05:48 24 Oktober 2018
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    Gelöscht: Unabhängigkeitserklärung der USA verstößt gegen Facebook-Regeln

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    Politik
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    Andreas Peter
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    Die intransparenten Algorithmen des Sozialnetzwerkes Facebook haben nun auch die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika als Hassrede identifiziert und gelöscht. Zumindest kurzfristig. Eine Lokalzeitung im US-Bundesstaat Texas hatte anlässlich des Unabhängigkeitstages am 4. Juli aus der Erklärung zitiert.

    Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt. Die US-amerikanische Lokalzeitung „Liberty County Vindicator“ nutzte die Tage vor dem 4. Juli, um ihre Leser auf ihrem Facebook-Profil mit Abschnitten aus der Unabhängigkeitserklärung vertraut zu machen. Bis am Montag, dem 2. Juli, Abschnitt 10 veröffentlicht wurde. In diesem Kapitel wird über den Kolonialherren hergezogen, den englischen König Georg III., einen Blaublütler aus dem deutschen Fürstenhaus der Welfen. Plötzlich erhielt die Redaktion des Vindicator eine Nachricht, wonach der Beitrag automatisch gelöscht wurde, weil er den Standards des Netzwerkes gegen Hassreden nicht entsprochen habe.

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    Die Vindicator-Redakteure waren erstaunt und bemühten sich, von Facebook eine Erklärung zu erhalten. Die kam auch, als Entschuldigung und in Form der Wiederveröffentlichung des gelöschten Artikels. Doch eine Erklärung, was genau zur Löschung führte, blieb Facebook der Vindicator-Redaktion schuldig. Casey Stinnett, leitender Mitarbeiter der Zeitung konnte nur Mutmaßungen anstellen und glaubt, dass die Formulierung „Indian Savages“ (dt: Indianische Wilde) der Schlüsselreiz gewesen ist, der die Facebook-Algorithmen in Alarmstimmung versetzte. Immerhin entschuldigte sich Facebook in aller Form und wünschte den Lesern einen „Frohen 4. Juli“.

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    Intransparente Facebook-Regeln

    Nicht zum ersten Mal fällt das größte soziale Netzwerk der Welt mit merkwürdigen bis absurden Durchsetzungen von Regeln auf, die schlicht intransparent sind und deshalb von vielen Nutzern als Willkür aufgefasst werden. Vor allem, weil vieles komplett automatisiert abläuft, nach Regeln von Algorithmen.

    Was viele Facebook-Nutzer gern vergessen: Die Plattform ist keine wohltätige Veranstaltung, sondern knallhartes Geschäft, Kapitalismus eben. Und da Facebook so viele Profite aus seiner faktischen Monopolstellung gewinnen will, wie es ihm die Gesetze der Staaten dieser Welt noch ermöglichen, bis Kartellbehörden einschreiten werden, stellt Facebook nur das Personal ein, das unbedingt nötig ist. Alles andere wird automatisiert und formalisiert. Genau deshalb verzweifeln viele Nutzer daran, dass sie bei Problemen mit keinen echten Menschen kommunizieren. Und es führt dazu, dass empfindliche Eingriffe wie Löschungen und Sperrungen automatisiert erfolgen, ohne echte oder zeitnahe Möglichkeiten der Nutzer zu Gegenwehr.

    >>Andere Sputnik-Artikel: „Besonderer Zugang“ für Firmen: Weiterer Datenmissbrauch von Facebook aufgedeckt

    Zum Beispiel, wenn die Facebook-Algorithmen bestimmte Schlüssel- oder Reizwörter identifizieren. Oder wenn sich Nutzer von Beiträgen anderer Nutzer angegriffen, beleidigt oder denunziert fühlen. Oder aber, wenn ihre religiösen oder politischen Gefühle und Überzeugungen betroffen sind. Schneller als viele Facebook-Nutzer denken, werden dann Beiträge, Fotos oder Videos gelöscht oder gar das eigene Profil für eine Weile gesperrt.

    Rätselhafte Regeln gegen Hassreden

    Die Firma Cambridge Analytica war dabei ertappt worden, mit massenhaften Fake-Accounts bei Facebook und Twitter und mit personalisierten Artikeln und Videos gezielt Nutzer der sozialen Netzwerke zu manipulieren, damit sie ein gewünschtes Wahlverhalten an den Tag legen. Die Affäre wurde öffentlich, nachdem Russland vorgeworfen wurde, mit bei Facebook platzierter Werbung Einfluss auf die US-Präsidentschaftswahlen genommen zu haben.

    Seither haben Hassreden bei Facebook bedenkliche Ausmaße angenommen. Das soziale Netzwerk hat nach eigenen Angaben seine Algorithmen so angepasst, damit Fake-Accounts, Fake-News, Fake-Bilder, Fake-Videos besser und schneller identifiziert und eliminiert werden können.

    Viele Nutzer, Datenschützer und Bürgerrechtsorganisationen befürchten, dass unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Hassreden und Manipulationen im Internet letztlich unerwünschte politische Positionen, Organisationen und Bewegungen mundtot gemacht werden sollen.

    EU-Datenschutzregeln gegen Freiheit des Internets?

    In dem Zusammenhang rückt auch das neue Datenrecht der EU in den Fokus, ebenso wie die aktuellen Bemühungen der Europäischen Union, das Urheberrecht an das digitale Zeitalter anzupassen. Erst heute hat das Europäische Parlament den Entwurf einer Verordnung abgelehnt, mit der Upload-Filter eingeführt und die Verlinkung von Überschriften und Ausschnitten aus Pressetexten verboten werden sollten. Demnach müssten Internetnutzer vor dem Hochladen eines Artikels, Fotos, Videos, Musikstückes prüfen, ob das Urheberrecht verletzt wird.

    >>Andere Sputnik-Artikel: So werden Wahlen manipuliert: Cambridge Analytica – britische Firma mit Sitz in USA

    Kritiker werfen der Europäischen Kommission vor, mit diesen Vorschlägen die Freiheit des Internets zu beerdigen. Es darf als sicher gelten, dass Vorfälle wie die automatische Löschung der Unabhängigkeitserklärung der USA auch mit einem Upload-Filter stattgefunden hätten.

    EU-Datenschutzrecht blockiert Vindicator

    Wenn man aus Deutschland dem Link von Casey Stinnett auf die Internetseite des Liberty County Vindicator folgt, um seine Erklärung zum Vorfall zu lesen, kann es sein, dass man die kurze Nachricht erhält, dass man die Seite aus einem Land des Europäischen Wirtschaftsraumes aufrufe. Und weil dort die neue Datenschutzverordnung DSGVO gelte, könne kein Zugang zur Seite gewährt werden.

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    Hiergegen helfen nur so genannte VPN Proxy Programme, die einen anderen Standort des eigenen Computers vorgaukeln. Damit könnte man sich allerdings wiederum in juristische Graubereiche vortasten, die Facebook gar nicht mag. Bekanntlich hat das Netzwerk seine Pläne noch nicht aufgegeben, jeden Nutzer zu zwingen, nur ein Profil mit Klarnamen zu betreiben, wozu die Identität verifiziert werden müsste. Einen Vorgeschmack davon haben bereits Menschen bekommen, die in den USA als „Dragqueens“ auftreten, die einen Fantasie-Eigennamen tragen. Facebook sperrte kurzerhand ihre Profile und gab sie erst nach Protesten wieder frei.

    Soviel zu westlichen Lieblingsthemen wie Freiheit, freie Meinungsäußerung, Zensur und so weiter.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Merkels Datensteuer: „Gift für die Handelspolitik“

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    Tags:
    Manipulationen, Zensur, Datenschutz, Medien, Cambridge Analytica, EU, Mark Zuckerberg, USA