15:38 25 September 2018
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    Gedenkstätte für die Opfer von Srebrenica in Potoraci

    Massaker von Srebrenica: Auf jeden Toten kommen mehr als zwei Mörder?

    © AP Photo / Marko Drobnjakovic
    Politik
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    Heute finden in der Republik Srpska Gedenkaktionen anlässlich des Massenmordes in Srebrenica 1995 statt. Die Organisation „Mütter von Srebrenica“ verdächtigt insgesamt 22.000 Serben der Beteiligung am Massenmord an Tausenden bosnischen Muslimen. Der Leiter des „Geschichtsprojekts Srebrenica“, Stefan Karganovic, hält die Zahl jedoch für absurd.

    Vor 23 Jahren wurde Srebrenica von der Armee der Republik Srpska unter Führung von Ratko Mladic besetzt. Über die Opferzahl, die Schwere der Schuld der serbischen Militärs und die historische Bedeutung der Tragödie wird bis heute heftig diskutiert.

    In seinem Bericht vom 12. Februar 2000 war der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien zu dem Schluss gekommen, dass die Opferzahl des Massakers sich auf 7.475 Menschen belaufe. Dennoch gehen manche serbischen und ausländischen Experten, ohne die Verbrechen der serbischen Soldaten abzustreiten, davon aus, dass diese Zahl stark übertrieben ist.

    Im Vorfeld des 23. Jahrestages des Srebrenica-Massakers hatte die Vorsitzende der Nichtregierungsorganisation „Mütter von Srebrenica“, Munira Subasic, erklärt, sie werde bei Gedenkveranstaltungen in Potočari den hochrangigen Vertretern der deutschen Staatsanwaltschaft eine Liste mit 22.000 Namen von Serben übergeben, die der Beteiligung am Massenmord verdächtigt werden. Deutschland soll laut ihr unter anderem prüfen, ob diese Personen sich zurzeit in der Bundesrepublik aufhalten.

    Stefan Karganovic, Leiter der niederländischen Nichtregierungsorganisation „Geschichtsprojekt Srebrenica“, hält die Zahl von 22.000 Personen für absurd. „Ich kann nicht verstehen, aus welchem Telefonbuch Frau Subasic diese Namen genommen hat. Man sollte sie danach fragen, weil man damals in der ganzen Gemeinde von Srebrenica keine 22.000 Serben zusammengezählt hätte“, sagte Karganovic gegenüber Sputnik Srbija.

    „An der Militäroperation der Armee der Republik Srpska im Juli 1995 hatten 1500 serbische Soldaten teilgenommen. Wenn man die Einwohner der benachbarten Dörfer dazurechnet, steigt die Zahl der Serben um mehrere Tausend an. Jedenfalls erreichte die Zahl der Serben in der ganzen Region keine 22.000. Daher ist diese Liste völlig absurd. Frau Subasic gibt Unsinn von sich und will der Republik Srpska einfach die Suppe versalzen.“

    Srebrenica-Memorial Potocari
    © REUTERS / Stoyan Nenov TPX IMAGES OF THE DAY
    Karaganovic erinnert zudem an einen Bericht zu Srebrenica, der unter dem ehemaligen Präsidenten der Republik Srpska, Dragan Cavic, erschienen war. Darin sei von 17.300 beteiligten Serben die Rede gewesen:

    „Diese Arbeitsgruppe hat eine Liste von Serben erstellt, die größtenteils einfache Soldaten, aber auch Köchinnen und Putzfrauen im Stab von Mladic beinhaltet, die keinerlei Verbindung zu den Ereignissen in Srebrenica hatten. Aus den beiden Listen geht hervor, dass an der Ermordung jedes einzelnen gefangenen Bosniaken mehr als zwei serbische Mörder beteiligt waren. Wenn man darüber nachdenkt, ist das völliger Unsinn.“

    Den Bericht von Frau Subacis erklärt er mit dem „Recht auf Kreativität“: Auf die Zahl 22.000 würde man laut ihm nur in dem Fall kommen, wenn man jeden einzelnen Serben dazurechnen würde, der sich einfach in der Nähe des Orts des Massakers aufhielt. Genau das sei aber die Grundlage der beiden Listen.

    „Natürlich hat die jahrelange Arbeit von Frau Munira Subasic (…) die Schaffung einer politischen, pseudojuristischen und moralischen Basis zur Abschaffung der Republik Srpska und zur Unitarisierung von Bosnien und Herzegowina zum Ziel.“

    Der serbische Präsident Aleksandar Vucic erkennt die Schuld seiner Landsleute für das „schreckliche Kriegsverbrechen“ an und hat den Angehörigen der Opfer sein Beileid ausgedrückt. Die Serben haben laut ihm eine Lehre aus dieser Tragödie gezogen.

    Zugleich bewertet Vucic die Ereignisse in Srebrenica jedoch nicht als Genozid – mit der Begründung, die Aggression gegen die Bosniaken sei nicht einseitig gewesen. Er erinnert dabei an die Verbrechen gegen Serben, die von bosnischen Muslimen und Kroaten begangen worden seien.

    Moskau brachte seine offizielle Haltung in dieser Frage am 8. Juli 2015 bei der Abstimmung des UN-Sicherheitsrates zum Ausdruck. Der ständige UN-Botschafter Vitali Tschurkin hatte die britische Resolution, welche das Srebrenica-Massaker als Genozid anerkennen wollte, mit einem Veto blockiert. Das russische Außenministerium bewertet zwar die Ereignisse als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Doch die Behörde weist zugleich darauf hin, dass die „Aussonderung eines einzelnen von zahlreichen Kriegsverbrechen jener Zeit unter Ignorierung der restlichen absolut unrechts ist und zur weiteren Spaltung der bosnischen Gesellschaft beitragen würde“.

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    Tags:
    Massaker, Zahl, Mörder, Völkermord, Massenmord, Opfer, Genozid, Srebrenica, Bosnien-Herzegowina, Serbien