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    Meinung aus Polen: „Hauptfeind Europas ist das Amerika von Trump“

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    Der polnische Politologe Konrad Rękas hat in einem Interview mit Sputnik die Ergebnisse den jüngsten Nato-Gipfel in Brüssel kommentiert.

    Von größter Bedeutung war für Rękas nicht die Agenda des jüngsten Gipfeltreffens, sondern der Zeitpunkt, zu dem es stattgefunden hatte: „Immer öfter entsteht nach solchen Treffen der Eindruck, dass das Nordatlantische Bündnis sich etwas umorientiert hat", sagte er.

    Die Allianz, die von den US-beeinflussten westlichen Staaten als „Gegengewicht" zur UdSSR geschaffen worden sei, habe sich — wiederum unter der Führung der USA — plötzlich als „antideutsch" und „antieuropäisch" erwiesen, so Rękas. Zu dieser Schlussfolgerung könnte man jedenfalls anhand von Trumps Auftritten vor und während der Treffen mit den europäischen Staats- und Regierungschefs in Brüssel kommen.

    Vielsagend sei in dieser Hinsicht der Zeitplan der europäischen Reise des US-Präsidenten: die Reihenfolge seiner Gespräche, die Vorwürfe gegen „europäische Vassalen", die Unterstützung von Seiten Großbritanniens, „des wichtigsten US-Vassalen", und schließlich die Abreise nach Helsinki, wo ein Gespräch mit Putin stattfinden solle.

    Während seiner Amtszeit habe Trump mehrere „Kampffronten" eröffnet, betonte der Politologe. Das Verhältnis zu China sei komplizierter geworden, die Situation um den Iran sei für die Weltsicherheit besorgniserregend, eine plötzliche Kehrtwende vieler US-Verbündeter in Richtung Russland sei zustande gekommen. Allerdings verbiete Washington den Europäern, ihre Beziehungen zu Russland zu normalisieren, obwohl die USA ihren eigenen Dialog mit Russland selbständig, ohne europäische Verbündete, führen möchten. Dies sei unter anderem aus Trumps Äußerungen hinsichtlich des Gasprojekts Nord Stream 2 und der deutsch-russischen Beziehungen hervorgegangen.

    In der diplomatischen Hierarchie der USA sei Europa den Vereinigten Staaten untergeordnet, den Europäern werde selbst das Recht auf elementaren Schutz ihrer Interessen untersagt, kritisierte Rękas.

    „Die westlichen Politiker können nicht besonders gut begreifen, was sie damit anfangen sollen. Sie sind daran gewöhnt, den USA widerspruchslos zu gehorchen, aber sie verteidigen ihre wirtschaftlichen Interessen so gut, wie sie es können".

    Deutschland, das von den USA in Bezug auf seine Verteidigungsausgaben „erpresst" werde, argumentiere beispielsweise damit, dass es sein Geld für den Schutz der europäischen, und nicht der US-amerikanischen Rüstungsindustrie ausgeben und europäische Arbeitsplätze aufrechterhalten wolle.

     „Allerdings denkt Trump nicht daran. Trump nutzt die Nato als ein Instrument der Wirtschafts- und Industriepolitik der USA. Diese Widersprüche werden höchstwahrscheinlich zunehmen, und ein Kompromiss zwischen den USA und Europa ist heutzutage schwer vorstellbar", warnte Rękas.

    „Die USA verteidigen Europa nicht, weil es zurzeit nicht bedroht wird. Im Gegenteil, Amerika bedroht Europa, indem es den Europäern das Recht auf freie wirtschaftliche und partnerschaftliche Beziehungen zu Russland, dem Iran und China untersagt. Amerika ist der Hauptfeind Europas", resümierte er.

    Außerdem kommentierte er eine Äußerung des polnischen Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak amRande des Nato-Gipfels in Brüssel. Błaszczak zufolge ist der heutige Kurs des Nordatlantischen Bündnisses für Polens Sicherheit vorteilhaft. Rękas zeigte sich sehr skeptisch in Bezug auf diese Betrachtungsweise und verwies auf die Gefährlichleit einer derartigen Haltung.

    Die bisherige Konfiguration der Nato sei ein Überbleibsel, betonte er. „Die US-Amerikaner sind sich darüber im Klaren, Deutschland ist sich darüber im Klaren, die Parteien, die am weiteren Versuch teilnehmen, eine gemeinsame europäische Politik zu schaffen, sind sich ebenfalls darüber im Klaren. Alle sind sich darüber im Klaren, außer Minister Błaszczak und der polnischen Regierung".

    Polen könne nicht damit rechnen, dass es in den Beziehungen zu den USA das gesamte Europa ersetzen könne. „Das kann nur Eines bedeuten: Wir verlieren jegliche Beziehungen zu den europäischen Ländern. Amerika wird uns aber nichts dafür anbieten", sagte er: Die diplomatische Position Polens sei ja schwach und werde lediglich für einen zeitweiligen Druck auf westeuropäische Partner genutzt.

    Zudem verfüge Polen über kein eigenes Wirtschaftspotential: „Es (Polen — Anm. d. Red.) ist bloß ein Nachauftragnehmer Deutschlands. Sollte Amerika seinen Druck auf Deutschland erhöhen und eine Reduzierung der Ausgaben sowie eine Einschränkung der Produktion Deutschlands durchsetzen, wird es die Produktion der deutschen Firmen in polnischen Betrieben sein".

    Es werde Polen sein, das wegen der Auseinandersetzungen zwischen Washington und Berlin Schäden erleiden werde, betonte Rękas:

    „Wer in diesem Spiel auch immer gewinnt, Polen wird am meisten verlieren".

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    Tags:
    Nato-Gipfel, Beziehungen, NATO, Mariusz Błaszczak, Donald Trump, EU, Polen, Deutschland, USA, Russland