07:08 18 Juli 2018
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    Überweisungen von Migranten höher als Entwicklungshilfe – Migration also die Lösung?

    © AP Photo / Burhan Ozbilici
    Politik
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    Andreas Peter
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    Die Überweisungen von Migranten in ihre Heimatländer sind weltweit dreimal so hoch wie Entwicklungshilfe. Doch Experten warnen davor, daraus falsche Schlüsse zu ziehen. Weder sei Entwicklungshilfe unnütz noch sei Migration die bessere Option für den ökonomischen Fortschritt von Entwicklungsländern.

    Man mag es kaum glauben, weil man angesichts der Flut internationaler Gedenktage etwas den Überblick verliert, aber die Uno hat den 16. Juni zum Internationalen Tag der Geldüberführungen an Angehörige erklärt. Der International Day of Family Remittances ist 2015 kreiert und erst vor kurzem durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen proklamiert worden. In der Proklamationserklärung wird auf die enormen Summen verwiesen, die Migranten jedes Jahr in ihre Heimatländer überweisen und die dort zu den wichtigsten Einnahmequellen des Staates zählen.

    Darauf fußt auch der Aufsatz, den Benjamin Schraven jetzt für das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) verfasst hat. Schraven, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DIE, zitiert die Angaben der Weltbank, die errechnet hat, dass 2017 rund 466 Milliarden US-Dollar von Migranten in ihre Heimatländer auf der Südhalbkugel überwiesen wurden. Das ist dreimal mehr als alle Zahlungen für Entwicklungshilfe an diese Staaten zusammengenommen. Und wenn man berücksichtigt, dass die Angaben der Weltbank nur die Überweisungen durch Banken oder Transferdienste umfassen und bekannt ist, dass viele Migranten ihr Geld „manuell“, also in bar durch Gewährsmänner oder durch das so genannte Hawala-System überweisen, dann dürfte die Summe der zurückfließenden Geldmittel noch bedeutend höher sein.

    Auch Benjamin Schraven stellt die sich nahezu aufdrängende Frage, ob angesichts solcher Zahlen nicht die klassische Entwicklungshilfe Geldverschwendung ist. Doch Schraven warnt:

    „Rücküberweisungen sind in erster Linie private Transfers, die Bereitstellung, Förderung und Erhalt öffentlicher Infrastrukturen von Gesundheit über Bildung bis hin zu Straßenverkehr nicht einfach ersetzen können. Und auch auf der Mikroebene haben Rücküberweisungen nicht nur uneingeschränkt positive Effekte. So können sie die Ungleichheit in den Herkunftsländern erhöhen, nämlich zwischen jenen Haushalten, die Geld empfangen, und denen, die keines bekommen.“

    Schraven findet nicht nur deshalb die 2013 publizierte und oft zitierte Studie von Adams Bodomo von der Universität Wien wenig überzeugend, in der Bodomo die These formuliert, dass die Rücküberweisungen von afrikanischen Migranten besser seien als ausländische Finanzhilfen für ihre Herkunftsländer. Das Beispiel Mexiko zeige, so Schraven, dass der Versuch des Staates, die Rücktransfers von Migranten in Projekte der Heimatkommunen zu lenken, eher enttäuschende Effekte hatte.

    Benjamin Schraven verweist nicht zuletzt darauf, dass einer der wesentlichsten Aspekte komplett ausgeblendet wird. Nämlich die Tatsache, dass sich die Rücküberweisungen aus Arbeitseinkommen speisen, die in den meisten Fällen unter entwürdigenden und empörenden Arbeitsbedingungen erwirtschaftet werden.

    In der Regel gerät auch der Umstand aus dem Blick, dass die rücktransferierten Gelder für den Konsum von Waren und Dienstleistungen ausgegeben werden, die Konzernen aus den Staaten zufließen, in denen die Migranten ihre Arbeitseinkommen generierten. Sozusagen ein Drehtüreffekt oder das Wirtschaften von der einen in die andere Tasche.

    Richtiggehend absurd klingt allerdings, was die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in einer Untersuchung vom Oktober 2017 feststellte. Westliche Entwicklungshilfe, die Migration verhindern soll, befördert diese sogar noch. Die Forscher vom SWP nennen dieses Phänomen den „Migrationsbuckel“. Denn beispielsweise führt die mit Entwicklungshilfe verbesserte medizinische Versorgung zu einer geringeren Kindersterblichkeit. Diese erzeugt Jahre später eine höhere Arbeitslosigkeit, die wiederum den Migrationsdruck erhöht. Erst eine stabile bessere ökonomische Gesamtsituation mildere den Drang, sein Glück fern der Heimat zu suchen. In bitterarmen Ländern könne dieses Einpendeln bis zu 100 Jahre dauern, meinen die SWP-Experten.

    Deshalb betonen sie, dass auch und vor allem nichtökonomische Faktoren zu Wanderungsbewegungen in Richtung der westlichen Industriestaaten führen. Es stehe „außer Frage, dass auch repressive Regime, Menschenrechtsverletzungen und staatliche Fragilität bei vielen Betroffenen den Wunsch verstärken, ihrem Heimatland den Rücken zuzukehren“.

    Das Autorenteam der SWP liegt in diesem Punkt auf der gleichen Linie wie Benjamin Schraven vom DIE. Auch Schraven plädiert in seinem Aufsatz dafür, dass die angemessene Balance wie so oft den besseren Weg darstellt. Und die besteht darin, die Lebensqualität in den Ursprungsländern von Migration zu verbessern, wozu stabile und nicht korrupte staatliche Strukturen, demokratisch verfasste Zivilgesellschaften und keine Kriege gehören. Denn bewaffnete militärische Konflikte sind immer noch die Ursache Nummer 1 für Migrationen.

    Tags:
    Migration, Entwicklungshilfe, Migrant, Überweisung, Flüchtling, Geld, Wirtschaft, Hawala-System, SWP, Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE), Deutschland
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