11:58 17 Juli 2018
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    Flüchtlinge verlassen die syrische Stadt Dael

    Über die Lage in Syrien und die Schwierigkeiten eines objektiven Bildes

    © REUTERS / Alaa Al-Faqir
    Politik
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    Tilo Gräser
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    Seit sieben Jahren herrscht Krieg und Zerstörung in Syrien. Noch ist die Hoffnung auf Frieden nicht gestorben. Sie erhält weiter Nahrung. Das Land läuft aber Gefahr, wegen der Interessen innerer und äußerer Akteure gespalten zu werden. Darüber haben am Donnerstag in Berlin zwei Journalisten gesprochen, die in Syrien Unterschiedliches gesehen haben.

    Um es vorweg zu sagen: Dies ist ein durchaus subjektiver Bericht, orientiert an der Frage, ob ein annähernd objektives Bild über die Konflikte und den Krieg in Syrien möglich ist. Wie schwierig das ist, zeigte am Donnerstag eine Veranstaltung in Berlin, in der es um die Lage in dem Land nach sieben Jahren Krieg ging. In der „Ladengalerie“ der Tageszeitung „junge Welt“ diskutierten die Journalistin Karin Leukefeld und der Zeitungsmitarbeiter und Aktivist Peter Schaber über das Thema – beziehungsweise versuchten sie es.

    Leukefeld, die als eine der wenigen westlichen Journalisten seit vielen Jahren aus Syrien und der Region des Nahen Ostens berichtet, wurde dem Anspruch, objektiv zu sein, gerechter als Schaber. Ihr gehe es als Korrespondentin auch um unterschiedliche Sichtweisen, sagte sie. Ihr Mitdiskutant hatte gleich zu Beginn gesagt, dass er nicht als Journalist auf dem Podium sitze, sondern als Aktivist, der mehrere Monate bei den Kurden in Syrien und deren Kampftruppen war. Es gebe keinen objektiven Journalismus, betonte der selbstbekennende „Kommunist“.

    Wer wen als Projektionsfläche benutzt

    Schaber zeigte im Laufe des Abends, mit Unterstützung aus dem Publikum, wie einseitig er die Geschehnisse und Entwicklung in Syrien sieht. Er warf Leukefeld unter anderem „totale Vereinfachung“ vor: Sie übernehme die Sicht der Regierung in Damaskus, wenn es um die Lage der Kurden gehe. Das hatte sie aber gar nicht getan, sondern nur darauf aufmerksam gemacht, dass es in Syrien um mehr als nur die Kurden und um mehrere Sichten aufgrund verschiedener Interessen geht.

    Der Aktivist hielt Leukefeld und anderen vor, sie würden auf Syriens Präsident Bashar al-Assad und das russische Vorgehen Vorstellungen vom „starken Staat“ projizieren, der solche Konflikte lösen könne. Dabei gaben er und seine Unterstützer ein Beispiel, wie selbsternannte Linke hierzulande ihre Hoffnungen auf eine Revolution und den Kampf für Sozialismus gegenwärtig auf die kurdischen Autonomiebestrebungen in Syrien und dem Irak projizieren.

    Es gehe darum, die „Linke neu aufzustellen“, erklärte Schaber. Dabei könne die eingeforderte Solidarität mit den Kurden helfen. Aus Sicht des Aktivisten geht es um nicht weniger als ein „anderes Syrien, das im Wesentlichen ein demokratisches, sozialistisches Syrien ist“.

    Wer welche Informationen weglässt

    Wie einseitig selbsternannte linke Kurdenfreunde auf den Konflikt in dem Land schauen, zeigte sich beispielsweise, als Schaber erklärte, Russland habe der Türkei freie Hand gelassen, die Stadt Afrin von den Kurden zu erobern und zu besetzen. Rational könne er das verstehen. Es zeige aber auch, wie brüchig die Bündnisse der verschiedenen Kräfte im Syrien-Konflikt seien.

    Nahost-Korrespondentin Leukefeld, die auch für Sputnik berichtet, erinnerte an die „Geschichte vor der Geschichte“ im Fall Afrin. Sie forderte dazu auf, genauer hinzusehen, wenn es um die Lage in Syrien geht. Das war zwar an die deutschen Medien gerichtet, gilt aber genauso für jene, die die Kurden für die neuen revolutionären Lichtgestalten halten.

    „Die Russen haben eigentlich für die Kurden viel getan“, berichtete Leukefeld. Sie seien mehrfach für sie eingetreten, auch bei den internationalen Gesprächen in Genf, und hätten immer zwischen Damaskus und der kurdischen Seite vermittelt. Als die türkischen Pläne, die kurdischen Gebiete in Nordsyrien anzugreifen und zu übernehmen, klar waren, habe Moskau mit den Kurden gesprochen. Sie sollten die syrische Armee nach Afrin und an die Grenze zur Türkei vorrücken lassen. Das sei aber von der kurdischen Seite abgelehnt worden, erinnerte Leukefeld, die selber im Januar in Afrin war. „Die Türkei wäre nicht einmarschiert, wenn es dort die syrische Präsenz mit russischer Unterstützung gegeben hätte.“

    Wer wen mit Propaganda beeinflusst

    Die erfahrene Journalistin erlebte so, wie selbst auf Seiten der Linken funktioniert, was sie den westlichen Medien vorwarf: Der einseitige Blick auf das Geschehen in Syrien und das Weglassen von Informationen und Zusammenhängen. Sie bedauerte, dass das über die vielen Jahre nicht ohne Wirkung in den Köpfen der Menschen bleibe. Sie habe es in Syrien selbst erlebt, dessen Gesellschaft inzwischen durch die dauerhafte Propaganda der Assad-Gegner von innen und außen gespalten sei. Sie berichtete unter anderem von abfälligen Äußerungen mancher Gesprächspartner vor Ort, auch von Kurden, über andere Bevölkerungsgruppen, die sie vor dem Krieg nicht erlebt habe.

    Leukefeld gab auf der Veranstaltung, die Arnold Schölzel von der „junge Welt“-Redaktion moderierte, einen Überblick über die aktuelle Situation in Syrien, und wie diese sich seit 2011 entwickelte. Ebenso stellte sie die Interessen der verschiedenen externen Akteure dar. Die Lage habe sich, nachdem Ost-Aleppo und Ost-Ghuta befreit werden konnten, weiter beruhigt, ohne dass der Krieg schon zu Ende sei. Die syrische Armee rücke nach Südwesten vor, wo die dort verbliebenen Islamisten vor der Wahl stünden, aufzugeben oder bekämpft zu werden.

    Wer welche Rolle spielt

    Die Staaten Israel und USA würden dafür sorgen, dass Syrien absehbar nicht zur Ruhe kommen könne. Neben US-Einheiten etwa in der völkerrechtswidrig betriebenen Basis Al-Tanf gebe es ebenso italienische und französische Einheiten innerhalb der US-geführten Anti-IS-Koalition. Leukefeld sprach von Informationen, dass auch deutsche Soldaten vor Ort seien, was von Berlin offiziell bestritten werde.

    Soldaten der israelischen Armee auf den Golanhöhen (Archivbild)
    © AFP 2018 / Jalaa Marey

    Washington und seinen Verbündeten, auch Israel, gehe es darum, Syrien und Russland zu schwächen sowie den Einfluss des Iran und selbst den Chinas in der Region einzudämmen. Deshalb sei die Basis Al-Tanf so wichtig, weil sie an einem wichtigen und kurzen Verbindungsweg zwischen den Ländern liege. Die Korrespondentin erinnerte daran, dass die USA den Ort übernahmen, nachdem er zuvor unter Kontrolle der „Freien Syrischen Armee“ (FSA), dann der Al-Nusra-Front und später des „Islamischen Staates“ (IS) stand. „Wer arbeitet denn da mit wem zusammen?“, fragte sie.

    In der Basis würden die US-Streitkräfte neue syrische Militär-Einheiten ausbilden, welche gemeinsam mit den „Syrischen Demokratischen Kräften“ (SDF) das Gebiet östlich des Euphrat für US-Interessen gegen die reguläre syrische Armee sichern sollen. Zugleich sei der Armee Syriens bewusst, dass sie sich nicht mit den US-Kräften anlegen könne, gab Leukefeld die Einschätzung von Militärs wieder.

    Wem was auf Dauer helfen könnte

    Die Journalistin ging unter anderem auf die Lage der Palästinenser in Syrien ein, denen es dort vor dem Krieg am besten gegangen sei. Nun sei ihre Situation „eine Katastrophe“ und nicht klar, was aus ihnen wird. Durch den Krieg seit 2011 sei vieles in Syrien zerstört worden, nicht nur materiell. Dazu zählten auch die Vielfalt der Gesellschaft, deren Unterschiede ihren Reichtum ausgemacht hätten, und der Umgang der verschiedenen Volks- und Religionsgruppen miteinander.

    In dem Land werde von vielen eine Spaltung befürchtet, weil jede der Gruppen in dem Konflikt nur noch ihre eigenen Ziele verfolge. Vielen sei bewusst, dass es für Syrien zuerst darum gehe, den Frieden zurückzugewinnen, berichtete Leukefeld. Zusammenzuarbeiten sei der Weg in die Zukunft. Sie bedauerte, dass in deutschen Medien nicht über die zahlreichen Versöhnungskomitees vor Ort berichtet werde. Das gelte ebenfalls für die seit Mai 2011 geltenden und erneuerten EU-Sanktionen gegen Syrien und deren deutliche Folgen für die Menschen.

    Es sei noch einmal betont, dass selbst dieser Bericht kein vollständiges und objektives Bild der mehr als zweistündigen Veranstaltung einschließlich der Publikumsdiskussion geben kann. Es können nur in Ausschnitten die verschiedenen Sichtweisen gezeigt werden. Sich selbst ein Bild machen, das ist die eine Alternative, um nicht allein auf das angewiesen zu sein, was einzelne Journalisten und Medien vermitteln. Die andere ist, jenen, die als unabhängige Journalisten wie Karin Leukefeld seit Jahren vor Ort berichten, eine umfassende Perspektive zuzutrauen und ihnen zu vertrauen, wenn sie Informationen, Entwicklungen und Zusammenhänge zusammenfassen.

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    Tags:
    Anti-IS-Koalition, Krieg, Demokratische Kräfte Syriens (SDF), Freie Syrische Armee (FSA), Al Nusra-Front, Uno, Karin Leukefeld, Baschar al-Assad, At-Tanf, Ghuta, Damaskus, Jordanien, Israel, Palästina, Iran, Großbritannien, Syrien, USA, Frankreich, Russland
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