03:34 17 August 2018
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    Berliner Luftbrücke (Archiv)

    Wollte Moskau West-Berlin aushungern? – Faktencheck zur Berliner Luftbrücke (Teil 2)

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    Politik
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    Tilo Gräser
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    Die Westmächte haben im Sommer 1948 mit einer Luftbrücke auf die sowjetische Blockade der Transportwege nach West-Berlin reagiert. Zu beiden Ereignissen gibt es weiter Legenden, die Details und Fakten auslassen. Das gilt auch für die Ursachen und Zusammenhänge. Hier nun Teil 2 des historischen Faktenchecks zur Berliner Luftbrücke 1948.

    Der renommierte Historiker Wolfgang Benz widmet der sowjetischen Blockade West-Berlins und der daraufhin durchgeführten westlichen Luftbrücke vor 70 Jahren ein Kapitel in seinem neuen Buch „Wie es zu Deutschlands Teilung kam – Vom Zusammenbruch zur Gründung der beiden deutschen Staaten“. Er beschreibt, wie es zu den Ereignissen kam. Die Sowjetunion hatte schrittweise die alliierten Transport- und Verkehrswege erschwert. Die entsprechenden „Nadelstiche“ mit Hilfe von „technischen Störungen“ hätten zugenommen, bis es zur eigentlichen Blockade kam.

    Die überraschenden Maßnahmen der Sowjetischen Militärverwaltung (SMAD) in der Nacht zum 24. Juni vor 70 Jahren seien ein Schock gewesen, so Benz, „für die Berliner, für die Westmächte, für die ganze Welt“. Und: „Das Ziel der gründlich vorbereiteten Aktionen schien klar: Berlin vom Westen abzuschnüren, auszuhungern und nach dem irgendwann unvermeidlichen Abzug der Westmächte in Besitz zu nehmen.“

    Der aktuelle Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD) meint in seinem Vorwort zum unlängst erschienenen Sammelband „Die Berliner Luftbrücke – Erinnerungsort des Kalten Krieges“: „Dem Westteil Berlin sollten die Lebensadern durchtrennt werden, seine Bürgerinnen und Bürger wurden zum Spielball eines globalen Machtkampfe im Kalten Krieg.“ Die Luftbrücke habe West-Berlin das Überleben gesichert, so Müller.

    Ein Blick in die umfangreiche deutschsprachige Literatur zum Thema zeigt, dass Benz in seinem Buch wie auch Müller einiges auslassen. Sputnik hat in einigen Büchern nachgeschlagen und Fakten gefunden, die zu der Story von der angeblichen Rettung West-Berlins vor den Sowjets gehören.

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    1. Was waren die Ursachen für die sowjetische Blockade und die westliche Luftbrücke?

    • Der Historiker Gerald Wettig bestätigt in seinem Buch „Die Stalin-Note“ (2015): „Die Deutschland- und Berlin-Frage stand in engem Zusammenhang mit dem Problem der Währungsreform.“ Im Kreml sei im Juni vor 70 Jahren nicht geahnt worden, dass die westlichen Pläne dafür kurz vor der Umsetzung standen.
    • „Am Anfang der Krise um Berlin stand die Entscheidung der Westmächte, nach dem Ende der gemeinsamen Deutschlandpolitik der Alliierten der Logik des Marschall-Planes entsprechend mit der staatlichen Organisation Westdeutschlands zu beginnen.“ Das ist in Wilfried Loths „Die Teilung der Welt – Geschichte des Kalten Krieges 1941 – 1955“ (2000) zu lesen. Gleichzeitig sei Washington darum besorgt gewesen, „die Westmächte nicht in den Augen der Deutschen als für die Spaltung der Nation verantwortlich erscheinen zu lassen“. Nachdem eine Initiative für eine gesamtdeutsche Einheit nach westlichen Vorstellungen erwartungsgemäß scheiterte, begannen laut Loth die USA und ihre Partner in Westeuropa, ab Februar 1948 die Gründung der Bundesrepublik vorzubereiten – „ohne einen möglichen Kompromiß mit der Sowjetunion abzuwarten“.
    • Die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) habe bereits mit der vom Westen einseitig durchgeführten Währungsreform Probleme bekommen – mit einem Schaden von rund neun Milliarden Mark. Das ergaben Berechnungen, die der Journalist Volker Koop in seinem Buch „Besetzt – Sowjetische Besatzungspolitik in Deutschland“ (2008) erwähnt.
    • Dabei gab es vor der Blockade eine Chance, diese zu verhindern oder zu vermeiden. Nach den Beschlüssen der westlichen Außenminister im Februar 1948 in London für einen westdeutschen Staat sah der britische Militärgouverneur Brian Robertson die Gefahr der endgültigen Spaltung Deutschlands. Das schrieb der österreichische Historiker Rolf Steininger in Band 2 seiner „Deutschen Geschichte seit 1945“ (1996). Robertson habe befürchtet, dass eine Spaltung „früher oder später zu einem Krieg mit der Sowjetunion“ führt, was er verhindern wollte.

    Sein Plan laut Steininger: Moskau offen über die westlichen Vereinbarungen in London zu informieren. Das Ziel sei gewesen, die zu „erwartenden scharfen Gegenmaßnahmen“ der sowjetischen Seite zu vermeiden. Zum anderen sei es Robertson darum gegangen, einen Weg zu finden, die Deutschlandfrage gemeinsam mit den Sowjets zu lösen – „ohne die es keinen Weltfrieden gibt“. Doch damit fand der britische Militärgouverneur bei der eigenen Regierung kein Gehör, wie Steininger zeigt.

    2. Wollte Moskau West-Berlin aushungern und übernehmen?

    • Der Historiker Christoph Kleßmann hebt in seinem Buch „Die doppelte Staatsgründung – Deutsche Geschichte 1945 – 1955“ (1991) hervor, die sowjetische Blockade West-Berlins sei „ein letzter massiver Versuch“, gewesen, „die Bildung eines westdeutschen States doch noch zu verhindern. Sie war weder auf östlicher noch auf westlicher Seite Bestandteil einer langfristigen politischen Strategie.“ Der Chef der Sowjetischen Militäradministration (SMAD), Marschall Wassili Sokolowski, habe seinem US-Gegenüber General Clay gesagt, dass Moskau einen westdeutschen Teilstaat verhindern wollte.
    • Was andere gern weglassen, ist bei dem Historiker Loth zu lesen: „In der Öffentlichkeit erschien die Blockade als ein Versuch, ganz Berlin und so viel als möglich von ganz Deutschland in den sowjetischen Herrschaftsbereich einzubeziehen; daß sie präzise nur gegen die Weststaatsgründung gerichtet war, wurde meist übersehen.“ Laut dem Historiker waren die Erfolgsaussichten Moskaus nur gering, „aber ein anderes Mittel war der Sowjetführung nicht mehr verblieben“.
    • Der Rechtswissenschaftler und ehemalige SED-Funktionär Herbert Graf erinnert in seinem Buch „Interessen und Intrigen: Wer spaltete Deutschland?“ (2011) erinnert daran, dass Historiker in den seit 1991 zugänglichen sowjetischen Dokumenten keine Spur für die oft behauptete aggressive antiwestliche Strategie und Planung Moskaus gefunden haben. Graf zitiert den Historiker Gunter Mai, der 1995 feststellte, dass die sowjetische Maßnahmen „keine Kriegstreiberei, sondern ein untaugliches Unternehmen, die Westalliierten erneut an den Verhandlungstisch zu bringen“ darstellten.
    • Bei Steininger ist zu lesen, dass Stalin die Vertreter der Westmächte am 3. August 1948 empfing. Er habe ihnen „mit größtem Nachdruck“ versichert, dass er ihre Truppen nicht aus Westberlin vertreiben wolle. Stattdessen habe er ihnen erklärt, dass Moskau Viermächteverhandlungen über Deutschland als Ziel habe. Sollte aber der Weststaat dennoch wie geplant gegründet werden, gebe es „nichts mehr, worüber man diskutieren könnte“, wird Stalin zitiert. „Zumindest wußten die Westmächte jetzt, daß Stalin in Berlin keine militärische Gewalt anwenden würde“, so Steininger und fügt hinzu: „In Westdeutschland ging die Entwicklung den von den Westalliierten vorgezeichneten Gang.“
    • SMAD-Chef Marschall Sokolowski hatte laut Kleßmann bereits am 29. Juni 1948 gefordert, den Interzonenhandel wiederherzustellen. Im August vor 70 Jahren sei es zu alliierten Verhandlungen in Moskau gekommen, „die mit einer Direktive an die Berliner Kommandanten endete, die Blockade aufzuheben und die Ost-Währung in ganz Berlin einzuführen“. Die entsprechende Direktive der vier Alliierten sei aber „an der technischen Umsetzung“ gescheitert, so Kleßmann.
    • Autor Koop erinnert an den SMAD-Befehl Nr. 80 vom 24. Juli 1948: Mit dem wurde festgelegt, dass sich die 2,1 Millionen Westberliner im Ostteil anmelden konnten, um sich mit Lebensmitteln und Brennstoffen versorgen zu lassen. Moskau habe damit versucht, dem damals schon erhobenen Vorwurf zu begegnen, es wolle die Menschen in den Westsektoren aushungern. Doch nur 103.000 Westberliner hätten bis März 1949 das genutzt, so Koop. Sie „hungerten eher, als dieses Angebot anzunehmen“.

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    3. Reagierten die Westmächte nur mit einer Luftbrücke?

    • Laut dem Historiker Wettig sind die Westmächte anfangs davon ausgegangen, dass die begonnene Luftbrücke nicht ausreichen würde, um in Westberlin bleiben zu können. Sie hätten versucht, mit Moskau über einen Kompromiss zu verhandeln, bei dem das gesamte Berlin in das Währungs- und Wirtschaftsgebiet der SBZ einbezogen worden wäre. Ihr Interesse sei es gewesen, ihre 1945 erworbenen Besatzungsrechte in Berlin dauerhaft zu sichern. Doch der Kompromiss sei gescheitert, weil die Sowjetunion weiter darauf bestand, dass die Westzonen nicht zu einem separaten Staat vereint werden sollten.
    • Der sowjetischen Haltung stand eine nicht minder harte und unnachgiebige Position seitens der westlichen Alliierten gegenüber, besonders in Person des US-Kommandanten General Lucius Clay. Er befahl nicht nur die Luftbrücke, sondern schlug anfangs vor, die sowjetische Blockade mit einem bewaffneten Konvoi zu durchbrechen. Das wurde aber damals von Washington aus Angst vor einem möglichen kriegerischen Konflikt abgelehnt – während aber gleichzeitig 60 atomwaffentragende B-29-Bomber nach England verlegt wurden, wie Kleßmann schreibt. Er stellte fest, dass sich der Konflikt verselbständigte und mit dem Anlass kaum noch etwas zu tun hatte.
    • Benz erinnert in seinem Buch an die Gegenblockade der westlichen Besatzungsmächte, die am 19. September 1948 begann. Damit sei der „Zufluss von Waren aller Art aus den Westzonen in die Ostzone“ gestoppt worden. Lebensmittel durften selbst in Einkaufstaschen nicht mehr nach Ostberlin gebracht werden. Hinzu kam das Verkehrsverbot in der britisch-US-amerikanischen Bizone für sowjetische Fahrzeuge und solche mit Fahrziel SBZ.
    • Die Wirtschaft in der sowjetischen Zone sei durch die westliche Gegenblockade empfindlich getroffen worden, betont Koop. Zum Teil hätten Betriebe ihre Produktion ganz einstellen müssen. „Es gibt zwar viele Darstellungen über Blockade und Luftbrücke“, so der Autor, „aber nur wenige über die Auswirkungen der Gegenblockade, an der im Übrigen die westdeutsche Wirtschaft auch kein Interesse hatte“. Die US-Militärbehörden hatten laut Koop bereits am 25. Juni 1948 sämtliche Bahntransporte innerhalb des Interzonenhandels in die SBZ untersagt. Die Transporte liefen nur noch über die Straße, bis sie im September ganz gestoppt wurden.
    • Der österreichische Historiker Steininger bezeichnete es in seinem Buch als „erstaunlich“, dass der britische Militärgouverneur Robertson im Juli 1948 erneut versuchte, die Deutschlandfrage gemeinsam mit Moskau zu lösen. Dabei sollte auf einige sowjetische Forderungen eingegangen werden, bis hin zum Friedensvertrag für Gesamtdeutschland und der sowjetischen Mitkontrolle des Ruhrgebiets. Doch in den westlichen Hauptstädten sei das abgelehnt worden. Die Angst, der Kommunismus könne sich auch in Westdeutschland ausbreiten, war zu groß. Die Westmächte fürchteten laut Steininger zudem, eine deutsche Zentralregierung könnte unter sowjetischen Einfluss geraten.
    • Worum es den Westmächten ging, erklärte laut der Ex-DDR-Diplomat Ralph Hartmann vor zehn Jahren in der Zeitschrift „Ossietzky“ der spätere US-Außenminister John Foster Dulles in einer Rede im Januar 1949 vor Schriftstellern in Paris. Dabei sagte der einflussreiche Bruder von CIA-Chef Allan Dulles: „Zu jeder Zeit hätte man die Situation in Berlin klären können… Die gegenwärtige Lage ist jedoch aus propagandistischen Gründen für die USA sehr vorteilhaft. Dabei gewinnen wir das Ansehen, die Bevölkerung von Berlin vor dem Hungertod bewahrt zu haben, die Russen aber erhalten die ganze Schuld wegen ihrer Sperrmaßnahmen.“

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    Tags:
    Luftbrücke, Mauerbau, Kalter Krieg, Zweiter Weltkrieg, Heiko Maas, Josef Stalin, Ostdeutschland, BRD, DDR, UdSSR, Deutschland, USA
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