11:58 15 November 2018
SNA Radio
    Bundeskanzlerin Angela Merkel

    Eberhard Gienger (CDU): „Die Kanzlerin sollte nach Russland zur WM fahren“

    © AFP 2018 / Tobias SCHWARZ
    Politik
    Zum Kurzlink
    Armin Siebert
    194322

    Eberhard Gienger wurde in Russland schwer gefoult. Der 66-jährige ehemalige Profiturner war gerade mit dem FC Bundestag zum Freundschaftsspiel in Moskau. Der Bundestagsabgeordnete der CDU erzählt im exklusiven Sputnik-Interview, warum die Kanzlerin zur WM fahren sollte und wie er von einem russischen Politiker „auf die Hörner genommen“ wurde.

    Eberhard Gienger hat als Kunstturner bei den Olympischen Sommerspielen 1976 Bronze am Reck gewonnen. Nach ihm ist der Gienger-Salto, ein Flugelement am Reck, benannt. Der Diplom-Sportlehrer hat Russisch und Englisch studiert. Seit 2002 ist Eberhard Gienger Mitglied des Bundestages für die CDU.

    Herr Gienger, wie ist Ihr Eindruck: Ist Russland ein guter Gastgeber bei der Fußball-Weltmeisterschaft?

    Wenn ich die Berichterstattung verfolge, würde ich sagen – ja. Das russische Volk ist sehr sportbegeistert. Und man kann auch sehen, wie hier die Begeisterung überschwappt. Durch die Erfolge der russischen Sbornaja ist das noch verstärkt worden.

    Ein Kollege von mir aus Westdeutschland ist jetzt zum ersten Mal in Russland und hatte vorher große Sorge, dass er möglicherweise von Bären angefallen wird auf der Straße. Was meinen Sie, wie werden die anderthalb Millionen internationalen Gäste Russland nach ihrem Besuch bei der WM sehen?

    Ich war schon häufig in Russland und habe nie erlebt, dass dort, außer im Zirkus und irgendwo in Sibirien, Bären rumlaufen. Die Gastfreundschaft der Russen ist sprichwörtlich. So werden die Gäste der WM sicher einen guten Eindruck mit nach Hause nehmen.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Deutsche Fans urteilen: „Zu viele satte Spieler auf dem Platz“

    Vielleicht sollten russische und ausländische Politiker sich auch öfter besuchen, und es würde weniger Probleme geben?

    Das ist ohnehin unsere Intention. Politiker sollten immer miteinander sprechen, auch wenn es Problem gibt. Es ist gerade wichtig, Gespräche zu führen, um Lösungen herbeizuführen.

    Sie haben Moskau vor kurzem besucht, um in der Mannschaft des FC Bundestag Fußball zu spielen. Wie war die Reise?

    Wir sind zu einem Kurzbesuch nach Moskau geflogen. Wir hatten dort zunächst ein Gespräch mit Vertreterinnen und Vertretern der Duma, wo wir auch Themen wie Menschenrechtsverletzungen, die Krim, die Ostukraine oder den Fall Skripal angesprochen haben. Das war nicht immer ein Zuckerschlecken. Aber zwischen Vertretern des Bundestages und der Duma sollte man auch solche Themen ansprechen.

    Danach ging es zum Fußball. Wir haben eine 5:3-Niederlage mit nach Hause genommen. Und ich wurde obendrein von einem Gegenspieler, einem ehemaligen Olympiasieger im Boxen, derart auf die Hörner genommen, dass ich heute noch einen blauen Oberschenkel und Fuß habe. Aber ich bin nicht eingeschränkt in meiner Bewegungsfreiheit. Deshalb hab ich ihm verziehen.

    Also die Russen spielen nicht fair?

    Das würde ich nicht sagen. Aber in diesem Falle war es eine unnötig harte Auseinandersetzung, die wir da auf dem Spielfeld hatten.

    Sie sagten, die Gespräche waren kein Zuckerschlecken. Wie reagieren denn die russischen Vertreter zum Beispiel auf selbst bei uns umstrittene Themen wie den Fall Skripal?

    Es ist korrekt, dass im Fall Skripal noch keine Beweise vorgelegt wurden, wenngleich einiges auf Russland hindeutet. Wir sprechen trotzdem solche Themen an. Man kann natürlich unterschiedlicher Auffassung sein, aber es ändert nichts an den Tatsachen. Und es ist nun mal Tatsache, dass die Krim nicht lege artis von Seiten der Russischen Föderation übernommen wurde. Das passt einfach nicht zu den Regeln, die wir uns in demokratischen Ländern gegeben haben. Nichtsdestotrotz ist es notwendig, darüber zu sprechen. Und ich gehöre auch zu denjenigen, die der Auffassung sind, dass wir die Sanktionen in absehbarer Zeit neu diskutieren sollten. Denn Boykotte und Sanktionen schaden immer beiden Seiten.

    Wie muss man sich das vorstellen beim FC Bundestag: Treten sie da als Delegation mit einer Stimme auf? Es gibt schon Unterschiede in der Einstellung zu Russland bei Thomas Oppermann (SPD), Cem Özdemir (Die Grünen) oder Ihnen – Sie sprechen sogar Russisch. Hilft Ihnen das?

    Dass ich Russisch lesen und schreiben und mich auf Russisch unterhalten kann, ist natürlich ein gewisser Vorteil, vor allem, wenn man die Speisekarte lesen kann. Aber im Großen und Ganzen sind wir da schon einer Auffassung. Wichtig ist, dass man miteinander spricht und sich auch besucht. Es kommen auch Vertreter der russischen Duma zu uns. Auch in Berlin, wie zuletzt beim Deutsch-Russischen Forum, werden solche Themen angesprochen.

    Kommen wir noch einmal auf die Fußball-WM zu sprechen. Was unterscheidet denn Moskau und Russland jetzt zu vor zehn oder gar zwanzig Jahren?

    Durch Putin – man mag nun über ihn denken, wie man will – hat das System eine Stabilisierung erfahren. Die Russen haben auch mittlerweile wieder ihren Stolz. Das merkt man auch auf der Straße. Heute unterscheidet sich Russland, zumindest auf der Straße, nicht mehr von westlichen Ländern.

    Sollte die Kanzlerin auch zur WM fahren?

    Ich stehe auf dem Standpunkt, dass sie nach Russland fahren sollte. Und wenn sie zur WM fährt, wäre auch ein Gespräch mit Wladimir Putin oder anderen Vertretern der russischen Regierung obligatorisch.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Wundern Sie sich nicht, wenn Deutschland nicht ins Halbfinale kommt…

    Nach dem Ende der WM Mitte Juli, wird es zu einer Erwärmung im politischen Klima kommen? Oder zieht wieder der Wind des Kalten Krieges ein?

    Es wäre zu hoffen, dass die WM auch in diesem Bereich etwas bringt. Die Vergangenheit hat oft gezeigt, dass der Sport dazu in der Lage ist, Kälteperioden zwischen Ländern aufzubrechen, dass sich wieder Pflänzchen der Gemeinsamkeiten entwickeln. So glaube ich schon, dass die WM eine Veränderung herbeiführen kann und dass die Gespräche zwischen unseren Ländern, die sich eigentlich doch gut verstehen, nicht abreißen.

    Eberhard Gienger
    © Foto : Eberhard Gienger
    Eberhard Gienger

    Das komplette Interview mit Eberhard Gienger (CDU) zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    „Merkel begreift, was sie riskiert“: Migrationsstreit aus russischer Expertensicht
    Vor Hintergrund des Asylstreits: Merkel und Macron verhandeln über EU-Reform
    „Sehr faule Kompromisse drohen“ – Der Druck auf Merkel steigt
    Tags:
    Besuch, Nationalmannschaft, Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, CDU, Angela Merkel, Wladimir Putin, Deutschland, Russland