10:24 20 Juli 2018
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    Aktivisten forderten Ende der Nato-Truppentransporte

    Erinnerung an den Überfall vor 77 Jahren und Nein zur Hetze gegen Russland

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    Tilo Gräser
    22. Juni 1941: Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion (5)
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    Mit einer Kundgebung hat die Friedensbewegung am Freitag in der deutschen Hauptstadt an den 77. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion erinnert. Dabei haben Sänger und Redner an den Krieg und die damaligen Lügen über die „Gefahr aus dem Osten“ erinnert sowie vor den Folgen der heutigen Lügen gegen Russland gewarnt.

    „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“ Diese Frage des Dichters Jewgenij Jewtuschenko ist in letzter Zeit immer wieder zu lesen und zu hören. So am Freitagabend an der „Neuen Wache“ Unter den Linden in Berlin. Die Sängerin Gina Pietsch stellte die Frage als Lied – auf einer Kundgebung der Friedenskoordination (Friko) Berlin. Mit dieser wurde an den 77. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 erinnert.

    Sängerin Gina Pietsch auf der kleinen Bühne, links Bruno Mahlow
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    Sängerin Gina Pietsch auf der kleinen Bühne, links Bruno Mahlow
    „Hetze gegen Russland – Nicht in unseren Namen!“ war das Motto der Kundgebung, zu der mit Anzeigen in Zeitungen aufgerufen worden war. Während Unter den Linden die Touristen vorbeiliefen, hatten sich nach Angaben der Veranstalter etwa 200 Teilnehmende eingefunden.

    Sie trugen Transparente, die sich gegen Faschismus und Krieg wandten. Andere dankten Russland als Nachfolger der Sowjetunion für den Sieg über den Faschismus. Mit einem Banner forderte eine Gruppe auf, die Nato-Truppentransporte nach Osten zu stoppen. Plakate forderten ein Ende der Nato- und US-Manöver an der russischen Grenze.

    „Schreckliche Parallelen“

    Jutta Kausch von der Friko Berlin erklärte: „Wir sind heute hier am 22. Juni 2018: Vor 77 Jahren überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Damals begann alles mit Lügen und Stimmungsmache. Die Menschen wurden reif gemacht, die damalige Sowjetunion zu verteufeln. Die Sowjetunion wurde diskreditiert und mit Lügen überzogen. Wenn man heute betrachtet, was in unseren Medien ausgegossen wird, dann gibt es dort schreckliche Parallelen. Wir haben gedacht, wie können den 77. Jahrestag des Überfalls nicht einfach ad acta legen.“

    Bruno Mahlow ist Sohn deutscher Antifaschisten, die 1931 in die Sowjetunion emigrierten. Er wurde in Moskau geboren, kam 1947 in die DDR, war für diese Diplomat und bei deren Untergang Leiter der internationalen Abteilung des Zentralkomitees (ZK) der SED. Sichtlich bewegt wandte er sich auf der Kundgebung gegen die Hetze gegen Russland und seine Völker sowie Kriegsvorbereitung auf deutschem Boden. „Hut ab vor den Brandenburgern, die sich gegen die Transporte von Waffen über deutsches Territorium an die Grenzen Russlands gewendet haben“, rief Mahlow aus. „Mögen diesem Beispiel viele nachfolgen!“

    Bruno Mahlow auf der Kundgebung
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    Bruno Mahlow auf der Kundgebung
    Aufruf an die Mütter

    Er erinnerte sich daran, wie er als vierjähriges Kind 1941 den Überfall mitbekam und was er danach in der Sowjetunion erlebte. Viele Sowjetbürger hätten damals gedacht: „Das kann doch nicht sein, dass das Volk der Dichter und Denker, dass die starke deutsche Arbeiterbewegung das zulässt! Leider wurden aus dieser Hoffnung über vier Jahre Kriegsgeschehen. 27 Millionen tote Sowjetbürger, darunter der größte Teil Zivilbevölkerung.“

    Mahlow berichtete von einem Erlebnis als Kind, als er mit seiner Familie bei der Evakuierung von Moskau ein Verwundeten-Lazarett sah.

    „Auch wenn ich noch klein war, das Wort ‚Mama‘ war für mich ein Begriff. Ein sehr zu Herzen gehender. Und die Verwundeten hörte ich rufen, vor Schmerzen: ‚Mama!‘ Es drängt mich deshalb dazu, dass unsere deutschen Mütter eingedenk der Zeile ‚Nie soll eine Mutter mehr ihren Sohn beweinen!‘ ihre Stimme erheben gegen die Kriegsministerin und selbst Mutter vieler Kinder von der Leyen.“

    Aufrüstung mit Lügen

    Lühr Henken vom „Bundesausschuss Friedensratschlag“ hob auf der Kundgebung hervor: „Es ist kaum vorstellbar und öffentlich wenig bekannt, dass die USA bereits ein Vierteljahr nach den verheerenden Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki eine nukleare Aufrüstung begannen, die sich gegen die Sowjetunion richtete. ‚Atombombenziel Sowjetunion‘ hieß der Geheimplan von November 1945.“ Henken beschrieb mit Zahlen und Fakten, wie das siegreiche, aber vom Krieg geschundene Land ins Visier der US-Atomwaffen genommen wurde, mit bis zu 20.000 Zielen.

    Diese Pläne der USA seien bis zum Ende der Sowjetunion nicht aufgegeben worden, erinnerte der Friedensaktivist. Das sei immer wieder mit dem „Schutz vor einem sowjetischen Angriff“ begründet worden. „Diese Behauptung war allerdings eine Erfindung“, stellte Henken klar und verwies auf entsprechende bestätigende Aussagen aus US-Dokumenten und von US-Politikern. Vier von ihnen hätten in den 1980er Jahren klargestellt, dass es in der Sowjetunion keine Neigung gab, „eine militärische Überlegenheit zu erreichen, um einen Angriffskrieg zu führen oder eine Weltrevolution auszulösen, noch habe es sowjetische Invasions- oder atomare Erstschlagspläne gegeben. Vielmehr habe die sowjetische Rüstungen defensiven und abschreckenden Charakter gehabt.“

    Deutsche Mitverantwortung

    Henken erinnerte ebenso daran, wie die USA und die Nato dennoch weiter aufrüsteten und das mit immer neuen Lügen über „Lücken“ bei verschiedenen Waffensystemen und Rüstungsausgaben begründete. Die geschichtlichen Beispiele, die er nannte, klangen wie die heutigen Begründungen für die Aufrüstung gegen Russland. Von Anfang an habe die Bundesrepublik als Mitglied der Nato die volle Mitverantwortung dafür getragen.

    • Lühr Henken erinnerte an alte Lügen gegen die Sowjetunion und warnte vor den neuen gegen Russland
      Lühr Henken erinnerte an alte Lügen gegen die Sowjetunion und warnte vor den neuen gegen Russland
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    • Ein kleines Schild mit gewichtiger Botschaft
      Ein kleines Schild mit gewichtiger Botschaft
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    • Klare Forderungen
      Klare Forderungen
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    • Fahnen neben der „Neuen Wache“
      Fahnen neben der „Neuen Wache“
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    Lühr Henken erinnerte an alte Lügen gegen die Sowjetunion und warnte vor den neuen gegen Russland
    Henken wollte zeigen, dass die Nato „vom ersten Tage ihres Bestehens an ein aggressives Bündnis ist, kein Verteidigungsbündnis, so wie es in den Mitgliedsländern ihr vorherrschendes Image ist“. Er fügte hinzu: „Auch heute gilt: Anknüpfend an die Zeit des Kalten Krieges wird den Russen eine Angriffsabsicht auf Nato-Gebiet unterstellt, gegen die wir uns zu verteidigen hätten. Das ist ein Standardargument, das kaum noch jemand hinterfragt.“

    Aufruf zu Widerstand

    Das sei eigenartig, „weil Fakten auf dem Tisch liegen, die diese Behauptung geradezu als absurd entlarven“, so der Friedensaktivist. Er verwies dabei auf die aktuellen Zahlen des militärischen Kräfteverhältnisses zwischen Nato und Russland zugunsten des westlichen Bündnisses. Henken warnte vor eine „immer gefährlicher werdenden Spirale der Aufrüstung und Eskalation“ sowie vor der Gefahr eines „Krieges aus Versehen“. „Wir sind aufgerufen, unseren Widerstand dagegen zu setzen!“

    Die anwesende Polizei ließ es sich nicht nehmen, Einigen der Teilnehmenden an der Kundgebung das Tragen der mitgebrachten KPD-Fahnen zu untersagen. Das wurde damit begründet, es handele sich um eine verbotene Organisation. Kurze Zeit später wehten diese roten Fahnen aber wieder vor der „Neuen Wache“, neben russischen und solchen der Sowjetunion mit Hammer und Sichel.

     

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    "Plan Barbarossa", Deutschland, Russland
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