03:55 24 Oktober 2018
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    AfD-Bundessprecher Alexander Gauland bei Sitzung der Jugendorganisation seiner Partei Junge Alternative

    Jung, elitär und rechts: Burschenschaften – Kaderschmiede für die AfD

    © AFP 2018 / DPA/ Alexander Prautzsch
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    Die zwischenzeitlich fast schon totgesagten Burschenschaften stellen die Nachwuchskader für die AfD und ihre Jugendorganisation Junge Alternative. Damit gewinnen die sich selbst als „deutlich rechts“ bezeichnenden Studentenverbindungen an politischem Einfluss. Eine gefährliche Entwicklung, sagt Extremismus-Experte Hajo Funke.

    Im bunten Studentenleben wirken sie mit ihren Schärpen, antiquierten Traditionen und konservativen Ansichten wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit: Die Burschenschaften. Doch nun scheinen die Studentenverbindungen an politischem Einfluss zu gewinnen. Laut der Zeitschrift „Der Burschenschaftler“ sind derzeit neun Mitglieder des Bundestages „aus den Reihen der Burschenschaften“. Vier Abgeordnete sind bei der AfD, darunter der Bundespräsidentschaftskandidat von 2017, Albrecht Glaser. Drei sind es bei der CDU, zwei bei der CSU – unter ihnen auch der ehemalige Verkehrsminister Peter Ramsauer. Laut einem Bericht der taz findet sich auch eine Reihe von Burschenschaftern unter den Mitarbeitern der AfD im Bundestag. Die Jugendorganisation der AfD, die Junge Alternative, sei gar ein Sammelbecken für Korporierte, die dort mit bis zu 20 Prozent vertreten sein sollen.

    Philip Stein, Sprecher des Dachverbandes der Deutschen Burschenschaft, bestätigt die Angaben der taz. Tatsächlich hätten die AfD und ihre Jugendorganisation den Burschenschaften neue Möglichkeiten der politischen Teilhabe eröffnet.

    „Grundsätzlich ist die Häufung von Mitgliedern der Deutschen Burschenschaft in der AfD kein Zufall. Man teilt gewisse Werte. Den Einsatz fürs Vaterland – bei der Burschenschaft steht das Nationale im Vordergrund. Die Masseneinwanderung, die derzeit durch die Politik von Merkel betrieben wird, das immer größer aufkommende Gendermainstreaming, die Entwertung der Staatsbürgerschaft – das sind alles Dinge, mit denen sich die Burschenschaft explizit beschäftigt“, so Stein.

    In der Deutschen Burschenschaft (DB) sei man im Gegensatz zu manch anderen Studentenverbindungen explizit politisch ausgerichtet. Von jedem Mitglied werde politisches Interesse gefordert.

    Die in der Deutschen Burschenschaft organisierten Verbindungen verstehen sich als Bildungselite. Sie pflegen Traditionen wie die Mensur. Frauen sind weiterhin ausgeschlossen. Doch wie sieht es mit der politischen Einstellung aus?

    „Als Dachverband und als Burschenschaften stehen wir sicherlich deutlich rechts der CDU. Wenn die CDU als konservative Partei bezeichnet wird, dann sind wir als deutlich rechts zu bezeichnen.“

    Von rechtsextremer Gewalt distanziert sich der Verband jedoch. „Wir lehnen Gewalt natürlich in jeglicher Form ab. Nicht umsonst sind wir eine demokratische Vereinigung.“

    „Die muss man fürchten“ – Hajo Funke

    Der Extremismus-Experte Hajo Funke findet es besorgniserregend, dass die Burschenschaften in die Parlamente einziehen.

    „Die muss man sehr fürchten. Wir haben viele sehr nationalistische Burschenschaften, auch rechtsextreme, auch antisemitische. Sie versuchen jetzt als angehende Juristen, ihre begrenzte Kompetenz in den Dienst dieser rechtsradikalen Partei zu bringen.“

    Wenn Burschenschafter auffällig werden, beispielsweise durch Zeigen des Hitler-Grußes, müsse man durchgreifen, so Funke.

    „Volkverhetzung geht gar nicht. Das ist erstens immer eine öffentliche Debatte wert. Zweitens, wenn es strafbewehrt ist, auch Strafkonsequenzen. Auch das Verbot ist denkbar.“

    Ethnische Zugehörigkeit als Aufnahmekriterium

    Darf ein Chinese Mitglied einer Burschenschaft sein? Über dieser Frage war der Dachverband Deutsche Burschenschaften 2011 in eine tiefe Krise geraten. Konkret ging es um den Studenten Kai Ming Au, Mitglied in der Mannheimer Burschenschaft Hansea. Seine Eltern sind aus China eingewandert. Obwohl Au selbst in Deutschland geboren wurde und nach eigenen Angaben Werte wie Vaterlandsliebe teilt, nahmen Vertreter anderer Burschenschaften Anstoß an seinem asiatischen Aussehen. Die anschließende Debatte über den sogenannten „Ariernachweis“  führte zur Spaltung der Deutschen Burschenschaft: Zahlreiche Bünde traten aus dem Dachverband aus, von den ursprünglich 120 Bünden blieben nur noch 70.

    Trotz dieser Krise hält die DB an den Aufnahmekriterien fest. Philip Stein erklärt:

    „Wenn man zwei deutsche Elternteile hat, ist das kein Thema. Auch kein Problem: ein deutsches und ein europäisches Elternteil. Wenn man ein deutsches und ein außereuropäisches Elternteil hat, dann wird ein Einzelgespräch gesucht. Es gibt verschiedene Kriterien: die Sprache, das Bekenntnis zum Vaterland, die Abstammung. Wenn Sie zwei chinesische Elternteile haben, ist es nicht möglich, Mitglied zu werden.“

    Österreichische Verhältnisse?

    Der zunehmende politische Einfluss der rechten Burschenschaften durch das Engagement in der AfD und der Jungen Alternative erfüllt viele Beobachter mit Sorge. Gern wird dabei auf Österreich verwiesen, wo Burschenschafter seit vielen Jahren in der rechtskonservativen FPÖ ihren festen Platz gefunden haben. Mit Heinz-Christian Strache befindet sich derzeit sogar ein Korporierter an der Spitze der Partei.

    Hajo Funke glaubt aber nicht, dass es in Deutschland so weit kommen wird. Man könne die beiden Länder nicht miteinander vergleichen. In Österreich hätten die Burschenschaften seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges einen ungeheuren Einfluss gehabt.

    „Auch andere revisionistische, zum Teil den Holocaust leugnende Vereine, Verbände, Wehrmachts-SS-Traditionsverbände – das alles ist in Österreich hingenommen worden. Es war Teil einer politischen Unkultur. Nur so ist zu erklären, dass Haider so einen Riesenerfolg hatte, als er 1986 nach dem fulminanten Wahlsieg des damaligen Bundespräsidentenkandidaten Waldheim mit seiner antisemitischen Kampagne selbst die FPÖ mit seinem rechtspopulistisch-antisemitischen Kurs noch weiter nach rechts treiben konnte. Dann ging es so weiter, man konnte diese FPÖ nie mehr wirklich stellen. Sie kam zum Teil über 20, bis 30 Prozent. Dann wurde sie mit einer Koalitionsregierung anerkannt. Nun bestimmt sie das verfassungspolitische Geschehen durch den Innenminister. Das ist eine ungute Entwicklung.“

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    Tags:
    Burschenschaft, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Xenophobie, CDU, CSU, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Bundestag, Philip Stein, Kai Ming Au, Peter Ramsauer, Hajo Funke, Angela Merkel