05:25 10 Dezember 2018
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    Soldaten der von den USA unterstützten SDF-Armee auf dem zerstörten Stadion in Rakka (Archivbild)

    Rücksichtslose US-Koalition – Friedensaktivist bestätigt AI-Report zu Rakka

    © AP Photo / Asmaa Waguih
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    Tilo Gräser
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    Die Vorwürfe von Amnesty International gegen die US-geführte Anti-IS-Koalition wegen der zivilen Opfer in Rakka sind berechtigt. Das sagt der Friedensaktivist Joachim Guilliard, der auf das Beispiel Mossul verweist, wo Gleiches passiert ist. Dagegen zeigen nach seinen Angaben gerade Aleppo und Ost-Ghuta, dass Alternativen möglich sind.

    Ein aktueller Report von Amnesty International (AI) hat festgestellt, dass die von den USA geführte Koalition gegen den „Islamischen Staat“ (IS) bei der Schlacht um die nordsyrische Stadt Rakka bewusst zivile Opfer in Kauf nahm. Das und die großflächige Zerstörung der Stadt sei nicht alternativlos gewesen, erklärte der Friedensaktivist Joachim Guilliard gegenüber Sputniknews. Es hätte ihm zufolge mehrere Möglichkeiten gegeben, die Zivilisten besser zu schützen.

    Die Menschenrechtsorganisation beschuldigte die US-geführte Anti-IS-Koalition möglicher Kriegsverbrechen, weil bei der Schlacht um Rakka auf das Leben der Zivilisten keine Rücksicht genommen worden sei. In dem AI-Report wird auf Grundlage von Recherchen vor Ort von Hunderten Toten durch Luft- und Artillerieangriffe und großflächige Zerstörungen der Stadt ausgegangen. Der Koalition wird vorgeworfen, sie habe nicht beachtet, dass die IS-Terroristen Zivilisten als „Schutzschilde“ missbrauchen. Das Bündnis widerspricht auf seiner Website den AI-Vorwürfen. Diese seien „absurd und grob fehlerhaft“, sagte ein Koalitionssprecher laut Medienberichten.

    „Wenn so viele Zivilisten von Angriff zu Angriff getötet werden, ist etwas eindeutig falsch, und um diese Tragödie noch schlimmer zu machen, wurden die Vorfälle so viele Monate später nicht untersucht“, zitiert der Report die AI-Ermittlerin Donatella Rovera. „Die Opfer verdienen Gerechtigkeit.“

    Glaubwürdiger Report

    Guilliard hatte in einer Analyse vor mehr als einem Jahr nachgewiesen, dass die Menschenrechtsorganisation „Nato-nah und parteiisch“ einzuschätzen ist. Dennoch geht er davon aus, dass der aktuelle Report zu Rakka glaubwürdig ist, wie er gegenüber Sputnik betonte. Dafür würden die Recherchen von AI vor Ort sorgen.

    Für den Friedensaktivisten, der sich seit Jahren mit der Situation im Irak und in Syrien beschäftigt, sind die Vorwürfe gegen die US-geführte Koalition nichts Neues. Es habe schon zuvor immer wieder Berichte über zivile Opfer bei der Schlacht um Rakka gegeben. Danach sei die Stadt „bei dieser Art von Befreiung zu mindestens 80 Prozent zerstört“ worden. Guilliard verwies dabei unter anderem auf Erkenntnisse der britischen Initiative „Airwars“, die versucht, die zivilen Opfer der Bomben im Irak und in Syrien zu registrieren. Die würde von mindestens 1400 bis zu 6000 toten Zivilisten infolge der Koalitionsangriffe sprechen. Genaue Angaben dazu würden aber weiter fehlen, so der Aktivist.

    Widerlegte Legende

    Der AI-Report widerspricht ein weiteres Mal der Legende von den präzisen westlichen Luftangriffen, die im Krieg gegen den IS erneut aufgetischt und medial verbreitet wird. „Das wird schon lange von Experten angezweifelt, dass man bei solchen Angriffen auf eng- und dichtbesiedelte Städte mit präzisen Waffen weniger Opfer verursacht“, so Guilliard. Das habe sich in Rakka ebenso bestätigt wie zuvor in Mossul.

    „Vor allem wirft Amnesty der Koalition vor, exemplarisch belegt: In keinem der dokumentierten Fälle hat man irgendeinen Hinweis gefunden, dass bei den getroffenen Zielen IS-Kämpfer oder —Stellungen in der Nähe gewesen wären.“ Andere Untersuchungen hätten ebenfalls ergeben, „dass sehr häufig die Angreifer gar nicht genau wissen, was sie bombardieren, weil sie nur mangelnd aufklären und keine Experten am Boden haben“. Es sei aber schwierig, da sich die Dschihadisten unter den Einwohnern verschanzt hätten, hob Guilliard hervor. „Das entschuldigt aber nicht, dass gesagt wird: Wir halten einfach rein, wo wir denken, dass irgendwo ein Schuss gefallen ist.“

    Westliche Doppelmoral

    Dabei sei von Anfang an klar gewesen, dass das Vorgehen der US-geführten Koalition nicht alternativlos war. Der Friedensaktivist betonte, „der IS ist nur stark geworden durch die Unterstützung auch aus Nato-Staaten und den arabischen Golf-Monarchien für dschihadistische, islamistische Milizen“. Die Terrormiliz habe sich in Rakka wie in Mossul nur halten können, weil der Nachschub unter anderem über die Türkei weiterlief.

    „Das wäre gerade für die US-Allianz wesentlich leichter möglich gewesen, den Nachschub zu unterbrechen durch entsprechenden Druck auf die Staaten, die da nach wie vor aktiv sind und zu ihren Bündnispartnern gehören. Die Möglichkeit hatte umgekehrt im Fall Ost-Aleppo und Ost-Ghuta die syrische Regierung und ihre russischen Unterstützer in dem Maße nicht.“

    Die veröffentlichten AI-Erkenntnisse zu Rakka erinnern an die Situation in Mossul und Ost-Aleppo und ihre unterschiedliche Darstellung in den westlichen Medien und der westlichen Politik. Während im ersten Fall Mossul das Leid der Zivilbevölkerung keine Aufmerksamkeit bekam, wurden der syrischen Armee und ihren Unterstützern unter anderem aus Russland in Ost-Aleppo die schlimmsten Verbrechen unterstellt. Das hat Guilliard ebenfalls ausführlich widerlegt. Beide Schauplätze seien „drastische Beispiele … auch für eine extreme Doppelmoral in der Bewertung und Berichterstattung, die weit mehr an den strategischen Interessen der herrschenden Kreise im eigenen Land als am tatsächlichen Kriegsgeschehen ausgerichtet sind“, stellte er Anfang 2018 fest.

    Ausgeblendetes Leid

    „Bei Ost-Aleppo wurde stark übertrieben. Alles, was von oppositioneller Seite, also von den islamistischen Kräften, die Ost-Aleppo besetzt hielten, kam, wurde bereitwillig verbreitet. Die hatten natürlich ein Interesse, das alles möglichst drastisch darzustellen, so dass Krankenhäuser getroffen wurden – und manches davon dann gleich dreimal. Man hätte sehr schnell sehen könne, dass die Informationen fragwürdig sind. Und in Mossul war es genau andersrum: Man hat so gut wie nichts erfahren.“

    Während bei Ost-Aleppo oft Einzelschicksale dramatisch aufgebauscht worden seien, besonders von Kindern, sei über das Leiden der Zivilbevölkerung in Mossul nicht berichtet worden. In der irakischen Großstadt mit etwa einer Millionen Einwohnern vor dem IS-Einmarsch seien dabei viel mehr Menschen eingeschlossen gewesen. „Das ist schon ein echter Skandal“, meinte Guilliard.

    Unterschiedliches Vorgehen

    Selbst die nicht prosyrisch und nicht prorussisch orientierte „Airwars“-Initiative habe festgestellt, dass die zivilen Opferzahlen durch Angriffe der US-geführten Koalition höher seien als durch die syrischen Armeeoffensiven mit russischer Unterstützung. Dazu gehöre, dass im Unterschied zum westlich geführten Krieg gegen den IS die syrische und russische Seite in Ost-Aleppo und Ost-Ghuta immer dafür gesorgt habe, dass Zivilisten über Korridore fliehen konnten und es nicht zum Kampf bis zum letzten Mann und Stein in den Städten kam. Sowas habe es in Mossul wie schon zuvor in Falludscha nicht gegeben – und in Rakka erst gegen Ende der Schlacht.

    Dennoch werfen westliche Politiker einschließlich der Bundesregierung Damaskus und Moskau bis heute schlimmste Kriegsverbrechen vor. Gleichzeitig schweigen sie zu den Vorwürfen gegen die westlich geführte Koalition. Dabei ist die Bundesrepublik aktiv am Krieg gegen den IS beteiligt, nicht nur mit Tornado-Aufklärungsjets, sondern ebenso mit juristischen Beratern bei der Vorbereitung der Luftangriffe. Darauf hatte vor mehr als einem Jahr der ehemalige hochrangige Nato-Luftkriegsplaner Ulrich Scholz gegenüber Sputnik hingewiesen. Die zu erwartenden sogenannten Kollateralschäden würden von Anfang an in Kauf genommen, auch von deutscher Seite: „Wir akzeptieren die“, erklärte der Ex-Offizier damals und fügte hinzu: „Wir genehmigen das Töten von Zivilisten!“

    Rücksichtlose Koalition

    Wie Scholz bezweifelte Guilliard den Wert der Aufklärungsdaten nicht nur der bundesdeutschen Tornados. Da würden Drohnen ebenso wenig helfen, weil nur elektronische Mittel eingesetzt würden und keine Aufklärer oder Verbündete in den Orten. „Sie haben nur von oben schauen können. Das kann man sich leicht vorstellen, dass auch bei zig-maligem Überfliegen nur sehr schwer zu erkennen ist, wieviel Leute sich in einem Haus aufhalten, vor allem, wenn die sich im Keller versteckt haben, wenn die Bomben fallen.“ Das werde auch im AI-Report zu Rakka beschrieben.

    Die US-geführte Koalition habe den Krieg gegen den IS unbedingt gewinnen wollen, hob Guilliard hervor. Dazu sei vor dem Vorrücken der unterstützten Kräfte am Boden alles „plattgemacht“ worden, was vor ihnen lag, um so jeglichen Widerstand auszuschalten – ohne Rücksicht auf zivile Opfer. Das habe der Ex-Offizier Scholz unter anderem im WDR bestätigt.

    Das komplette Interview mit Joachim Guilliard zum Nachhören:

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    Tags:
    Bomben, Zivilopfer, Krieg, Opfer, Terrormiliz Daesh, Bundesregierung, Bundeswehr, Ulrich Scholz, Joachim Guilliard, Ost-Ghuta, Aleppo, Rakka, Mossul, Syrien, Irak, Deutschland, USA, Russland