19:17 20 November 2018
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    Robert Atangana (r.) mit seiner Parteikollegin und Bundeskanzlerin Angela Merkel

    CDU-Politiker über Rassismus: „Deutsche Gesellschaft ist anderer Kosmos“

    © Foto : Robert Atangana
    Politik
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    Alexander Boos
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    Ein neues Buch schildert eindrucksvoll Leben und Probleme von Migranten in Deutschland. „Bei der Einwanderungspolitik geht es oft um Quoten: Doch dahinter stehen Menschen und Schicksale“, sagt Autor Robert Atangana. Sputnik sprach mit dem Deutsch-Kameruner und CDU-Politiker über sein autobiografisches Werk und seine weiteren sozialen Projekte.

    „Die Motivation, mein Buch zu schreiben, war die Aktualität, was heute in Deutschland passiert“, sagte Robert Atangana, gebürtiger Kameruner mit deutscher Staatsbürgerschaft, im Sputnik-Interview. Jüngst erschien sein neues Buch „Without Plastic Surgery“ (dt.: „Ohne Schönheits-OP“) auf Englisch – bisher nur in Südafrika. „Es wird viel in den Medien und von Politikern diskutiert. Über Migration, Integration und Assimilation. Es wird immer über Zahlen und Quoten geredet. Es fehlt die Meinung der Betroffenen. Ich wollte mal das Leben der Menschen hinter den Zahlen auf Papier bringen.“

    Der Autor kam vor 17 Jahren aus seiner Heimat Kamerun nach Deutschland. Zuvor hatte er dort von 1996 bis 2000 als Kunstlehrer gearbeitet. In Deutschland studierte er das Fach „Visuelle Kommunikation“ an der Kunsthochschule Kassel. Seine Familie hielt er mit Nebenjobs über Wasser. „Ich kam 2001 nach Deutschland, weil es in Kamerun keine einzige Kunsthochschule gab“, erinnerte er sich. Dies geschah auch mit Hilfe des Goethe-Instituts in dem westafrikanischen Land. Der Afrikaner lernte Deutsch, engagierte sich in der Hochschulpolitik und in der CDU.

    An der Hochschule trat er 2007 dem „Ring Christlich-Demokratischer Studenten“ (RCDS) bei, der Studenten-Organisation seiner Partei. „Ich hatte an der Uni sehr viele Freunde.“ Später wurde er in Kassel „nach und nach mit den Problemen in Deutschland, so auch mit Rassismus“ konfrontiert. „Das war die Dunkelseite der Medaille, ansonsten habe ich alles genossen.“

    Rassismus und andere Probleme

    „Die Gesellschaft ist ein anderer Kosmos“, fuhr er fort. „Die Uni ist internationaler als die deutsche Gesellschaft. An der Uni hat man mit Akademikern und Studenten aus der ganzen Welt zu tun. In der Gesellschaft taucht man dann in einem Raum auf, wo Familien schon seit Generationen zusammenleben. Die haben manchmal Schwierigkeiten, Fremde zu akzeptieren.“

    Das Buch-Cover von seinem Werk „Without Plastic Surgery“
    © Foto : Robert Atangana
    Das Buch-Cover von seinem Werk „Without Plastic Surgery“

    Das Buch erzählt, wie in Kassel auch seine politische Karriere nach dem Studium begann. „In Kirchditmold, wo ich gewählt wurde, hatte ich sehr viele Freunde“, sagte er. „Wir kannten uns alle. Diese Leute haben mich gewählt. Als Brückenbauer zwischen Kulturen.“ Er war stellvertretender Vorsitzender der CDU im Kasseler Stadtteil Kirchditmold. 2010 wurde er Mitglied der Bundeskonferenz von CDU-Mandatsträgern mit Migrationshintergrund. In dieser Funktion berichteten ihm Menschen mit Migrationshintergrund darüber, „was vor Ort geschieht in den Kommunen. Über ihre Probleme.“

    Probleme mit der Justiz: „Richter wussten nicht, wieso ich da war“

    Auch er hatte oft mit solchen Problemen zu kämpfen. So habe er mal ein Ticket für Falschparken erhalten, obwohl das rechtlich nicht zulässig war. „Ich war enttäuscht über die Justiz“, so der Buchautor. „Wenn man Recht hat, muss man auch Recht bekommen. Ich habe den Eindruck, dass die Justiz in Migrationskonflikten überfordert ist. Ich denke, Institutionen, denen man eigentlich vertrauen sollte – die Justiz, die Kirchen – sollten neutraler sein. Den Eindruck hatte ich nicht. Ich stand mehr als zehnmal vor Gericht, wo die Richter teilweise auch nicht wussten, wieso ich da war.“

    Der Vater von vier Kindern hatte oft den Eindruck, dass die Justiz manchmal instrumentalisiert werde. „Als Bürger mit Migrationshintergrund hat man den Eindruck, dass Fairness und Neutralität bei Gerichten keine Rolle spielt.“ Anschließend richtete er einen Appell an Behörden und Gerichte, „uns Migranten auch als Menschen zu betrachten“. Der CDU-Politiker hatte sogar schon mal einen früheren Bundespräsidenten angeschrieben. „Ich habe in dem Brief die Fakten und Beweise vorgelegt, was mir vorgeworfen wurde. Ich hatte den Eindruck, dass es um etwas anderes ging. Wenn es um Fragen der Moral geht, dann herrscht eine Mauer des Schweigens.“ Eine Antwort erhielt er nicht aus dem Büro des deutschen Staatsoberhaupts.

    Soziale Projekte in Afrika: „Erste deutsche Bücherei in Botswana“

    2015 erfolgte die Rückkehr nach Afrika. In Namibia und Botswana habe er diverse soziale Projekte betreut, die teilweise vom Auswärtigen Amt finanziert wurden. „Das waren spannende Zeiten. Ich bin hier in Afrika als Vertreter Deutschlands. In Botswana habe ich ein deutsches Kulturzentrum ins Leben gerufen, weil es hier kein Goethe-Institut gibt. Wir haben die einzige deutsche Bibliothek im Land gegründet.“

    In Windhoek, der Hauptstadt Namibias, organisiert er seit mehreren Jahren die „Afrikanischen Kinderfilmtage“ (AFRIKIKAS). Dieses Filmfestival sei eine Gemeinschaftsarbeit der Stadt, des Goethe-Zentrums und einiger Partner in Kassel gewesen. Die ersten Filmtage hatte er noch 2014 in Kassel organisiert. Der Standort habe sich angeboten, weil im Raum Kassel „viele Menschen mit afrikanischem Hintergrund leben“, so der CDU-Politiker, der auch als Trickfilm-Produzent tätig ist.

    „Töte sie, bevor sie Eier legen“

    In letzter Zeit wolle er aber sein Engagement als Autor verstärken. „Ich bin auf der Suche nach einem interessierten deutschen Verlag“, erklärte Atangana. Bisher ist sein Buch nur auf Englisch in Südafrika erschienen. Die deutsche Übersetzung des Werks habe jedoch bereits begonnen. Es solle bald auch im deutschen Büchermarkt zu finden sein.

    Hier eine Leseprobe: „In unserem Studentenwohnheim an der Fiedlerstraße war immer viel los. Ich hatte einen netten deutschen Mitbewohner, Thomas aus Frankfurt (Oder). Er hatte immer volle Kästen Nörten-Hardenberger, ein billiges Bier, in seinem Zimmer. Dieses Bier ist bei Studenten in Kassel sehr beliebt. Er gab mir jeden Tag eine Flasche davon und scherzte: ‚Das ist mein Beitrag zur Entwicklungshilfe in Afrika.‘ (…) Um ihn abzulenken, sang ich: ‚Ein bisschen Spaß muss sein‘ von Roberto Blanco, einem der berühmtesten schwarzen Deutschen. Und tatsächlich konnte ich Thomas ein Lächeln entreißen. Er und die anderen Nachbarn sangen mit, während sich die Nörten-Hardenberger Flaschen ständig ansammelten. Auch der Nachbar aus dem Nachbarhaus sang mit, der sonst niemanden grüßte. Er war ein Riese mit Glatze und zwei Kampfhunden. Er hatte Muskeln wie ein Bodybuilder. Ich erschreckte nicht vor seinem Aussehen, sondern vor dem, was auf sein T-Shirt geschrieben stand: ‚Töte sie, bevor sie Eier legen‘. Der Begriff ‚Eier legen‘ war eine abfällige und missbräuchliche Bezeichnung für diejenigen, die ‚zu viele‘ Kinder haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die italienischen Einwanderer in Deutschland als Kaninchen mit zu vielem Nachwuchs beschimpft (…). Heutzutage gibt es immer mehr Aufrufe in Deutschland, besonders aus dem rechten Lager, in denen Gerüchte kolportiert werden, dass die Bio-Deutschen in naher Zukunft eine Minderheit im eigenen Land sein werden. Ich bekam eine Gänsehaut, weil ich die Gründung einer großen Familie vorhatte.“

    Diese und viele weitere Geschichten aus dem Leben des Autors lassen sich in seinem Buch finden.

    Robert Atangana: „Without Plastic Surgery“, Reach Publishers, 1. Auflage 2018. Das Buch ist aktuell nur auf Englisch im Buchhandel erhältlich. Interessierte Verlage sind aufgerufen, sich an den Autor zu wenden: atangoatango@googlemail.com

    Das Radio-Interview mit Autor Robert Atangana zum Nachhören:

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    Tags:
    Asylanträge, Migrationshintergrund, Migration, Flüchtlinge, Gastarbeiter, Asylrecht, Flüchtlingskrise, Einwanderung, Rassismus, Migranten, Asyl, Goethe-Institut, Auswärtiges Amt, CDU, Robert Atangana, Angela Merkel, Namibia, Kassel, Kamerun, Südafrika, Deutschland