03:44 15 November 2018
SNA Radio
    Litauische Nationalisten bei Massenerschießungen von Juden (Archivbild)

    Nationalheld oder Nazi-Helfer? US-Journalistin entlarvt ihren Großvater

    © Sputnik / RIA-Archiv
    Politik
    Zum Kurzlink
    2597

    Die amerikanische Journalistin Sylvia Foti hat auf der US-Webseite Salon.com ihren Großvater Jonas Noreika, der in Litauen als Kämpfer für die Unabhängigkeit dieser Baltischen Republik gewürdigt wird, als Nazi-Handlager und Judenmörder entlarvt. Die Journalistin warf den Behörden in Vilnius vor, diese Verbrechen verdeckt zu haben.

    Wie Salon.com schreibt, wollte Foti auf Bitte ihrer im Sterben liegenden Mutter zunächst ein Buch über ihren Großvater verfassen, der angeblich im Gefängnis des sowjetischen Ministeriums für Staatssicherheit (MGB) getötet worden war. Laut der Familiengeschichte habe Noreika einen anti-kommunistischen Aufstand geleitet und während der Besatzung Litauens durch die hitlerdeutschen Truppen einen Landkreis im Nordwesten Litauens geleitet und gegen die Nazis gekämpft.​

    „Kopf hoch, Litauer!“

    Bei ihrem Besuch in Litauen im Jahr 2000 ließen Sylvia Foti und ihr Bruder eine Gedenktafel für Jonas Noreika am Gebäude der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften Litauens enthüllen. Die Journalistin wurde von allen ringsum gebeten, ein Buch über ihren heroischen Großvater zu schreiben.

    Dass Jonas Noreika an der Ermordung von Juden beteiligt war, erfuhr sie zum ersten Mal vom Direktor eines Gymnasiums in Šiauliai, das ihrem Großvater zu Ehren umbenannt werden sollte. Sie begann eine eigene Ermittlung und erfuhr, dass ihr Großvater von den deutschen Besatzern zum Chef des Landkreises ernannt worden war. Als sie später nach Chicago zurückkehrte, fand sie die von ihrem Großvater verfasste antisemitische Broschüre mit dem Titel „Kopf hoch, Litauer!“.

    Tausende Ghetto-Bewohner erschossen

    Damals stellte sie ihre Recherche ein. Im Jahr 2013 kam sie jedoch wieder nach Litauen und setzte in Gemeinschaft mit dem Holocaust-Experten Simon Dovidavičius ihre Ermittlungsarbeit fort. Es stellte sich heraus, dass Jonas Noreika persönlich die Tötung von mehr als 10.000 litauischen Juden genehmigt hatte und mit seiner Familie in ein „plötzlich freigewordenes“ Haus umgezogen war, das zuvor einer jüdischen Familien gehört hatte.

    Sylvia Foti stellte auch fest, dass die heutigen Behörden Litauens die Verbrechen der „Kämpfer für die Unabhängigkeit der Republik“, die mit Nazis kollaboriert hatten, verdecken.

    „Wegen des enormen Widerstands der litauischen Regierung wird es nicht leicht sein, sie zum Eingeständnis ihrer Rolle im Holocaust zu bewegen. Aber die Seelen von 200.000 Juden, die in der litauischen Erde begraben liegen, fordern Vergeltung“, schlussfolgert die Journalistin.

    Nach Angaben der jüdischen Gemeinde von Litauen hatte Jonas Noreika, der im August 1941 zum Chef des Landkreises Šiauliai ernannt worden war, befohlen, alle in der Region lebenden Juden in ein Ghetto zu bringen und ihnen all ihr Vermögen wegzunehmen. Später wurden Tausende Ghetto-Bewohner erschossen.

    1945 bildete Jonas Noreika den so genannten Nationalrat Litauens, dessen Ziel es war, die Unabhängigkeit der Republik wiederzuerlangen. Er wurde Ende November 1946 verhaftet und zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung fand am 26. Februar 1947 im MGB-Haus in Vilnius statt.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren