12:54 17 Oktober 2018
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    Iranische Fans während des WM-Spiels in Kasan

    Nach geplatztem Atomabkommen: Wohin steuert Iran? Und wo steht Russland als Partner?

    © Sputnik / Maxim Bogodwid
    Politik
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    Alexander Boos
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    „Der Iran – von Innen und Außen betrachtet“ hieß eine Veranstaltung in der Berliner „Urania“. Dort sprach Cornelius Adebahr, politischer Analytiker, der selbst jahrelang in dem Land gelebt hatte. „USA beleben alte Iran-Feindschaft“, sagt er im Sputnik-Interview. „Russland braucht Iran in Syrien. Und der Fußball ist für die Leute immens wichtig.“

    „Stellen Sie sich das mal vor: Weltstar Cristiano Ronaldo verschießt einen Elfmeter im Spiel Iran gegen Portugal“, sagte Cornelius Adebahr, politischer Analytiker und Berater, während seiner Rede zum Iran. Da das Land auch ein WM-Team in Russland stellte, verzierte er seine politische Analyse mit schönen Fußball-Anekdoten. „Ronaldo schießt, der Ball wird gehalten von Alireza Beiranvand, dem iranischen Torwart. Der wuchs als Nomade in der Wüste im Iran auf. Und hält jetzt seinen Kasten bei der WM gegen den Superstar sauber. Was für eine Sensation! Was für eine Freude bei den Iranern!“ Diese Worte sprach er zu Beginn der Veranstaltung in der Berliner Urania am vergangenen Mittwochabend. Der Politik-Experte lebte mit seiner Familie und Frau, einer Diplomatin im Auswärtigen Amt, selbst zwei Jahre lang im Iran.

    „Bis Anfang des Jahres waren Russland, die Europäer und die USA Unterstützter des Atomabkommens“, erklärte Adebahr im Anschluss gegenüber Sputnik. „Seit dem Kurswechsel in Washington formiert sich das jetzt neu. Für die Amerikaner ist das, was sie schon traditionell als eine Feindschaft zum Iran gesehen haben – worüber auch das Atomabkommen nicht hinwegtäuschen konnte – jetzt zentraler Bestandteil der Iran-Politik.“ Er spielte damit auf die konfliktbeladene Geschichte der USA zum Iran an. So auch auf die „Islamische Revolution“ von 1979, die das zuvor pro-westlich orientierte persische Land in die „Islamische Republik Iran“ verwandelte. Damit war für die USA ein wichtiger Stützpfeiler im Nahen Osten und in der Region am Golf weggebrochen.

    Washington plant Öl-Embargo für Iran

    Die Trump-Administration verlangte nach Angaben der „Wiener Zeitung“ am Dienstag einen „weltweiten Import-Stopp für iranisches Öl“. Nach dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen im Mai sei das „ein weiterer Schlag“ gegen die iranische Führung.

    Für die EU-Staaten ist laut dem Iran-Experten auch wirtschaftliche Kooperation mit dem persischen Land „Teil des Abkommens. Das war gewissermaßen das Entgegenkommen an Iran, dass man eine wirtschaftliche Öffnung betreibt. Die Europäer halten weiterhin am Abkommen und an der Öffnung des Landes fest.“

    Verhältnis Teherans zu Russland

    Russland habe durch den Konflikt in Syrien und durch die Zusammenarbeit mit dem Iran dort „einfach noch mal ein eigenes Gewicht bekommen“, was sich aber nicht im wirtschaftlichen Bereich widerspiegele.

    Die ökonomische Kooperation mit dem Iran war „auf russischer Seite weitaus weniger wichtig. Da ging es zum Teil um Nuklear-Kooperation oder eben Waffen-Exporte.“ Das iranisch-russische Verhältnis sei auch geprägt durch den außenpolitischen Wunsch der Iraner, eigenständig auf der internationalen Bühne zu handeln. „Sich an niemanden, an keine große Macht anlehnen zu müssen.“

    Früher: „Weder Ost noch West“ – und heute?

    „Geschichtsbewusste Iraner erinnern sich daran, dass die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg Teile des Landes besetzt gehalten hatte. Ich denke, zentral ist der Wunsch der Iraner, autonom, unabhängig zu handeln und eine eigenständige Macht im internationalen Gefüge zu sein.“ Zur Zeit des Kalten Kriegs galt Teheran als führende Kraft in den „Blockfreien Staaten.“ Iran gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern des losen Staatenbunds auf der „Konferenz von Bandung“ 1955. Die im Bündnis befindlichen Regierungen hatten sich damals zum Ziel gesetzt, außenpolitisch und diplomatisch „weder nach Ost noch West“ zu schielen.

    Dieses Motto habe sich „mittlerweile aufgeweicht. Weil die Ost-West-Konfrontation nicht mehr so groß ist.“ Aber „im Gedächtnis“ sei das in Teheran noch sehr präsent, so der Experte für Internationale Beziehungen. Eine zentrale außenpolitische Linie sei das aber für die Islamische Republik nicht mehr. Zuletzt führte der Iran 2016 den Vorsitz der „Bewegung der Blockfreien Staaten.“

    „Iraner sind stolz auf ihr WM-Team – trotz des frühen Aus“

    Trotz des Vorrunden-Aus der iranischen Fußballnationalmannschaft seien die Iraner „stolz auf ihr Team. Der Fußball ist überraschend wichtig für das Land“, sagte Adebahr. „Er ist ein einigendes Element für viele Iraner. Gerade für Iraner, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht in ihrem Heimatland leben. Es ist auch eine Möglichkeit des Ausdrucks von Weltlichkeit und Weltverbundenheit, gegenüber einem religiösen Regime, das auf Abgrenzung setzt. Man kann so Weltlichkeit demonstrieren, ohne politisch irgendwelche Slogans rufen zu müssen.“ Fußball habe eine politische Dimension in dem Land.

    „Die relativ junge iranische Frauen-Fußballnationalmannschaft hat ihr erstes Test-Spiel überhaupt gegen eine Berliner Frauen-Mannschaft bestritten. Es gab ein Frauen-Team eines Kreuzberger Fußball-Vereins, das bewusst in den Iran gereist ist. Die hatten davon gehört, dass es die iranische Nationalmannschaft gibt, diese aber keine Spiele macht, weil sie nicht reisen kann. Darüber wurde auch ein Dokumentarfilm gedreht.“

    Die Rolle der Frau sei im Iran aus religiösen wie politischen Gründen immer noch problematisch, so der Experte. Doch der Frauen-Fußball sei auf dem Vormarsch in Persien. Ein fortschrittliches Zeichen, auch wenn manchmal iranische Sportlerinnen aus gesellschaftlich-religiösen Gründen nicht ins Ausland zu dortigen Wettkämpfen reisen dürfen.

    Das komplette Interview mit Dr. Cornelius Adebahr zum Nachhören:

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    Tags:
    Blockfreie Länder, Republik, Revolution, Islam, Fußball, Atomdeal, Atomabkommen, Fußball-WM, NATO, EU, Cornelius Adebahr, Sowjetunion, Deutschland, USA, Iran