14:22 21 Oktober 2018
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    Erich Honecker bei Sitzung der Volkskammer in Berlin

    Honeckers Nordkorea-Dolmetscherin: „Er war sehr von den Frauen angetan“

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    Politik
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    Armin Siebert
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    Vor 50 Jahren war Nordkorea fest eingebunden in den Ostblock. Auch die DDR pflegte Kontakte zum sozialistischen Bruderstaat. Mittendrin war immer Helga Picht, einzige Koreanistik-Professorin der DDR. Über Jahrzehnte hat sie zwischen Erich Honecker und Nordkoreas „ewigem Führer“ Kim Il-sung gedolmetscht und beide persönlich kennengelernt.

    Frau Picht, wann waren Sie das erste Mal in Nordkorea?

    Ich bin im September 1955 zum ersten Mal nach Nordkorea gefahren, und zwar als Studentin zum Sprachpraktikum. Die DDR-Botschaft hatte keinen Dolmetscher. Und die wollten jemanden haben, der ihnen wenigstens die Zeitung vorliest. Mehr konnte ich auch noch nicht. Das war das erste Mal.

    © Sputnik .
    Der zweite Teil unseres Video-Interviews mit Frau Picht

    Und dann haben Sie jahrzehntelang gedolmetscht. Das letzte Mal in Nordkorea waren Sie wann?

    Als Dolmetscherin war ich das letzte Mal im Jahr 1988, als die Weltfestspiele der Jugend und Studenten stattfanden, und zwar damals mit dem Noch-Nicht-Parteichef Egon Krenz.

    Wie haben denn Sie, aus der DDR kommend, damals Nordkorea empfunden bei Ihren Aufenthalten und Besuchen?

    Wir sind mit einer IL-14 von Berlin geflogen. Wir landeten mitten in Pjöngjang, auf einem absolut – ich weiß nicht, ob man Landebahn sagen kann – einem holprigen Pflaster. Ich war entsetzt, dass wir dort praktisch auf einem Acker landeten. Und dann fuhren wir durch eine Stadt, die keine Stadt mehr war. Ich sah grüne Berge und überall kleine Seen. Es gab drei alte Gebäude, die noch einigermaßen instand waren. Eins davon hatte die Handelspolitische Abteilung der DDR-Botschaft, und die anderen waren so klein. Dann fuhren wir auf einen Riesenplatz, an drei Seiten umgeben von den hässlichsten Gebäuden, die ich mir überhaupt vorstellen konnte. Die waren aufgebaut worden mit den Mitteln, die sie 1953-54 hatten, natürlich unter Anleitung sowjetischer Architekten. Es sah auch immer, sieht bis heute noch aus, als wenn das eigentlich Moskau oder irgendwo ist. Und da haben wir dann gewohnt.

    Aber es hat sich dann schon bis 1988 vieles in Nordkorea entwickelt?

    Nicht erst bis 1988. Als ich 1960 das zweite Mal hinkam, landeten wir auf dem Flughafen, der heute noch der Pjöngjanger Flughafen ist, auf einer richtigen Betonlandebahn und fuhren auf einer gepflasterten, richtigen Autobahn, rein nach Pjöngjang, kamen an die Stadtgrenze und fuhren durch zwei große, auf beiden Seiten mit Wohnhäusern und anderen Häusern bebaute Straßen. In den fünf Jahren, und das setzte sich dann bis 1970 fort, geschah das Wunder von Pjöngjang. Und in den zwei Jahren, wo wir dann dort waren, haben wir immer erlebt, dass unsere Mitstudenten ständig zum Arbeiten mussten. Die sind morgens um Sechs aufgestanden und abends um Zwölf wieder ins Bett gegangen. Studiert hatten sie davon 5 Stunden. Und heute können Sie sich anschauen, ist das eine wunderschöne Flusslandschaft – das ist alles ganz fantastisch. Die haben Unheimliches geleistet.

    Sie haben die großen Staatsführer zum Teil kennengelernt. Wie war Ihr Eindruck von Kim Il-sung, dem langjährigen Führer und Großvater des heutigen obersten Führers Nordkoreas?

    Der hat sich im Laufe meines Lebens sehr geändert. Ich habe ihn erst abgelehnt. 1962 bin ich zum ersten Mal mit einer Delegation bei ihm gewesen, habe aber noch nicht gedolmetscht, habe bloß zugehört, wie die Koreaner gedolmetscht haben. Und da habe ich gedacht, der hat aber Charme, der Mann. Der kann zu den Leuten reden, und der versteht auch, was die Leute ihn fragen und geht darauf ein. Dann habe ich nachher, weil ich lang in der Botschaft gearbeitet habe, praktisch alle seine Äußerungen gelesen. Er kam aus einem kleinen Bauerndorf, aber er hatte einen tollen Redestil. Den hat er erlernt. Er konnte reden, ganz anders als Herr Breschnew zum Beispiel oder auch andere Leute bei uns. Aber dass das Volk ihn wirklich geliebt hat, das habe ich erst Ende der 1970er Jahre begriffen, als wir hier auch über Führerpersönlichkeiten ein bisschen differenzierter nachzudenken begannen. Er war nicht verhasst.

    Und dann habe ich ihn ab 1970 öfter in Gesprächen mit führenden Leuten aus der DDR erlebt. Da muss ich sagen, war er mit einer Ausnahme den Gesprächspartnern immer überlegen. Von der logischen Klarheit, vom Inhalt, von allem. Ich will die Ausnahme auch nennen: Horst Sindermann. Horst Sindermann (von 1976 bis 1989 Präsident der Volkskammer der DDR, Anm. d. Red.) war der einzige, den ich bei den Gesprächen erlebt habe, der innerhalb einer Protokollreihe, das war glaube ich 1983 zu ihrem 35. Jahrestag, wo die Delegationen a 20 Minuten hintereinander abgefertigt wurden, zwei Stunden mit dem Großen Führer sitzengeblieben ist. Horst Sindermann war ein unerhört kluger Mann, der hat zu Kim gesagt: Dass die Beziehungen gut sind, darüber brauchen wir doch jetzt nicht reden, das haben Sie schon alles von Genossen Honecker gehört. Ich bin in der vorigen Woche in Österreich gewesen, bei den Sozialdemokraten, erzählte Sindermann. Da hätten Sie Kim Il-sung erleben müssen – der hörte überhaupt nicht auf zu fragen, immer weiter, immer weiter.

    Wie war denn Erich Honecker im Umgang? Sie hatten auch persönlich mit ihm zu tun als Dolmetscherin.

    Da muss ich einen Moment überlegen. Ich will ihm auch nicht unrecht tun. Er war immer sehr freundlich. Nachher wurde mir von anderen Dolmetschern gesagt, das war auch, weil du die einzige Frau unter uns hier warst, und dazu noch jünger. Das stimmt ganz sicher. Honecker war sehr von den Frauen angetan, also nicht nur von seiner eigenen. Er war ein freundlicher, höflicher, auch rücksichtsvoller Mensch. Wenn wir lange Gespräche hatten und er merkte, dass ich langsam müde wurde, dann verlangte er eine Pause. Er war auf keinen Fall, was ihm nachher so alles angedichtet worden ist, ein Diktator. Da war er gar nicht der Typ dazu. Ich glaube, zum Diktator gehört auch ein sehr harter, starker Charakter. Und das war er sicher nicht.

    Hier finden Sie den ersten Teil unseres Video-Interviews mit Frau Picht über das aktuelle Tauwetter zwischen Nordkorea und den USA.

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    Tags:
    SED, Helga Picht, Kim Jong-un, Erich Honecker, Kim Il-sung, Leonid Breschnew, DDR, Pjöngjang, Nordkorea