07:47 13 Dezember 2018
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    Weißhelme helfen den dschihadistischen Rebellen in Aleppo (Archivbild)

    Nützliche Extremisten? – Syrien-Korrespondentin warnt vor „Weißhelmen“ – Exklusiv

    © AFP 2018 / Baraa Al-Halabi
    Politik
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    Paul Linke
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    Unter den syrischen „Weißhelmen“, welche die Bundesregierung aufnehmen will, können sich auch islamistische Kämpfer und Extremisten befinden. Davor warnt die Syrien-Korrespondentin Karin Leukefeld im Sputnik-Interview. Sie erinnert zugleich an die zweifelhaften Hintergründe der Organisation.

    Die „Weißhelme“ wurden von israelischen Truppen aus Syrien evakuiert. Wie ist Ihre Einschätzung dazu? Warum werden diese gerade vom israelischen Militär fortgebracht?

    Die Weißhelme wurden nicht das erste Mal evakuiert. Wir hatten dieses Vorgehen bereits in Ost-Aleppo, in Duma, in Homs etc. Also überall, wo Kämpfe beendet wurden, wo es gelungen war, eine Vereinbarung zwischen der Regierung und den bewaffneten Gruppen zu schließen, waren die Sicherheit und der freie Abzug für die Weißhelme ein Thema von westlichen Staaten. Der französische und der deutsche Außenminister haben sich wiederholt explizit dazu geäußert, dass deren Abzug gewährleistet sein müsse.

    Dass sie von Israel evakuiert worden sind, ist natürlich zum einen geografisch bedingt. Bisher sind diese Weißhelme mit Kämpfern von Idlib oder ins Grenzgebiet zur Türkei abgezogen. Aber dieses Mal war es sogar umgekehrt. Wenn man Berichten glauben kann, sollen vier bekannte Anführer verschiedener Kampfgruppen unter den Evakuierten gewesen sein. Israel hat schon von Anfang an die Oppositionellen unterstützt. Also seit 2011. Und seit 2012 politisch, logistisch, militärisch. Besonders in den Provinzen Daraa und Quneitra. Das ist vielfach bekannt. Selbst die Uno-Blauhelme, die dort stationiert sind, haben das dokumentiert. Und möglicherweise waren unter diesen humanitären Helfern der Weißhelme auch israelische, ausländische Staatsbürger. Auch das könnte ein Grund gewesen sein, warum das jetzt in den von Israel besetzten Golanhöhen abgewickelt wurde.

    Was bringt Sie zu der Vermutung, dass sich unter den „Weißhelmen“ auch israelische Bürger befinden?

    Die Unterstützung Israels für die Oppositionellen, wie von anderen westlichen Staaten, ist offensichtlich gewesen. Es ist bekannt, dass Israel in Daraa humanitär operiert hat. Israelische Hilfsorganisationen haben dort medizinische und andere Projekte aufgebaut. Und natürlich sind sie nicht als Israelis dorthingegangen, sondern sie haben sich sicherlich dort diesen Weißhelmen angeschlossen. Das ist eine Vermutung, eine Spekulation, weil Israel dort humanitär aktiv gewesen ist. Das haben israelische Medien selbst berichtet. Es liegt nahe, dass sie sehr eng kooperiert haben.

    Sind denn die „Weißhelme“ in Syrien momentan wirklich bedroht?

    Es ist schwer zu beurteilen, ob sie gerade tatsächlich bedroht werden. Denn wie ich schon sagte, sind sie in den meisten Fällen aus Ost-Aleppo, aus Duma usw. evakuiert worden. Von vielen Orten haben sie freien Abzug gehabt. Das war auch verhandelt worden. Insofern denke ich, es ist eine Behauptung zu sagen, dass ihr Leben in Gefahr ist, wie es unisono von Israel, Jordanien und den westlichen Staaten verlautbart wurde. Das war möglicherweise nur eine Formulierung, die man benutzte, um die Vereinten Nationen dazu zu bewegen, diese explizite Evakuierung zu unterstützen.

    Andererseits ist auch nicht zu übersehen, dass diese Gruppen immer ganz eng mit den Kampfgruppen agiert haben. Sie waren immer in den Gebieten aktiv, wo die Kampfgruppen waren. Ich denke, für normale, humanitäre Helfer hätte es auch durch Verhandlungen eine Möglichkeit gegeben, dass sie nicht evakuiert werden müssen, sondern dass sie in Syrien bleiben können und sich zum Beispiel dem regulären syrischen Zivilschutz anschließen. Oder dem syrischen Halbmond, der auch humanitäre Hilfe leistet. Aber diese Menschen wollten es offensichtlich nicht. Sie haben auch um ihre Evakuierung gebeten.

    Die syrische Regierung unterstellt den vom Westen unterstützten Weißhelmen seit Jahren, mit Terrororganisationen und Dschihadisten zusammenzuarbeiten. Ist da wirklich etwas dran?

    Es gibt tatsächlich viele Belege dafür. Es gibt Fotos und Videoaufnahmen, wo man sie Seite an Seite, mit ihren weißen Helmen auf dem Kopf, waffenschwingend sieht. Wo sie Leichen von syrischen Soldaten abtransportieren, dabei auf ihnen stehen und das Siegeszeichen machen. Sie haben explizit in diesen Gebieten operiert und sogar Quartiere mit den bewaffneten Gruppen geteilt. Es gibt journalistische Recherchen, die das belegen. Ich habe auch mit Augenzeugen in Aleppo gesprochen, die das bestätigten.

    Die Vorwürfe der syrischen Regierung verstehen sich vielleicht auch von daher, dass das öffentliche Auftreten der Weißhelme sehr propagandistisch war. Immer gegen die offizielle syrische Seite gerichtet und nicht in erster Linie auf die Humanität. Es entspricht auch nicht den internationalen Regeln für humanitäre Hilfe. Beispielsweise arbeiten humanitäre Helfer nicht mit einer Kamera. Ich habe also wiederholt Leute vom Roten Halbmond, vom Roten Kreuz und anderen Hilfsorganisationen gefragt. Wenn sie im Einsatz sind, schützen sie in erster Linie die Privatsphäre der Opfer, denen sie helfen sollen. Und sie stellen sie nicht zur Schau, wie es geschieht, wenn man sie filmt. Das stellt die Tätigkeit der „Weißhelme“ sehr in Frage.

    Aber wie passt das denn zusammen, dass sie zum einen mit den Dschihadisten und zum anderen mit westlichen Alliierten zusammenarbeiten?

    Es wäre natürlich sehr interessant, mal selbst mit den „Weißhelmen“ zu sprechen, die dort im Einsatz gewesen sind. Es ist an verschiedenen Orten bewiesen worden, dass es durchaus eine Kooperation zwischen westlichen Staaten wie den USA und diesen dschihadistischen Organisationen gab. Ich denke, das Ziel, dass der Westen solche Organisationen unterstützt, liegt natürlich darin, dass man einen Regimewechsel in Syrien durchsetzen wollte. Insofern waren die Weißhelme eine Art humanitäre Interventionstruppe an der Seite bewaffneter Gruppen.

    Die syrische Regierung sieht in der Aktion auch eine Aggression von der deutschen Seite gegen Syrien. Ist das nicht etwas übertrieben?

    Das sind natürlich harte Worte, aber aus syrischer Sicht muss man das verstehen. Es gibt so viele Beispiele, die die direkte Zusammenarbeit zwischen den westlichen Staaten und den Weißhelmen belegen. Großbritannien hat die Gründung geleitet, Deutschland, Frankreich, die USA und Kanada haben Millionen Summen an sie bezahlt. Die Bundesregierung allein hat seit ihrer Gründung 2014 zwölf Millionen überwiesen. Und medial wurde diese Gruppe von den westlichen Medien aufgebaut. Es wurden Filme über sie gedreht, sie waren die Helden sozusagen. Damit wurde nicht nur die ganze politische und militärische Ausrichtung gegen die syrische staatliche Seite begründet, sondern sie haben die Öffentlichkeit auch in den Ländern getäuscht, die diese Weißhelme unterstützt haben. Also die Öffentlichkeit in den westlichen Ländern. Damit wurde eine bestimmte Politik der Westlichen Staaten gegen die syrische staatliche Seite begründet und gerechtfertigt. Und ich glaube auch, wir unterschätzen zu stark, wie die Öffentlichkeit durch diese Gruppierung und durch die entsprechende Berichterstattung getäuscht wurde.

    Wie bewerten Sie die Ankündigung der Bundesregierung, die nun acht „Weißhelme“ samt Familie aufnehmen will?

    Die Bundesregierung ist in gewisser Weise diesen Menschen verpflichtet. Sie haben sie aufgebaut, sie haben ihnen gesagt, was sie tun sollen, sie finanziert, und jetzt müssen sie sich um sie kümmern. Das gleiche gilt natürlich auch für Frankreich, Großbritannien, die USA usw. Allerdings weiß man nicht, welche Personen aufgenommen werden. Es gibt in dieser Gruppierung natürlich auch ganz normale Mitarbeiter. Sie dachten, sie helfen einfach. Und es gab Führungspersönlichkeiten, die genau wussten, was sie taten.

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    Tags:
    Rettung, Dschihadisten, Terrorgruppe, Evakuierung, Weißhelme, Terrormiliz Daesh, Karin Leukefeld, Heiko Maas, Donald Trump, Baschar al-Assad, Nahost, Israel, Syrien