07:29 17 November 2018
SNA Radio
    Wehrmacht-Offensive an der sowjetischen Front in den ersten Tagen nach dem Ausbruch des Großen Vaterländischen Krieges

    „Ohne Überfall keine deutsche Teilung“ – Historiker Wolfgang Benz über 22. Juni 1941

    © AP Photo /
    Politik
    Zum Kurzlink
    Alexander Boos
    22. Juni 1941: Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion (5)
    316425

    Der Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 hat „in der Folge mittelbar zur Teilung Deutschlands“ geführt. Das sagt der Berliner Historiker Wolfgang Benz im Sputnik-Interview. „Ich wüsste nicht, wer das im Jahr 2018 noch ignorieren kann.“ Die Menschheit zieht keine Lehren aus historischen Fehlern, bedauert er.

    Der renommierte deutsche Historiker Wolfgang Benz (Jahrgang 1941) ist Experte für Zeitgeschichte und ein international anerkannter Wissenschaftler in den Forschungsbereichen Nationalsozialismus, Antisemitismus und Antiislamismus. Er lehrte von 1990 bis 2011 an der Technischen Universität (TU) Berlin. Kürzlich erschien sein neues Buch „Wie es zu Deutschlands Teilung kam – Vom Zusammenbruch zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1945-1949“ im dtv-Verlag.

    Herr Prof. Benz, vor 77 Jahren überfiel die faschistische deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Wie schätzen Sie als renommierter Historiker, der sich mit der Geschichte des Dritten Reiches beschäftigt hat, heute dieses Ereignis ein?

    Dieses Ereignis schätze ich heute nicht anders ein als vor zehn, 20 oder 30 Jahren. Das war eines der erklärten Hauptziele des nationalsozialistischen Deutschlands: die Sowjetunion anzugreifen, zu besiegen, zu zerstören und ihre Ressourcen als sogenannten „Lebensraum“, als Materialreservoir, als Reservoir von Arbeitskräften für das Deutsche Reich zu nutzen.

    Der Krieg bis zum 8. Mai 1945 forderte allein auf sowjetischer Seite 27 Millionen Tote. Was ist zu den menschlichen und materiellen Folgen bekannt und gibt es dazu neue Erkenntnisse?

    Die Unzahl der Opfer zeigt, dass die Sowjetunion Hauptleidtragende des nationalsozialistischen Krieges war. Es ging ja nicht nur um das Territorium. Es war auch ein Krieg der Weltanschauungen und ein Rassekrieg. Die Sowjetunion hatte die größten Opfer zu beklagen, was Menschen, was die Verwüstung und Ausplünderung des Landes anlangte.

    Zu den Folgen des Überfalls und des Krieges gehören nicht nur die direkten Verluste, Opfer und Zerstörungen, sondern auch politische Folgen wie die deutsche Teilung, die Besetzung Österreichs und so weiter. Das wird oft weggelassen. Wie sehen Sie das? Sie haben gerade erst ein Buch über die Ursachen der deutschen Teilung veröffentlicht.

    Ich wüsste nicht, wer heute noch im Jahre 2018 die Folgen und Wirkungen ignorieren könnte oder wollte. Die deutsche Teilung war natürlich eine mittelbare Folge des Überfalls auf die Sowjetunion und das ist schon seit langer Zeit im allgemeinen Bewusstsein verankert.

    Wie wirkt dieser Krieg heute noch nach, im Bewusstsein der Menschen im Westen und in Russland? Dr. Jörg Morré, Direktor des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, hat auf mangelndes Interesse für den 22. Juni in Deutschland hingewiesen. Wie sehen Sie das?

    Da hat der Kollege Morré sicherlich Recht. Die deutsche Wahrnehmung des Überfalls auf die Sowjetunion ist natürlich eine ganz andere als die russische. Oder die ukrainische Sicht oder die weißrussische oder die der Menschen im Baltikum. Für viele Deutsche scheint sich durch das Verhalten Sowjet-Russlands – zuerst Stalins, dann seiner Nachfolger – die Berechtigung des Überfalls zu beweisen. Damit hat man sich auch über die Schuld und über Gefühle der Scham hinweggesetzt.

    Man hat zum einen die rassenideologische Komponente ganz verdrängt und die politische Komponente hat man sublimiert, indem man sagte: „Der Bolschewismus war ja eine Bedrohung des Weltfriedens.“ Und deshalb war der Krieg gegen die Sowjetunion, wenn nicht gerechtfertigt, so doch notwendig oder unabwendbar. Die Tatsache, dass der Überfall vom Deutschen Reich ausging und nicht von der Sowjetunion, haben viele Deutsche nicht wahrnehmen wollen. Das war auch psychologisch ein ganz wunder Punkt für diejenigen, die Angehörige im Krieg verloren hatten. Man wollte nicht, dass der Vater, der Sohn oder der Onkel in einem ungerechtfertigten, rassenideologisch und politisch-ideologisch bösen Krieg zu Grunde ging. Man hat also versucht, nachträglich noch ein wenig Sinn zu stiften. Oder zumindest zu verdrängen oder zu vergessen.

    Welche Lehre lässt sich aus dem damaligen Ereignis erziehen, angesichts heutiger zunehmender Konfrontation zwischen dem Westen und Russland? Was bedeutet die Tatsache, dass wieder deutsche Soldaten und Waffen mit dem Balkenkreuz etwa 150 Kilometer vor St. Petersburg, dem früheren Leningrad, stehen?

    Man zieht überhaupt keine Lehren aus der Geschichte. Das ist das Unglück eines alten Historikers, der seine Berufswahl getroffen hat, in der Hoffnung, dass die Menschheit schlauer wird – wenn sie den Blick zurückwendet, wenn sie Fehler nicht wiederholt, wenn sie einmal begangen wurden.

    Ob es nun wirklich solch eine Katastrophe ist, dass deutsche Soldaten im Rahmen der Nato in der Nähe Russlands stehen? Nun ja, schließlich arbeiten – trotz aller Schwierigkeiten und Probleme, die es derzeit wegen Versäumnissen auf beiden Seiten gibt – die Nato und die russische Armee in manchen Bereichen zusammen. Sie stehen sich nicht feindlich gegenüber. Insofern ist der Vergleich zwischen Leningrad 1941 und Sankt Petersburg 2018 nicht ganz zutreffend.

    Das  komplette Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Benz zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    22. Juni 1941: Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion (5)
    Tags:
    Überfall, Geschichte, Spaltung, Teilung, Historiker, Faschismus, Der Zweite Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Wolfang Benz, UdSSR, Drittes Reich, Sowjetunion, Deutschland