem am Balkan. Moskau habe über Serbien einen direkten Meerzugang angestrebt, was es in schroffen Gegensatz zu Wien gebracht habe.

    Gewaltige Folgen

    „Die Österreicher schoben diesen Bestrebungen mit der Gründung Albaniens einen direkten Riegel vor. An diesen Problemen am Balkan entzündete sich schließlich auch der Erste Weltkrieg. Die Folgen sind bekannt. Die großen Imperien zerbrachen, nichts war mehr wie vorher. Österreich ein Kleinstaat, Russland sowjetisch, 1922 Mitgründer der Sowjetunion.“

    Eben diese Sowjetunion habe sich mit Deutschland in Rapallo verständigt und 1938, aus verschiedenen anderen Gründen, ihr Missfallen gegenüber dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland geäußert – „was andere Staaten, ausgenommen Mexiko und ein paar lateinamerikanische Staaten, gar nicht getan haben. Vor allem nicht Paris, London oder Washington".

    Die humanitären Folgen des bald folgenden Zweiten Weltkrieges waren für beide Länder gewaltig, betonte der Historiker: Über 100.000 Österreicher, die in der Deutschen Wehrmacht dienten, liegen bis heute in russischer Erde, etwa 90.000 Sowjetbürger (Rotarmisten, Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge) liegen in Österreich begraben. 1943 hätten die Alliierten in Moskau beschlossen, Österreich als Staat wieder zu errichten. „Das ist die erste Gründungsurkunde unserer Zweiten Republik.“

    Aktiver Brückenbauer

    1945 sei der Osten des Landes durch die Rote Armee besetzt und damit vom Nationalsozialismus befreit worden. Eine zehnjährige vierfache Besatzung folgte, „wobei die Sowjetunion den Löwenanteil bekam“. Wien war, ähnlich Berlin in vier Sektoren geteilt, wobei der innere Bezirk, im Unterschied zu Berlin, gemeinsam von den Großmächten verwaltet wurde. Gerade das habe selbst in Zeiten der harten Konfrontation des Kalten Krieges eine Gesprächsbasis zwischen Ost und West ermöglicht, schätzte der Historiker ein.

    „Vielleicht entstand hier das, was nach dem Staatsvertrag von 1955 dann als Kennzeichen österreichischer Neutralität bekannt wurde: Wien, aber auch Salzburg und Graz wurden zu Orten der Begegnung, Österreich als Mittler und Brückenbauer. Hier konnten schwierige Verhandlungen geführt werden: 1961 beim ersten Supergipfel nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Kennedy und Chruschtschow, als es um Berlin, oder beim Gipfel zwischen Carter und Breschnew, als es vor allem um die Abrüstung ging.“

    Karner erinnerte an „heikle Situationen in unmittelbarer Nachbarschaft, wie Ungarn 1956, Prag 1968, als man durch eine elastische Verteidigungslinie weit hinter der Grenze die Gefahr von ernsten Grenzverletzungen Minimierte“.  Wien sei Sitz großer internationaler Organisationen und dritte UN-Standort geworden.

    „Hier empfing man Arafat, als dieser nahezu überall noch geächtet war, Kreisky schaltete sich aktiv in die Nahostpolitik ein, bildete mit Brandt und Schwedens Palme zahlreiche außenpolitische Allianzen. Über Wien lief die Auswanderung von Millionen sowjetischer Juden nach Israel. An der österreichisch-ungarischen Grenze wurde 1989 das erste Loch in den Eisernen Vorhang geschnitten, durch das Tausende Ostdeutsche in die Freiheit gingen. Alois Mock trug über seine Verbindungen 1991, gemeinsam mit Genscher, wesentlich zur schnellen internationalen Anerkennung Sloweniens und Kroatiens bei.“

    Diese aktive Neutralitätspolitik werde bis heute fortgesetzt und habe sich auch mit dem Putin-Besuch „überhaupt nicht geändert“.

    Beiderseitiger Nutzen

    Österreich war bereits im Kalten Krieg für Moskau ein „Fenster nach Europa“, bestätigte Karner: „Vergessen Sie nicht, Wien liegt östlicher als Prag. Von Wien bis zur ukrainischen Grenze ist es näher als nach Bregenz auf den Bodensee und Laibach/Ljubljana liegt weit westlicher als Graz". Österreich sei für den Westen wie ein Keil im Gebiet des Warschauer Vertrages gewesen. Andererseits war es für den Osten wie „ein Türöffner in Richtung Westen“.

    Vor 50 Jahren, am 5. September 1968, sei erstmals Gas aus dem heutigen Russland nach Österreich geliefert worden, erinnerte der Historiker, – als die sowjetischen Panzer an der Grenze standen, „die zuvor den Prager Frühling niedergewalzt hatten“. Für Karner ist die Frage: „Hätte man damals aus diesem Grund den Vertrag annullieren sollen? Jedenfalls wird seither Österreich und über Österreich auch der Westen mit russischem Gas versorgt. Das ist eine ganz wesentliche Pipeline.“ Die Verträge dazu seien am Dienstag erweitert und verlängert worden. Damit werde die politische und wirtschaftliche Brückenfunktion Österreichs aus dem Kalten Krieg weiter übernommen.

    Vertrauensvolle Zusammenarbeit

    Der Vorsitzende des österreichischen Teils der bilateralen Historiker-Kommission freut sich über das Lob von Bundespräsident Alexander van der Bellen und von Präsident Putin über die Arbeit des Gremiums. Beide hatten am Dienstag die wichtige und konstruktive Zusammenarbeit der Historiker betont, die bedeutende Grundlagen zum gegenseitigen Verständnis vorgelegt hätten. Die Kommission verweigere sich der Revision der Geschichte, sagte Putin.

    Van der Bellen hatte selbst am Dienstag auf Twitter auf das dabei entstandene neueste Buch „Österreich-Russland“ aufmerksam gemacht. „Es wurde von 29 Autoren beider Länder Zeile für Zeile gemeinsam verfasst und sei auch auf Russisch erschienen“, berichtete Karner. Auch die harten und konfliktbeladenen Themen seien gemeinsam formuliert worden. „Sowas geht ja nur auf Basis eines guten gegenseitigen Vertrauens“, stellte er klar.

    Stefan Karner, Univ. Prof. Dr. Dr. h.c., ist einer der führenden österreichischen Historiker. In Deutschland ist er u.a. in den wissenschaftlichen Beiräten des Deutschen Historischen Museums, Berlin, im Hannah Arendt-Institut, Dresden, und beim Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, Berlin, tätig. Er gründete vor 25 Jahren das Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung, das er bis vor zwei Monaten auch leitete, ebenso wie das Institut für Wirtschaftsgeschichte der Universität Graz.

    Eben erschienen:

    Stefan Karner – Alexander Tschubarjan (Hg.): „Österreich – Russland – Stationen gemeinsamer Geschichte“ Verlag Leykam 2018

    280 Seiten, zahlr. Abb.; ISBN 978-3-7011-0410-9; 29,90 Euro

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    Tags:
    Historiker, Geschichte, Sanktionen, Kalter Krieg, EU, Alexander van der Bellen, Sebastian Kurz, Wladimir Putin, Wien, Österreich, Deutschland, Moskau, Russland
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