17:59 22 Oktober 2018
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    ABC-Einheit deutscher Polizei während der jüngsten Razzia in Köln

    Experte bestätigt wachsende Gefahr von Rizin als Giftwaffe – Fragen zu Köln bleiben

    © AFP 2018 / DPA/ David Young
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    Tilo Gräser
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    Rizin ist hochgiftig, bestätigt der Chemiewaffenexperte Walter Katzung. Deshalb unterliegt es dem internationalen Chemiewaffenübereinkommen und dem deutschen Kriegswaffenkontrollgesetz. Laut dem Experten ist es weniger für Militärs, dafür für Geheimdienste und Giftmörder interessant. Für ihn gibt es Fragen zum verhafteten Tunesier in Köln.

    „Vor Rizinus-Öl muss man grundsätzlich keine Angst haben“, klärte der Chemiewaffenexperte Walter Katzung gegenüber Sputnik auf. Mit Blick auf den Terrorverdacht bei dem am 13. Juni in Köln verhafteten Mann aus Tunesien und bei ihm gefundenen Rizinus-Samen bestätigte Katzung jedoch, dass Rizin hochgiftig sei. Für die tödliche Wirkung würden Dosen schon im Bereich von Mikrogramm je Kilogramm Körpermasse ausreichen, je nachdem, wie es den Opfern verabreicht werde.

    Das früher oft als Abführmittel benutzte und industriell immer noch sehr gefragte Rizinus-Öl sei ungefährlich, weil es kalt gepresst werde. Die beim Pressen entstehenden Rückstände, der sogenannte Presskuchen, seien dagegen hochgiftig, weil darin das Rizin zurückbleibt. Deshalb müssten sie als Sondermüll behandelt werden.

    Natürlicher Ausgangsstoff

    Es ist erstaunlich, dass es bisher nur wenige folgenhafte Anschlagsversuche mit Rizin gab, bestätigte Katzung. Die hohe Wirkung des Giftes führte nach seinen Worten dazu, dass Herstellung, Besitz und Umgang mit Rizin in jeglicher Form, nicht nur als Reinsubstanz, nach dem Chemiewaffenübereinkommen vom 19. April 1997 stark eingeschränkt und nur für forschungsbezogene, medizinische und pharmazeutische Arbeiten mit entsprechender Genehmigung erlaubt ist. Rizin ist außerdem in der Kriegswaffenliste (Anlage zu § 1 Abs. 1 des Kriegswaffenkontrollgesetzes) unter Punkt II, Biologische Waffen, aufgeführt. Laut Katzung übersteigt es, über die Atemorgane aufgenommen, die Giftigkeit zum Beispiel des Nervenkampfstoffes Sarin.

    „Die allgemeine Verfügbarkeit der Pflanze Ricinus communis, die das Toxin produziert, macht Rizin trotz seiner im Vergleich zu Botulinum- oder Shiga-Toxin geringeren Toxizität zu einem potenziellen biologischen Kampfstoff“, erklärt das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin auf seiner Website.

    Eigentlich gehört das Gift Rizin laut Katzung zu den chemischen Kampfstoffen. Weil es aber aus Pflanzen gewonnen wird, werde es immer wieder als „Biowaffe“ bezeichnet. Biologische Waffen oder Kampfmittel seien solche, die sich selbst reproduzieren und Infektionen auslösen können, zum Beispiel Viren oder Bakterien, was bei Rizin nicht der Fall ist.

    Begrenzte Waffenfähigkeit

    Das Gift kann mit der Nahrung aufgenommen, mit einer Spritze verabreicht oder als Aerosol über die Luft eingeatmet werden. Letzteres sei am gefährlichsten und mache es für den Einsatz als Kampfstoff interessant, erklärte der Experte. Es könne ebenfalls mit Hilfe von Sprengladungen mit zugemischten Metallteilen schrapnellähnlich angewandt werden, so Katzung. Dabei würden die mit dem Gift imprägnierten Nägel oder ähnliches verteilt. Über die Wunden der Opfer könne das Rizin in deren Blut gelangen. Das scheine bei dem Fall in Köln geplant gewesen zu sein.

    Dr. Walter Katzung bei einem Vortrag in Berlin
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Dr. Walter Katzung bei einem Vortrag in Berlin

    Das Gift sei im Ersten Weltkrieg von den USA sowie vor und im Zweiten Weltkrieg von mehreren Ländern in flüssiger und Pulverform auf seine Waffentauglichkeit getestet worden. Katzung hatte bereits in einem Vortrag 1981 während eines internationalen Symposiums an der Humboldt-Universität zu Berlin darauf hingewiesen. Großbritannien habe im Zweiten Weltkrieg Rizin „im Tonnen-Maßstab“ hergestellt und eingelagert („Agent W“), erklärte er gegenüber Sputnik. Als Gefechtskampfstoff hatte es aber wegen seiner ungenügenden militärisch-taktischen Eigenschaften (zu geringe Mengen, schwierig zu versprühen u.a.) keine Bedeutung. Außerdem gab es inzwischen neuere Entwicklungen bei den chemisch herstellbaren Kampfstoffen.

    Ideales Anschlagsmittel

    Rizin sei aber ein ideales Sabotage- und Terrorgift, bevorzugt für Einzelziele, und dabei für den „normalen Giftmörder“ ebenso interessant wie für Geheimdienste. Letztere könnten es in sogenannten Hybrid-Toxinen einsetzen, die als unbekannte Gifte zunächst nicht nachweisbar seien. Auch darauf habe Katzung bereits 1981 bereits hingewiesen, was aber angezweifelt worden sei, weil der Einsatz von Rizin damals kaum bekannt war. Kurze Zeit später sei das Gift in einer Ampulle bei einem Palästinenser gefunden worden, was zu erhöhter Aufmerksamkeit bei den Sicherheitsorganen der DDR führte. Der sowjetische Geheimdienst KGB unter Lawrentij Berija habe in den 1930er Jahren damit experimentiert („Labor 15“), auch an zum Tode Verurteilten, was aber nach Berijas Sturz gestoppt worden sei.

    Bisher sei nur ein Rizin-Anschlag mit tödlichem Ausgang bekannt: der Fall des Bulgaren Markow im Jahr 1978, der sogenannte „Regenschirm-Mord“ – das Rizin stammte vom KGB. Ein zweiter Versuch im selben Zeitraum, ebenfalls vom damaligen bulgarischen Geheimdienst ausgeführt, sei missglückt: Das Opfer habe überlebt. Es habe aber in den 1990er Jahren und danach mehrere entsprechende terroristisch motivierte Anschlagsversuche in den USA und Großbritannien gegeben, berichtete Katzung. Die Täter seien jedoch bei den Vorbereitungen entdeckt und verhaftet worden.

    Begründete Zweifel

    Meldungen zufolge stammen die Hinweise auf den Tunesier in Köln und auf seine Pläne vom US-Geheimdienst CIA sowie von Bürgern aus der Nachbarschaft des Verhafteten. Der medizinische Dienst der US-Army habe sich intensiv mit Rizin und der Suche nach Gegenmitteln, den Vakzinen, beschäftigt, so der Experte. Inzwischen gebe es solche Mittel, die prophylaktisch eingesetzt würden.

    Katzung bestätigte, dass das Gift mit einfachsten Mitteln „in jeder Küche“ in Rohform aus den Rizinus-Samen gewonnen werden könne. Das wurde im Zusammenhang mit dem Fall in Köln gemeldet. Dass der Tunesier laut den Berichten mehrere Tausend Rizinus-Samen bestellt habe, habe auf ihn aufmerksam gemacht. Soviel brauche niemand, der die Pflanze in seinem Garten anbauen wolle, meinte der Experte.

    Er wies aber ebenso darauf hin, dass die offenen Online-Bestellungen Zweifel an seinen terroristischen Fähigkeiten aufkommen ließen, und stellte die Frage, ob es gar so offen ablaufen sollte. Die nebulösen Vorgänge im Umfeld der NSU- und Amri-Fälle und sicherheitspolitische Interessen geben aus seiner Sicht Anlass zu solchen Fragen – auch zu der, wem so etwas nützt.

    Katzung verwies darauf, dass im Internet in den USA Broschüren bestellbar seien, in denen die Rizin-Herstellung beschrieben wird. Zudem produziere die Texas Tech University (TTU) nach Pressemitteilungen Rizin, „angeblich für Zwecke pharmazeutischer Forschung“. Das sei möglich und nach internationalen Regeln gestattet. Doch die US-Universität habe eine Rizinus-Pflanze mit besonders hohem Rizin-Gehalt gezüchtet. „Sie produzieren solch große Mengen, dass verdächtig ist, wofür eine Universität diese für Forschungszwecke braucht.“ Die TTU werde vom US-Militär gefördert, fügte Katzung hinzu. Vom militärischen Interesse zeuge auch das eigene Kapitel zu Rizin im militärmedizinischen Handbuch der US-Armee. Das habe vor allem mit dem weltweiten Einsatz von US-Soldaten zu tun, um deren Schutz es gehe.

    Wachsende Anschlagsgefahr

    Auf die online zugänglichen Informationen, wie Rizin hergestellt werden kann, stützt sich laut Katzung auch ein Al-Qaida-Handbuch mit entsprechenden Hinweisen. Der Chemiewaffenexperte verwies mit Blick auf den Fall in Köln auf das Interview des Senders Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) mit BKA-Präsident Holger Münch am 20. Juni. Der sprach dabei von „ganz konkreten Vorbereitungen“ zu einem Anschlag mit Rizin, „ein in Deutschland einmaliger Vorgang“. Der tunesische Mann habe bereits damit begonnen, Rizin herzustellen. Etwa 85 Milligramm des Giftes sind Meldungen zufolge vorgefunden worden. Außerdem habe man die Utensilien für die Herstellung eines Sprengsatzes gefunden. „Welches konkrete Tatziel in den Blick genommen wurde, das wissen wir noch nicht“, so Münch gegenüber dem rbb.

    An diesen Aussagen habe er keine Zweifel, so Katzung dazu, während die ersten Informationen zu dem Kölner Fall verwirrend gewesen seien. Der Chemiewaffenexperte sieht eine zunehmende Gefahr eines solchen Anschlags auch in Deutschland. Er erinnerte an die entsprechenden Versuche dazu in den USA und Großbritannien ab den späten 1990er Jahren. Solche Terrorismus-Formen seien bisher im deutschen Raum nicht übernommen worden. Die Warnung des Generalbundesanwaltes vor solchen Anschlägen sieht er als berechtigt an. Sie gelte für verschiedene Gifte aus hier wachsenden Pflanzen, sagte Katzung mit Blick auf mögliche Nachahmer.

    Dr. Walter Katzung war im Bereich Militärchemie für die Sicherheitsorgane der DDR und später als Toxikologe und wissenschaftlicher Oberassistent an der Humboldt-Universität zu Berlin, Kriminalistik/Bereich Forensische Chemie, tätig. Nach der politischen Wende 1989/90 arbeitete er unter anderem als Toxikologe und Projektleiter im Bereich Chemiewaffen in einer Kampfmittelfirma. Katzung wurde von nationalen Behörden und von internationalen Organisationen auch als Chemiewaffenexperte angefragt (u.a. Britische Streitkräfte und Chemiewaffenvernichtung in Russland). Aus diesen Tätigkeiten und durch die aktive Teilnahme an vielen internationalen Kongressen und Symposien zur Thematik Chemiewaffen und Antiterror haben sich nach seinen Worten zahlreiche internationale Kontakte ergeben, die bis heute anhalten.

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    Tags:
    Terrorismus, Terror, Spionage, Kampfstoffe, Nervengift, Militarismus, Krieg, Militär, Chemiewaffenkonvention, Giftgas, Attentat, Agent, Spion, Chemiewaffen, Gift, Bundeskriminalamt (BKA), NSU, CIA, KGB, Walter Katzung, Holger Münch, Anis Amri, Moskau, USA, England, Sowjetunion, Köln, Deutschland