12:25 11 Dezember 2018
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    LNG-Förderungsstation in den Vereinigten StaatenPräsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker (l.) und Donald Trump im Weißen Haus

    Ablasshandel der EU: Fracking-Gas für Nord Stream 2?

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    Armin Siebert
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    Vorerst kommt es doch nicht zu den gefürchteten US-Strafzöllen auf deutsche Autos. Dafür hat EU-Kommissions-Chef Jean-Claude Juncker Präsident Trump versprechen müssen, „massiv“ amerikanisches Fracking-Gas zu kaufen. Deutschland soll ein eigenes LNG-Terminal bekommen. Im Gegenzug darf wohl die russische Pipeline Nord Stream 2 gebaut werden.

    Der Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker und der US-amerikanische Präsident Donald Trump haben einen Deal gefunden. Die EU kauft teures amerikanisches Fracking-Gas. Die USA verzichten dafür auf weitere Strafzölle.

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    Ablasshandel der EU: Fracking-Gas für Nord Stream 2?

    Es geht auch um Nord Stream 2

    Auch wenn dies auf Trumps und Junckers Pressekonferenz in Washington nicht ausgesprochen wurde, geht es bei diesem Deal wohl auch um die russische Gas-Pipeline Nord Stream 2. Die neue Leitung soll ab 2019 Erdgas von Russland nach Europa bringen. Sie wird von den USA massiv bekämpft und mit Sanktionen bedroht. De facto haben die USA kein rechtliches Mittel mehr, gegen Nord Stream 2 vorzugehen, dessen Bau auf deutscher Anlandeseite bereits begonnen hat.

    Allerdings könnten die Amerikaner durch Sanktionen den Bau verteuern und durch Drohungen Investoren einschüchtern. Trump hat sich jetzt offenbar darauf verlegt, wenn er Nord Stream 2 schon nicht verhindern kann, dann wenigsten das Beste für Amerika herauszuholen.

    Während die USA bisher betonten, dass es beim Boykott der russischen Gas-Pipeline Nord Stream 2 nur um politische Gründe geht, um eine zu große europäische Abhängigkeit von Russland zu verhindern, geht es Trump, wie von Experten schon lange vermutet wird, darum, ein möglichst großes Stück vom europäischen Gaskuchen abzubekommen.

    Juncker hat dem amerikanischen Präsidenten nun versprochen, den Import von LNG („Liquid Natural Gas“, dt. Flüssigerdgas) aus den USA „massiv zu erhöhen“. Dafür darf die EU Nord Stream 2 bauen – unter der Bedingung, dass das Marktumfeld für amerikanisches Fracking-Gas in Europa erheblich verbessert wird, um damit der Wettbewerbsnachteil gegenüber preiswerterem russischem Erdgas auszugleichen.

    Win-Win-Situation

    Für die EU könnte dies eine Lösung sein, die sie politisch rechtfertigen kann und die sie trotzdem vergleichsweise billig kommt. Politisch kann Brüssel argumentieren, dass der LNG-Import der Diversifizierung des europäischen Gasmarktes dient. Wenn auch zu einem hohen Preis. Wirtschaftlich dürfte der Aufpreis für das teurere Fracking-Gas die EU und vor allem Deutschland jedoch trotzdem billiger kommen als mögliche Strafzölle auf deutsche und europäische Autos. Gerade für die deutsche Automobilindustrie wären amerikanische Strafzölle verheerend. Für Europa könnte so ein Deal politisch und wirtschaftlich die ersehnte Lösung sein, um die USA als transatlantischen Partner und wichtigsten Absatzmarkt weiter wohlgesonnen zu halten.

    Neben Verhandlungen über die bereits verhängten Strafzölle auf Stahl und Aluminium von US-Seite und auf diverse Produkte wie Whiskey, Motorräder und Sojabohnen von EU-Seite, dürfte Gas ein Schlüsselelement bei Junckers Deal sein. Gut möglich, dass der EU-Chef damit den entscheidenden Zugang zum Geschäftsmann Trump gefunden hat, um den sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zuvor bei ihren Besuchen in Washington vergeblich bemüht hatten.

    Fracking first

    Durch die umweltschädliche Fracking-Technologie sind die USA in den letzten Jahren zum größten Gasproduzenten der Welt geworden. Inzwischen nähern sich die Produktionskosten denen von Erdgas an. Im Gegensatz zu Erdgas-Pipelines, bei denen nur einmal in die Infrastruktur investiert werden muss, ist der Transport von LNG-Gas allerdings teurer. Das Flüssiggas muss heruntergekühlt, verflüssigt, auf Spezialtanker verladen und über die Weltmeere verschifft werden. Das macht es teurer und umweltschädlicher.

    Allerdings macht Flüssiggas den Warenabsatz dafür flexibler, da man jederzeit auch Regionen beliefern kann, die keine Pipeline-Anbindung haben. Deshalb investiert auch Russland parallel zum traditionellen Pipeline-Geschäft in den LNG-Ausbau. Im Moment ist Asien und speziell Japan, das keinen Pipeline-Zugang zu Gas hat, Hauptabnehmer für das US-amerikanische Flüssiggas. Damit ist der US-Gas-Export im Moment voll ausgelastet. Deswegen hat kurioserweise Russland dieses Jahr Flüssiggas, wenn auch in vergleichsweise geringen Mengen, in die USA exportiert.

    Nun wollen die USA ihren Gas-Output bis zum Jahre 2050 nahezu verdoppeln. Damit könnten sie wahrscheinlich Asien abdecken und trotzdem noch nach Europa zuliefern. Entsprechende Infrastruktur und eventuell subventionierte Preise würde Europa für die amerikanischen LNG-Produzenten umso attraktiver machen.

    Der Markt ist gesättigt

    Zurzeit sind Europas Gasspeicher bis zum Rand gefüllt. Der Gaspreis ist billig. Neben der momentanen Überversorgung könnte vor allem der Preis zum Problem für Flüssiggas auf dem europäischen Markt werden. Der Gasmarkt ist frei reguliert, das heißt, es gibt eine Börse, an der man Gas aus verschiedenen Quellen zum aktuellen Tagespreis kaufen kann. Die bestehenden LNG-Terminals sind nicht einmal zur Hälfte ausgelastet. Und auch die russischen Pipelines laufen noch nicht auf voller Kraft.

    Dies könnte sich indes in den nächsten Jahrzehnten ändern. Viele europäische Gasfelder versiegen oder werden geschlossen. Das ist auch ein Grund für den Bau von Nord Stream 2. Durch den Trump-Juncker-Deal könnte nun auch amerikanisches Fracking-Gas sukzessive zu einer festen Größe auf dem europäischen Markt werden.

    Deutschland soll LNG-Terminal bekommen

    Anfang der Woche sickerte durch, dass auch Deutschland ein eigenes Flüssiggas-Terminal bekommen soll. Das Hafenterminal in Brunsbüttel in Schleswig-Holstein wäre das erste in Deutschland. Es wird vermutet, dass auch der Bau des LNG-Hafens in Brunsbüttel, ähnlich wie schon in Polen, aus politischen Gründen aus Steuergeldern subventioniert wird. Polen hat sich ebenfalls für eine halbe Milliarde Euro an EU-Geldern ein Terminal hinzimmern lassen und importiert bereits Flüssiggas aus den USA – trotz des im Vergleich zu russischem Erdgas höheren Preises.

    Die EU hat in den vergangenen Jahren massiv LNG-Terminals gebaut. Von den 25 Hafenterminals befinden sich vier in Frankreich, drei in Italien, sieben in Spanien, sechs in Großbritannien und je eins in den Niederlanden, Griechenland, Portugal, Belgien, Polen und Litauen. Deutschland hat, falls es doch mal Flüssiggas importierte, bisher den belgischen Hafen genutzt.

    Preis für Nord Stream 2

    Noch vor zwei Wochen twitterte Trump: „Deutschland ist Gefangener Russlands.“ Mit einem deutschen LNG-Terminal und mehr Marktanteilen für Fracking-Gas aus den USA könnte man diese Argumentation entkräften und Trump gleichzeitig eine angemessene Kompensation anbieten. Politisch und wirtschaftlich scheinen ein forcierter Marktzugang und eine direkte Belieferung Deutschlands nun der Preis für die amerikanische Absolution für Nord Stream 2 zu sein.

    Negativ betrachtet würde Deutschland mit dem neuen subventionierten LNG-Terminal und der neuen Pipeline Nord Stream 2, die Deutschland zumindest keine Anschaffungskosten bereitet, sondern von der Privatwirtschaft getragen wird, in naher Zukunft auf einem riesigen Versorgungspotential bei geringem Bedarf sitzen. Positiv betrachtet würde Deutschland zwangsläufig zum größten Gashändler in Europa werden, der je nach Wunsch russisches Erdgas oder LNG-Gas für ganz Europa und darüber hinaus zur Verfügung stellen könnte.

    Russisches Gas ist billiger

    Aktuell besteht keine Gefahr, dass Fracking-Gas aus den USA russisches Erdgas in Europa verdrängen wird. Russland liefert seit Jahrzehnten stabil und zu konkurrenzlosen Preisen Erdgas nach Europa und beherrscht den Markt zu annähernd 40 Prozent. Geht es rein nach Marktkriterien, dürften sich die Käufer vorläufig eher für russisches Erdgas entscheiden, das gewöhnlich knapp ein Drittel billiger ist als LNG-Gas.

    Allerdings könnte sich das durch eine kritische Masse von Flüssiggas auf dem Markt, bedingt durch bessere Anlieferungsmöglichkeiten, ändern. Der russische Präsident reagierte bisher gelassen auf die Konkurrenz. Nach dem G20-Gipfel in Hamburg im vergangenen Jahr, als bekannt wurde, dass Polen jetzt Flüssiggas aus den USA importiert, erklärte Wladimir Putin:

    „Wir sind davon überzeugt, dass wir mit unserem russischen Flüssiggas einen großen Preisvorteil gegenüber dem US-Angebot haben, weil die USA ihr Flüssiggas über einen viel längeren Weg nach Europa transportieren müssen. Daher sind wir froh, wenn es Konkurrenz aus den USA gibt, weil unsere Kunden dann erkennen werden, welche Vorteile Flüsiggas aus Russland mit sich bringt.“

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    Tags:
    LNG-Terminal, Wirtschaftskrieg, Strafzölle, Energiemarkt, Flüssiggas, LNG, Gaspreis, Handelskrieg, Deal, Energie, Rohstoffe, Umweltschutz, Gas, Erdgas, Pipeline, Fracking, Boykott, Handel, Sanktionen, Nord Stream 2, EU-Kommission, EU, Donald Trump, Jean-Claude Juncker, Wladimir Putin, Europa, Rumänien, Niederlande, Spanien, Japan, Polen, Großbritannien, Berlin, Deutschland, USA, Washington, Moskau, Russland