03:38 24 Oktober 2018
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    Nachrichten-Ticker von FoxNews beim Treffen des US-Präsidenten Donald Trump und seines Kollegen aus Russland Wladimir Putin

    „Wieder Supermacht“ – Russland „gewinnt“ Infokrieg gegen USA

    © REUTERS / Lucas Jackson
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    Viktor Marachowski
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    Zunächst einmal eine Statistik. Am Donnerstagmorgen wurde Russland auf der Homepage der „New York Times” zehn Mal erwähnt. „Trump und Russland: Ein Geheimnis, drei Theorien“, „Russische Spionin bot laut Behörden Sex für Arbeit an“, „Attackiert Russland die USA?“, „Trump äußert sich zur russischen Einmischung“ und so weiter.

    Zum Vergleich: Auf der Webseite des Nachrichtenportals RIA Novosti wurden die USA nur sechs Mal erwähnt. Dabei geht es um Nacherzählungen der US-Nachrichten über unsere Einmischung.

    Mit anderen Worten: Russland ist für US-Medien heute eine Angriffskraft und ein Informationsbesatzer. Die Russen sind überall, sie sind schon da. Die amerikanische Gesellschaft versucht mit aller Kraft, sich gegen die russische Invasion in ihren Raum zu verteidigen – „Ist unser Präsident ein Agent Putins?“. In dieser Art gibt es noch viele weitere Artikel.

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    Die russische Gesellschaft verfolgt das alles mit dem Interesse eines Zuschauers mit Popcorn.

    Es stellt sich eine logische Frage – wie kam es dazu?

    Fraktionschef der US-Demokraten im Kongress Chuck Schumer bei Pressekonferenz zum Gipfeltreffen von Donald Trump und Wladimir Putin
    © AFP 2018 / Andrew Caballero-Reynolds
    Warum sah das Informationsbild der beiden Länder vor zehn Jahren noch ganz anders aus? Ich schaute mir die Headlines der russischen Medien im Jahr 2008 an. Sie waren der Teilnahme der USA an Verhandlungen zum iranischen Problem, der Rolle der USA bei den georgischen Plänen für Abchasien und Südossetien, der Rolle der USA in den russisch-ukrainischen Beziehungen und im US-Krieg im Irak gewidmet.

    Die amerikanischen Medien erinnerten sich selten an Russland, vor allem im Kontext: „Was in Problemgebieten der Erde vor sich geht“.

    Vor 20 Jahren sah die russische Tagesordnung überhaupt anders aus. Ein berühmter Bericht aus dem Jahr 1999 lautet wie folgt: „Die USA erhielten von Russland die offizielle Bitte, in diesem Jahr zusätzliche Lebensmittelhilfe bereitzustellen, sagte der damalige US-Landwirtschaftsminister Dan Glickman. Diese Bitte wird derzeit von der US-Seite analysiert. In der Erklärung Glickmans wird hervorgehoben, dass die Reaktion der US-Regierung auf die Bitte um zusätzliche Lebensmittelhilfe davon abhängen wird, wie erfolgreich das aktuelle Programm zur Lieferung von US-Getreide und Lebensmitteln nach Russland verlaufen wird.“

    Es handelt sich de facto um eine epische Geschichte darüber, wie sich die Wahrnehmung der Welt in den beiden Ländern änderte.

    Ende der 1990er Jahre bat Russland um Lebensmittel aus den USA, die im Tausch dafür forderten, dass es seinen Markt für ihre Hähnchenschenkel öffne. Als bedeutende Kraft wurde Russland überhaupt nicht wahrgenommen – weder in den USA, wo zu diesem Zeitpunkt verschiedene Russland-Institutionen aufgelöst wurden, noch in Russland. Als größte Aktion Russlands in den 1990er Jahren galt der Vorstoß der russischen Landungstruppen in Pristina. Russland gewann gegen die USA nur in russischen Fantasy-Büchern, die die Funktion des „russischen Unterbewusstseins“ erfüllten.

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    Ende der Nuller Jahre verfolgte Russland mit Besorgnis die Aktivitäten der Weltherrscher entlang unserer Grenzen, in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Viele erwarteten in Panik georgisch-baltische Strafbataillone in den russischen Gebieten. Das Magazin „Ogonjok“ schrieb hoffnungslos entzückte Berichte über die georgische Armee, die nach Nato-Standards modernisiert wird und sich auf eine Revanche gegen Abchasen und Osseten vorbereitet.

    Danach kam der „08.08.08“-Krieg. Ehrlich gesagt sorgte er in der russischen Gesellschaft für einen viel größeren Schock als im Westen. Plötzlich stellte sich heraus, dass die Gestalt eines zermalmten, gehorsamen Russlands, „ehemaligen Imperiums“ mit zerfallener Armee nicht mehr der Realität entspricht.

    Die westlichen Medien deuteten die damaligen Ereignisse mit vernachlässigender Verachtung – das nationalistische Russland rächt sich am Westen, vor allem an den USA, wegen der Demütigung in den 1990er Jahren. Es versucht, seinen Einfluss im Kaukasus wiederaufzubauen und „eine dicke rote Linie zu ziehen“, hinter der die Nato nicht zugelassen werden soll. Seine Handlungen sollen als Erscheinungen des imperialistischen Syndroms betrachtet werden, so der Westen.

    Kehren wir in die heutige Zeit zurück. Westliche Medien stellen heute fest, dass Putin den Status Russlands als „zurückgekehrte Supermacht“ mit dem Besuch Trumps festigt. Allgemein verbreitet ist die Meinung, dass die USA nicht mehr die Herrscher der Welt sind.

    Was änderte sich in der russischen Wahrnehmung von sich selbst und der USA?

    Eine Version: Russland befreite sich tatsächlich vom imperialistischen Syndrom. Im weitesten Sinne dieses Begriffs.

    Unser Massenbewusstsein (und die Presse als sein Spiegel) nimmt Russland nicht mehr als „großen Bruder“ wahr, der für alles zuständig ist, was im postsowjetischen Raum vor sich geht. Die Praxis in den 1990er Jahren, die als „Ressourcen im Tausch gegen Küsse“ bekannt war, ist nun vergessen – in den Beziehungen mit den ehemaligen sozialistischen Brüdern ist das jetzige Russland sehr pragmatisch.

    Zudem vergewisserte sich Russland in der Praxis, dass es sich selbst verteidigen und ernähren kann. Auch wenn entlang der europäischen Grenzen Nato-Garnisonen stehen und US-Hähnchenschenkel (plus europäischer Käse und Schinken) nicht mehr geliefert werden.

    Es geht wohl darum. Das Imperium bedeutet in der klassischen Deutung nicht Dominanz, sondern vor allem Abhängigkeit. Das Imperium macht sich ständig Sorgen darum, ob es die wichtigsten Zugänge zum Meer und Handelsrouten kontrolliert, ob es aus den eroberten Provinzen Ressourcen und Arbeitskraft bekommt, ob nicht die lokalen Anführer rebellieren.

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    Damit sich Russland von diesen Besorgnissen befreien konnte, musste es einfach überleben – den Rest hat es bereits. Deswegen muss es nicht unbedingt irgendwelche „Vasallen“ kontrollieren.

    Russland muss kein Imperium sein – es muss einfach eine Macht sein. Noch besser: eine Supermacht (also eine Macht, die nicht einfach nur ihre Souveränität verteidigen kann, sondern auch imstande ist, Partner zu schützen, wenn sie darum bitten – siehe Syrien-Kampagne).

    Deswegen beobachten die russischen Staatsbürger nun mit Vergnügen, wie das letzte wahre Imperium wankt und bangt. Es versucht, „great again“ zu sein, also die unerträgliche imperiale Last loszuwerden und zugleich die imperialen Boni beizubehalten – und sucht deshalb hastig die Gründe seiner inneren Krise in der angeblichen russischen Hybrid-Aggression.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Imperium, Hybridkrieg, Supermacht, Aggression, Informationskrieg, Propaganda, Medien, Donald Trump, Wladimir Putin, Westen, USA, Russland