11:42 19 Juli 2018
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    Fußballfans beim WM in Russland

    Gegen westliche Unkenntnis und falsche Bilder: „Weltwoche“ klärt über Russland auf

    © Sputnik / Ilja Pitalew
    Politik
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    Tilo Gräser
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    „Faszinierendes Russland“ – das ist der Titel einer Sonderbeilage der Schweizer Wochenzeitung „Die Weltwoche“. Sie hat der Ausgabe vom 14. Juni beigelegen, aus Anlass des Beginns der Fußball-WM in Russland. Die Themen reichen von der gemeinsamen Geschichte über aktuelle Politik bis zur Rolle der Wirtschaft und der Fifa-Entscheidung für Russland.

    Inzwischen rollen die Bälle, werden Tore geschossen und Hoffnungen aufs Weiterkommen auch der russischen Mannschaft gedeihen. In den Pausen zwischen den Halbzeiten und den Spielen lohnt es sich, in die Beilage der Schweizer „Weltwoche“ über Russland zu schauen. Sie bietet ein breites Spektrum an Informationen und Geschichten aus Russland, aber ebenso auch interessante Einschätzungen von Schweizer und deutschen Autoren. Einer von ihnen ist Wolfgang Koydl, der früher für die „Süddeutsche Zeitung“ gearbeitet hat und nun bei der „Weltwoche“ tätig ist.

    „Der Westen hat dieses Russland nie verstanden“, stellt Koydl in einem seiner Beiträge in der Beilage fest und fügt hinzu: „Vielmehr versuchte er, es nach seinem Bild zu formen.“ Der Autor erinnert dabei an ein prägnantes Beispiel für das westliche Unverständnis: Winston Churchills bezeichnete Russland einst als „ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium“. Diese Bemerkung des britischen Politikers sei keine „Perle ewiger Weisheit“, sondern „nicht nur besonders töricht, sondern ein Armutszeugnis“.

    Westliches Unverständnis

    Sie zeuge von Churchills Unfähigkeit und seinem Unwillen, sich mit Russland und seinen Menschen zu beschäftigen und sie zu verstehen. Koydl meint, diese Haltung gebe es auch heute noch, und dass es „sogar schlimmer geworden“ sei. „Wie sonst wäre es zu erklären, dass im Westen der Begriff ‚Russland-Versteher‘ zum Schimpfwort geworden ist und Unverständnis triumphiert?“

    Der „Weltwoche“-Redakteur erinnert unter anderem daran, „dass Russland in der Geschichte öfter von fremden Mächten – Polen, Schweden, Frankreich, Deutschland – überfallen wurde, als dass es selbst einen Angriffskrieg vom Zaun gebrochen hätte“. Nach dem früheren „ex oriente lux“ („aus dem Osten kommt das Licht“), halte sich der Westen für den Nabel der Welt und die Quelle allen Fortschritts.

    Russische Weltsicht

    „Russland passte nicht in dieses Konzept, zumal die russische Weltsicht ihm diametral entgegengesetzt ist. Die Russen sehen sich als die wahren und alleinigen Erben der Christenheit.“ Koydl bringt dafür geschichtliche Beispiele wie die Tatarenherrschaft, die zu einem „Gefühl russischer Einzigartigkeit“ geführt habe, das dem der USA ähnlich sei: „Eine Nation, die sich berufen fühlt, dem degenerierten Westen wieder auf den richtigen Weg zurückzuhelfen.“ Dieser sei für Russen geprägt von Konsum, Habgier, Oberflächlichkeit und Geldgier, während das „ewige Russland“ für Tiefgang und fundamentale Werte stehe.

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    Das westliche Unverständnis habe dazu geführt, dass Reformer in Russland und auch der Sowjetunion wie Peter der Große oder Michail Gorbatschow begeistert begrüßt wurden, ob sie nun autokratisch herrschten oder „tölpelhaft staatliche Strukturen zerstörten“. Während außerhalb des Landes zum Beispiel Gorbatschows „Perestroika“ gefeiert wurde, auch dessen Nachfolger Boris Jelzin, hätten die Russen diese Zeit als Wiederkehr der „Zeit der Wirren“ aus dem 17. Jahrhundert empfunden, als das Land von Terror, Hunger und Gewalt beherrscht wurde.

    Potemkinsche Fassade

    Koydl weist darauf hin, dass es in Russland ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit gebe, für das die Russen selbst ihre anarchischen Instinkte autoritären Herrschern unterwerfen würden. „Das alles macht Russland zu keinem leichten Partner.“ Oftmals werde auch das Verhalten und Auftreten russischer Politiker – oft herrisch und mürrisch, zugleich empfindlich – missverstanden. Laut dem Autor handelt es sich aber um „eine potemkinsche Fassade, hinter der sich ein Minderwertigkeitskomplex verbirgt“.

    Russland fühle sich „doch oft dem Westen unterlegen und möchte zu ihm aufschließen“. „Eigentlich ist alles ganz einfach: Russland möchte ernstgenommen, einigermaßen auf Augenhöhe behandelt werden – unter Berücksichtigung seiner Eigenheiten. Seit 300 Jahren ist es eine europäische Großmacht, und wenn auch der Weltmachtstatus – wie derjenige Frankreichs oder Großbritanniens – verloren ging, so ist das Land doch noch immer ein wichtiger Faktor der Weltpolitik.“ Koydl fordert dazu auf, sich darum zu bemühen, Russland zu verstehen. Wer dazu bereit sei, könne auch zu seinem Kern vordringen – wie bei einer Matroschka-Puppe.

    Verpasste Gelegenheiten

    In der „Weltwoche“-Beilage berichtet auch der Schweizer Botschafter in Moskau, Yves Rossier, über seine diplomatische Aufgabe in Russland. Auch er wirbt für mehr Verständnis für das Land, seine Geschichte, Kultur und Politik. „Tatsache bleibt: Es gibt eine starke Komplementarität, eine Zusammengehörigkeit von Russland und dem Rest von Europa.“ Der Botschafter fügte hinzu: „Ich sage bewusst ‚Rest von Europa‘, denn Russland ist Teil von Europa.“

    Rossier stellt fest, dass der Westen „sehr große Gelegenheiten“ verpasst habe, Russland zu verstehen, besonders in den 1990er Jahren. Er verweist darauf, dass nach dem Untergang der Sowjetunion allein 1993 in dem Land 30.000 Menschen durch Kämpfe krimineller Banden starben. „Diese Probleme haben wir zu wenig wahrgenommen, wir dachten, jetzt sei alles gut, nach dem Motto: ‚Die Russen sind frei, sie sollen zufrieden sein‘.“ Viele in Russland, die die Chancen dieses jahrelangen Chaos nicht nutzen konnten, reich zu werden, hätten in dieser Zeit nur Statusverlust, Unsicherheit und einen abwesenden Staat sowie fehlende gesellschaftliche Regeln erlebt.

    Falsche Bilder

    Der Diplomat erklärt, warum die neutrale Schweiz auf ihrem Territorium die EU-Sanktionen nicht unterläuft, ohne diese Strafmaßnahmen gegen Russland zu übernehmen. Das werde in Moskau gut verstanden, meint Rossier, auch weil Bern darüber offen und klar rede. Zugleich fordert er auf die Frage nach dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und das westliche Bild von diesem: „Hören Sie nicht auf diese Klischees, egal, ob sie negativ oder positiv sind.“

    „Das Bild, das von ihm in den westlichen Medien gezeichnet wird, ist falsch“, schreibt Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter in der „Weltwoche“-Beilage über Präsident Putin. Er habe diesen während des Bewerbungsverfahrens für die aktuelle Fußball-WM persönlich kennengelernt. Blatter berichtet in seinem Beitrag darüber, wie es zur der Entscheidung für Russland kam.

    Gemeinsame Geschichte

    In der Beilage der Schweizer Wochenzeitschrift schreibt auch Fußballtrainer Murat Yakin über seine zwölf Monate bei Spartak Moskau. Außerdem wird unter anderem Annett Viehweg, Chefin der Züricher Vertretung der russischen Sberbank, ebenso wie fünf Frauen aus Russland vorgestellt. Der Banker Roman Abdulin berichtet im Interview über seine Arbeit als CEO der Gazprombank (Schweiz) in Zürich.

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    Mehrere Beiträge erzählen vom Wirken von Schweizern in Russland in den vergangenen Jahrhunderten, wo sie unter anderem als Erzieher wirkten, Kathedralen bauten, Käse herstellten oder als Admiräle die russische Seemacht aufbauten. Dazu gehört die Geschichte des Uhrmachers Heinrich Moser, der Russland half, sich zu industrialisieren. Ebenso wird daran erinnert, dass 1799 der russische General Alexander Suworow in den Schweizer Alpen gegen die Truppen Frankreichs kämpfte.

    Eine solche informative und umfassende Beilage über Russland, das Verhältnis zueinander und die gemeinsame Geschichte stünde deutschen Medien nicht minder gut an. Auch wem die Schweizer „Weltwoche“ zu konservativ und zu sehr auf die Schweizer Volkspartei (SVP), dem Pendant zur AfD, ausgerichtet ist, sei die Beilage zu Russland dennoch empfohlen.

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    Tags:
    Konflikt, Medien, Feindbild, Boris Jelzin, Wladimir Putin, Peter der Große, Michail Gorbatschow, Schweiz, UdSSR, Deutschland, Russland, Westen
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