09:43 22 Oktober 2018
SNA Radio
    Sonderbeamte in Köln

    Terror-Gefahr durch Bio-Bomben? – Expertin: „So organisiert IS deutsche Kämpfer“

    © AFP 2018 / David Young / dpa
    Politik
    Zum Kurzlink
    Alexander Boos
    4948

    Sonderbeamte finden in Köln hochgradiges Gift, das zum Bau einer Bio-Bombe dienen soll. Ein Tatverdächtiger hat Baupläne von Webseiten des „Islamischen Staats“ bezogen. Behörden warnen: „Mehr IS-Kämpfer aus Nordrhein-Westfalen als gedacht.“ Eine Expertin erklärt gegenüber Sputnik: „Tschetschenen spielen zentrale Rolle im IS – auch in Deutschland.“

    Vor wenigen Tagen stürmten Beamte des SEK mit Atemschutzmasken und Schutzanzügen eine Wohnung in Köln-Chorweiler wegen dringenden Terrorverdachts. Sie nahmen dabei den Tatverdächtigen, einen 29-jährigen Tunesier fest. Ihm wird vorgeworfen, einen Terroranschlag in Deutschland geplant zu haben. Die Einsatzkräfte stellten bei ihm den hochgiftigen Bio-Stoff Rizin sicher. Laut Medienberichten sei es „der drittgiftigste Stoff“ der Welt.

    „Dieser Fall zeigt genau das, was von Seiten des Islamischen Staates und seiner Anhänger verkündet wurde“, sagte Birgit Ebel, Salafismus- und Islamismus-Expertin aus Herford, im Sputnik-Interview. „Also, dass man auch Anschläge direkt in Deutschland verüben kann. Nach meiner Information gibt es noch nicht mal ein Gegenmittel gegen Rizin.“

    Auch wenn es keine offizielle Beauftragung durch den Islamischen Staat (IS) für den Nordafrikaner für diese Tat gegeben hat, gebe es immer die Gefahr, „dass sich derart abgedriftete Gestalten animiert fühlen, Ungläubige zu bestrafen und zu ermorden. Alarmstufe Rot! Das ist ein großes Arbeitsgebiet für die Sicherheitsbehörden, aber auch eine Aufforderung an die Zivilgesellschaft, ganz genau hinzuschauen, was in der Nachbarschaft passiert. Ich finde das ungeheuer beängstigend.“

    Großes Geschäft für IS: „Grenzenlose internationale Vernetzung“

    Nach Einschätzung des Präsidenten des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, plante der Kölner Tuneseier „sehr wahrscheinlich“ einen Terroranschlag. Polizeiangaben zufolge hatte der verhaftete Tunesier die Anleitungen zum Bau seiner sogenannten „Rizin-Bombe“ im Internet auf Plattformen des IS gefunden.

    Für die Expertin gibt es eine „grenzenlose Vernetzung im Internet“ zwischen IS-Anhängern in Deutschland und im Nahen Osten. Diese diene dazu, „Informationen transnational auszutauschen. Das hat man immer wieder gesehen, dass jüngere und auch ältere Leute Kontakte über das Internet geknüpft haben, um zum IS in das Terrorgebiet zu reisen. Um auch Töchter dahin zu verheiraten.“ Ihres Erachtens sei das auch „ein riesiges Geschäft. Das dient alles dem Ziel, Menschen im Westen anzuwerben und zu radikalisieren. Sie auf die Spur des radikalen Dschihadismus und auch Terrorismus zu bringen.“

    IS-Kämpfer aus NRW – Sebastian B.: verhaftet, Murat D.: tot

    Die Zahl der Islamisten, die sich von Herford aus zur Terrororganisation IS in Syrien und dem Irak abgesetzt haben, um dort für den IS zu kämpfen, sei größer, als bisher bekannt. Das erfuhr die „Neue Westfälische“ („NW“) aus Sicherheitskreisen. Bislang waren die Behörden von vier Mitgliedern der Salafistenszene ausgegangen. Nach neuesten Informationen sollen bis zu acht junge Männer aus der Stadt in Nordrhein-Westfalen zum IS gereist sein.

    „Bisher war offiziell immer die Rede von vier ausgereisten jungen Islamisten aus Herford: Tarik S., Sebastian B., Murat D. und Dela T.“, kommentierte Ebel, die in Herford tätig ist. „Ich weiß aber von zwei weiteren Aleviten, die ausgereist und verschollen sind. Darüber wird aber nicht oft gesprochen. Da schämt sich die Verwandtschaft, wenn junge Familienangehörige ausreisen – insbesondere wenn sie einer religiösen Minderheit angehören, die der IS eigentlich verfolgt. Das ist total absurd, zeigt und belegt aber, dass es beim IS nicht um religiöse Fragen geht. Sondern, dass das eine politische Sekte ist.“ Es verdeutliche ebenso, dass jeder durch Radikalisierung gefährdet sei.

    Medien berichten davon, dass Murat D. aus Herford im IS-Gebiet bei Kämpfen getötet worden sein soll. Sein türkischer Pass wurde von kurdischen Truppen nahe der IS-Hochburg Rakka gefunden. Bei Dela T. gehen die deutschen Behörden auch schon von seinem Tod aus. Tarik S., den Bielefelder Ermittler laut Medien am Flughafen Frankfurt/Main festgenommen hatten, wurde inzwischen wie Sebastian B. verurteilt. Der Generalbundesanwalt geht laut Medienangaben in seinem Fall davon aus, dass er über Kontakte zu Islamisten aus Tschetschenien nach Syrien gereist sei.

    „Tschetschenen scheinen sehr wichtige Drahtzieher zu sein in der islamistischen Szene“, verriet die Gründerin des Anti-Radikalisierung-Vereins „extrem dagegen!“ mit Sitz in Herford. „Es ist ungeheuer schwierig – offenkundig auch für Sicherheitsbehörden – da Informationen herauszubekommen, weil diese Volksgruppe total verschlossen und konspirativ lebt. Für unsere Gegend, also Ostwestfalen-Lippe, kann ich sagen, dass sich hier sehr viele Tschetschenen angesiedelt haben. Die leben schon sehr abgeschottet, vielfach auch für sich.“ In der radikalen Islamismus-Szene seien viele Tschetschenen aktiv.

    Rekrutierung für den Dschihad

    „Wir haben hier einen Gefährder in Herford: Said O. Der soll Ausreisen zum IS organisieren und für jeden ausgereisten jungen Menschen, jungen IS-Terroristen, abkassieren. Es ist die Rede von 5000 Euro pro Kopf.“ Für regionale Medien gilt der aus der russischen Teilrepublik Tschetschenien geflüchtete Islamist als „graue Eminenz der Herforder Islamisten-Szene“.

    Eine entscheidende Rolle spielt laut Expertin Ebel in ihrer Region auch eine tschetschenische Familie. „Diese Familie M. lebt seit Anfang der 2000er Jahre in Detmold. 2016 soll sie nach Paderborn umgezogen sein. So wie es aussieht, sind alle Mitglieder dieser Familie total radikal. Der Vater hat nachweislich bei der mittlerweile verbotenen Gruppierung ‚Millatu Ibrahim‘ mitgeholfen, Korane im Mai 2012 in der Fußgängerzone in Detmold zu verteilen.“ Da seien auch die Söhne S. (damals 14) und I. (damals 17) des Vaters H. mit dabei gewesen. Die Familie habe Kontakte zu „hochrangigen IS-Terroristen in Deutschland.“ Sie nannte Michael Noack, einen Konvertiten aus Gladbeck, der im Mai 2012 gemeinsam mit IS-Anhänger Amad Abu Ghazaleh aus Solingen auf Einladung der Familie in Detmold gewesen war.

    Im Mittelpunkt der Familie stehe Fatima M. Sie zählt zu den sogenannten „IS-Mädchen“, die im vergangenen Sommer in Bagdad verhaftet worden sind und damals im Fokus der medialen Aufmerksamkeit standen. Darunter war auch Linda W. aus Sachsen. „Fatima ist 2015 ausgereist zum IS und wurde im Juli 2017 in einem Tunnelsystem im Irak gefunden. Zusammen mit 19 weiteren Dschihad-Bräuten. Sie alle sollen bei der IS-Sittenpolizei gearbeitet haben. Sie hat ein Jahr Haft bekommen. Nur ein Jahr – mehr nicht. Bei all diesen Frauen, die nun zurückkehren, sind sehr viele Beobachter naiv und meinen, das wären Opfer. Meines Erachtens sind das keine Opfer, sondern Unterstützerinnen und Kader des IS-Systems.“

    Für Ebel sei das erschreckend. Auch Journalisten etablierter Mainstream-Medien seien geblendet vom Fall Fatima M. Das habe sie in mehreren Interviews in den letzten Wochen erfahren müssen. Viele Medienvertreter würden die wahren islamistischen Verstrickungen der heute 27-jährigen Tschetschenin verkennen, meinte die Expertin.

    CDU/FDP-Regierung: Etwa 3000 Salafisten in NRW

    „Fatima ist als überzeugte Dschihadistin ins Terrorgebiet ausgereist und hat damit selbst ihre beiden Kinder gefährdet, die nun verschollen sind. Und jetzt ist die Rede davon, dass sie gestraft genug sei, weil ihre Kinder ja verschollen und vermutlich tot sind. Auch ihr Mann Magomed A., ein Dschihadist, ist wohl tot.“

    Die Islamismus-Aufklärerin aus NRW glaubt, die Ausreisebemühungen des IS drehen sich künftig verstärkt um das Rekrutieren junger Frauen und Mädchen. „Weil ohne Frauen kann der Islamische Staat nicht funktionieren und aufrechterhalten werden.“ Die Rolle von Frauen in islamistischen und dschihadistischen Netzwerken werde langsam auch von der deutschen Politik erkannt, so die Expertin.

    Ende letzter Woche tagte der Düsseldorfer Landtag, um auch über Strategien gegen Salafisten zu debattieren. Herbert Reul (CDU), der Innenminister von NRW, warnte vor dem Einfluss von Frauen in der Salafistenszene in seinem Bundesland. „Frauen und Kinder stellen eine neue Herausforderung dar“, sagte er vor der Debatte dem Radio-Sender WDR 5. Nach Angaben der Regierungsfraktionen CDU und FDP leben derzeit etwa 3000 Salafisten in NRW.

    Das Interview mit Birgit Ebel („extrem dagegen!“) zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    „Rechtspopulistische Zerstörung Europas?“ – Wer ist der Sündenbock?
    EU-Parlament frustriert über Zahl islamistischer Kämpfer in Europa
    Uno warnt: IS-Terroristen bereiten neue Migrationswelle aus Afrika nach Europa vor
    Tags:
    Terroranschlag, Terror, Salafismus, Islamismus, Salafisten, Einsatz, biologische Waffen, Gift, IS, CDU, Deutschland