13:05 15 Dezember 2018
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    Honeckers Nordkorea-Dolmetscherin: „Machen Sie es nicht auf deutsche Art und Weise“

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    Armin Siebert
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    Helga Picht war jahrzehntelang die Nordkorea-Chefdolmetscherin von DDR-Staatsoberhaupt Erich Honecker. In einem exklusiven Sputnik-Video-Interview gibt die heute 84-Jährige ihre Einschätzung des Tauwetters auf der koreanischen Halbinsel und eines alten Bekannten.

    Frau Picht, wenn Sie heute Fernsehen schauen, kennen Sie noch jemanden aus der nordkoreanischen Führungsriege?

    Ich kenne Kim Yong Nam. Er ist der über Jahrzehnte hinweg entscheidende Außenpolitiker in Nordkorea gewesen, und einer der klügsten Politiker, die ich überhaupt kennengelernt habe. Er ist jetzt knapp 90 Jahre alt. Ich würde ihn gern noch mal wiedersehen. Aber ich glaube nicht, dass ich das noch schaffe.

    Der war auch bei den Olympischen Winterspielen dabei.

    Bei der Olympiade saß er neben der bei uns im Fernsehen nur genannten Schwester vom Kim Jong-un. Er saß neben ihr und direkt hinter dem südkoreanischen Präsidenten. Und nachdem der Präsident seine tolle Rede gehalten hatte über Olympia als Symbol des Friedens, das Aufeinanderzugehen und so weiter, hat er, glaube ich, Kim Yong Nam zuerst die Hand gegeben.

    Also wirklich die graue Eminenz in Nordkorea bis heute?

    Er wird schon lange als eine graue Eminenz bezeichnet und ist aber sehr eitel und deshalb auch nicht grau.

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    Wie ist Ihr Eindruck aus der Ferne von Kim Jong-un, ist er „der Irre mit der Bombe“?

    Na, das ist er auf keinen Fall. Er ist ja in der Schweiz aufgewachsen. Aber er ist ja bei uns hier von vornherein mit so viel negativen Beispielen belegt worden, dass es mir schwerfällt, eine freundliche Sicht auf ihn zu bekommen. Und vor allen Dingen, weil ich auch seinen Vater etwas kennengelernt hatte. Ich konnte mir das nicht vorstellen, dass er das tut, was er diese Tage jetzt tut. Oder was er seit Dezember getan hat.

    Wie war es denn bis Dezember? Noch vor einem halben Jahr stand die Welt quasi am Rande eines großen Krieges. Präsident Trump hatte mit der Zerstörung Nordkoreas gedroht. Haben Sie das ernstgenommen? Wie war ihr Gefühl noch letzten Herbst?

    Meine Freunde, Militärs aus der DDR noch, die haben gesagt, das macht er nicht, der zündet die Bombe von sich aus nicht. Was man auch sagen muss, das hat er in seiner Neujahrsrede auch so erklärt: Wir werden unsere Bomben erst einsetzen, wenn wir angegriffen werden, und das war immer so, auch bei ihm. Alles andere ist dann bloß verteufelt worden. Aber ich hätte nie erwartet, dass er eine solche politische Reife erreicht, wie er sie jetzt in diesen Tagen zeigt.

    Wie erklären Sie sich diesen plötzlichen Sinneswandel?

    Ich glaube, es war keiner. Das ist meine Meinung.

    Also das Ziel ist erreicht quasi?

    Ja, als das Ziel erreicht war, und für mich war das Ziel erreicht, als er nach Peking fuhr und eine uralte Bruderschaft — nicht erst seit dem Koreakrieg — damit wieder besiegelte. Das ist für mich die weltpolitische Bedeutung der ganzen Sache.

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    Peking hat also auf jeden Fall einen starken Einfluss auf Nordkorea?

    Peking hat Atomwaffen. Mehr will ich gar nicht dazu sagen, das ist die internationale …

    Schutzmacht?

    Schutzmacht würde ich nicht sagen. China hat die Rolle des großen Verbündeten übernommen, die sie seit 1930 waren, seit Nordkorea und den chinesischen Volksfreiwilligen.

    Jetzt soll es tatsächlich zu dem Treffen zwischen Trump und Kim Jong-un kommen. Was meinen Sie, ist das wirklich Friedensnobelpreis-verdächtig, oder sind sie noch skeptisch?

    Tja. Mit dem Friedensnobelpreis —

    Ich meine, es sind immerhin die USA – das war der Todfeind gewesen über Jahre.

    Mit den Friedensnobelpreisen ist das so eine Sache. Als Kim Dae-jung, der international ganz groß anerkannte südkoreanische Präsident, nach Nordkorea gefahren ist und sie dort die Erklärung über Frieden und Vergebung unterschrieben haben, hat er den Friedensnobelpreis gekommen. Ich hoffe, wenn es jetzt dazu käme, dann müssten sie ihn beide kriegen.

    Glauben Sie daran, dass die Entwicklung so weitergeht, weil das Misstrauen doch über Jahrzehnte sehr hoch war?

    Ich finde das alles etwas eigenartig. Aber da die Südkoreaner da so ganz mitmachen…also ich habe die Hoffnung, aber ich bin nicht überzeugt, dass alles so klappen wird, ob sich nicht noch wieder irgendein Dummkopf findet, der alles kaputtmacht.

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    Langfristig wäre dann eine Wiedervereinigung, wie wir Deutschen sie erlebt haben, ein Modell für die koreanische Halbinsel?

    Da muss ich zu meinem ersten Aufenthalt in Südkorea zurückkommen. Ich bin dort angekommen und gleich im Parlament und was weiß ich wo begrüßt worden. Habe X Reden gehalten.

    1990?

    Ja. Ich muss aber das Datum dazusagen. Es war Mitte August 1990. Wissen Sie, was bei uns los war, ja? Einheit und die Verhandlungen und so weiter. Da lud man mich überall in Südkorea ein, ins Fernsehen, in Universitäten und so weiter. Und sagte mir immer, ich möchte ihnen Ratschläge geben. Da habe ich dann erst mal – ich war auch vorsichtig …

    Als frisch Wiedervereinte sozusagen?

    Als frisch Wiedervereinte. Da habe ich ihnen gesagt, also erstens, ich habe dazu überhaupt keine Kompetenz. Ich kann da keine Ratschläge geben. Ich kann nur immer wiederholen: lassen Sie sich selber etwas einfallen. Ich habe allerdings nicht gesagt, dass das eigentlich ein Zitat von Kim Il-sung war. Und dann habe ich ihnen gesagt: Von meinen Erfahrungen jetzt in Deutschland – machen Sie es nicht auf deutsche Art und Weise. Diesen Rat müssen ihnen viele gegeben haben. Und sie haben selbst auch überlegt. Denn im Jahr 1991 gründeten sie ein Institut für die nationale Wiedervereinigung, ein wissenschaftliches Institut, zu dem habe ich später auch viele Kontakte gehabt. Und in diesem Institut gab es ein Schlagwort: Keine Schluck-Vereinigung.

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    Überstürzt, schnell …

    Ja, und vor allen Dingen: Nicht, dass einer den anderen schluckt. Die haben bewusst den Begriff genommen. Ihre Begründung war: Nordkorea ist viel ärmer als die DDR war, und Südkorea ist nicht so reich wie die Bundesrepublik, also wir würden uns daran verschlucken. Ich habe dann einige Wissenschaftler kennengelernt, die eben sagen, ja, wir müssen einen eigenen Weg gehen. Sowas vollzieht sich – also diese Schritte dazu vollziehen sich. Und darüber freue ich mich außerordentlich.

    Aber wenn dann die Schleusen geöffnet werden, meinen Sie auch, das nordkoreanische Volk fühlt sich durchgehend erlöst und erleichtert?

    Nein. Das glaube ich auch nicht, weil – also erstens haben sie nie Kontakt gehabt. Deswegen sind die Südkoreaner doch für die Nordkoreaner schuld an ihrem Elend, weil es auf der anderen Seite eben auch diesen unbedingten Aufbauwillen im Norden gab und die Leute daran auch teilgenommen haben. Die betrachten alles das, was sie haben – es ist weniger als das, was die Südkoreaner haben – als ihr Eigentum. Und das lassen sie sich nicht nehmen.

    Das Buch „Brennpunkt Nordkorea“ von Rainer Werning / Helga Picht ist in der Edition Berolina erschienen.

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    Tags:
    Kriegsgefahr, Anschluss, Wiedervereinigung, Frieden, Korea, DDR, Nordkorea, Deutschland
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